Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Die Angelruten-Revolution

Nachtangeln
Angeln am Abend: Hans-Hermann Schock am Max-Eyth-See. Zu dieser Uhrzeit, vor Sonnenuntergang, war das Angeln übrigens noch nie strittig. Ein ganz dunkles Nachtangeln wäre fototechnisch nicht ganz glücklich gewesen. © Benjamin Büttner

Hans-Hermann Schock, 73 Jahre alt, zu Hause in Höfen, einst „leidenschaftlicher Angler“, jetzt „leidenschaftlicher Funktionär“, hat eine Revolution durchgezogen. Eine Revolution ist ein Umsturz, der auf radikale Veränderung der bestehenden Verhältnisse ausgerichtet ist. Oft auch gewaltsam. Körperliche Gewalt hat Schock nicht angewendet. Zu körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel Zähneknirschen dürfte er die Verantwortlichen im Ministerium für Ländlichen Raum dennoch gebracht haben. Und die Verhältnisse, die er zum Kippen brachte, hatten immerhin über 40 Jahre Bestand. Wegen Hans-Hermann Schock ist das Nachtangelverbot Geschichte.

Medialer Wirbel mit Angelfoto vor dem Verwaltungsgericht

Die Verhandlung am Stuttgarter Verwaltungsgericht war am Dienstag, 13. Juli, und sorgte für einen so großen medialen Wirbel, dass Schock sich für den Fotografen der Bild-Zeitung mit Angelrute vors Gerichtsgebäude stellen musste. Was er ziemlich ausgefallen fand, da es dort in der Augustenstraße wirklich nichts zu fischen gibt. Am Mittwoch wurde das Urteil bekanntgegeben. Am Donnerstag dann, das Hochwasser hatte schreckliche Not und Unglück über Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gebracht, war der Rummel schlagartig vorbei und die Revolution wieder das, was sie eigentlich ist: nur interessant für eine kleine Gruppe. Die Geschichte rund um die Frage, ob die Angler jetzt in der Nacht am Ufer stehen dürfen oder nicht, ist aber so schön, dass sie dennoch erzählt werden soll.

Kurz vorab: Hans-Hermann Schock war nicht allein mit seiner Klage vor dem Verwaltungsgericht. Mit ihm klagten fünf weitere Angler. Man hatte sich zusammengeschlossen. Schock war als Mitglied des Württembergischen Anglervereins vor Ort, die fünf anderen kamen vom Landesfischereiverband. Die beiden Institutionen sind sich nicht so ganz grün. Da steckt auch Schock dahinter, aber das ist eine andere Geschichte. Und in diesem Fall konnte man, dem Gericht war’s lieb, über Animositäten hinwegsehen.

Das Nachtangelverbot: ein Unikum

Das Nachtangelverbot, gegen das Schock und seine Mitstreiter klagten, wurde 1979 festgeschrieben. Damals wurde das preußische Fischereirecht ersetzt. Das Nachtangelverbot besagt, dass Angler nur bis eine Stunde nach Sonnenuntergang und ab einer Stunde vor Sonnenaufgang fischen dürfen. Ausnahmen bei Wels, Aal und Flusskrebs. Das Verbot war ein Unikum: Im restlichen Deutschland kräht seit langem kein Hahn danach, wann Ruten ausgeworfen werden.

Schock kämpft seit rund zehn Jahren gegen dieses Verbot. Das Ministerium für Ländlichen Raum hatte sich stets mit dem Hinweis auf den Naturschutz gegen eine Änderung gesträubt. In diesem einen, seltenen Fall waren sich sogar mal eine Regierungsinstitution und die sich oftmals ja ebenfalls revolutionär gebende Tierschutzorganisation Peta einig: Peta bezeichnet das baden-württembergische Nachtangelverbot als „eine bundesweite Besonderheit mit Vorbildcharakter“. Es habe das Ziel, „die Nachtruhe der Tiere zu schützen“. So sieht es auch der Naturschutzbund Nabu. Dessen baden-württembergischer Vorsitzender erklärte, dass die Nachtruhe wichtig sei, denn „gerade an den Ufern von Flüssen und Seen“ sei die Natur besonders sensibel. Und es gehe nicht nur um Fische, sondern auch um Vögel, Insekten und Fledermäuse.

Schlafen Fische nachts? Es gibt offenbar keine Studie, die das bestätigt

Alles kein Argument, erklärt Schock. Zum einen hätten Fische ein ganz anderes Nachtleben als andere Lebewesen – jedenfalls kenne die Fischereiforschungsstelle Baden-Württemberg keine einzige Studie, die belege, dass Fische nachts schliefen. Da hat er nachgefragt. Und zum Zweiten verweist er aufs Wasserrecht und den darin festgeschriebenen Gemeingebrauch der öffentlichen Gewässer. Demnach darf nämlich ein jeder und jede auch nachts baden gehen, am Gewässer Steinchen flippern, spazieren, an ausgewiesenen Stellen Lagerfeuer anzünden und bei Gitarrenbegleitung romantische Lieder singen. Ach ja, Jägern sei es im Übrigen auch nicht verboten, die Wildsau beim Trinken zu schießen. Was also solle dann das Angelverbot? Angler seien schließlich nicht gerade dafür bekannt, dass sie mit Donner und Doria an den Ufern zugange seien. Der angeführte Naturschutzgrund sei Schmarrn, das Nachtangelverbot eine Ungerechtigkeit, und er ein „alter 68er mit dem Hang zum Widerstand gegen Ungerechtigkeit“.

Schock wäre aber nicht Schock, hätte er gegen die Verordnung, die ihn so ärgert, direkt geklagt. Das wäre womöglich aussichtslos und ein Riesentheater gewesen, nämlich eine Normenkontrollklage vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Schock – und seine Mitstreiter – haben daher wegen Eingriffen in Eigentums- und Grundrechte geklagt.

Diesen Schachzug zu erklären wäre eine juristische Vorlesung und bräuchte hunderte Zeilen, die keiner lesen will. Aber Schock hat gewusst, was er tut, denn er ist vor Gericht und im Streit mit dem Ministerium ein alter Hase und topfit in der Materie. Und er ist „beharrlich und ausdauernd“, wie ihm ein gegnerischer Rechtsanwalt mal bescheinigt hat. Kurz: Man rechtelt lieber nicht mit ihm rum. Und weil er eben ganz genau weiß, wie die Juristerei abläuft, hat er den für ihn „einfacheren Weg“ gewählt. Mit Erfolg. Das Verwaltungsgericht entschied: Das Nachtangelverbot gelte für die Kläger nicht, weil es gegen höherrangiges Recht verstoße.

Jeder andere Angler könnte jetzt, wenn er wollte, vors Gericht ziehen

Jetzt, nach dem Urteil, dürfen freilich bislang nur Schock und die fünf anderen in der Nacht angeln. Was Schock im Übrigen gar nicht tun will. Ist nicht sein Ding. Aber, sagt er, jeder andere Angler könnte jetzt, wenn er wollte, genau die gleiche Klage vor Gericht bringen, die jedes Mal verhandelt würde und – Schock hat ja vorgelegt – jedes Mal gleich beschieden würde. Das würde das Ministerium viel Zeit, viele Nerven und auch viel Geld kosten.

„Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nehmen wir an und werden sie umsetzen, indem wir die Norm zeitnah anpassen“, teilte das Ministerium für Ländlichen Raum somit nach der Urteilsverkündung auch mit.

Das Ministerium für Ländlichen Raum "prüft"

Was genau das Wörtchen „anpassen“ bedeuten soll, das allerdings ist noch offen. Das Ministerium erklärte auf Anfrage: „Das grundsätzliche Nachtangelverbot wird nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Stuttgart aufgehoben. Inwieweit Detailregelungen notwendig sind, wird nach Vorlage der Urteilsbegründung geprüft“. Hans-Hermann Schock wird wachsam bleiben.

Hans-Hermann Schock, 73 Jahre alt, zu Hause in Höfen, einst „leidenschaftlicher Angler“, jetzt „leidenschaftlicher Funktionär“, hat eine Revolution durchgezogen. Eine Revolution ist ein Umsturz, der auf radikale Veränderung der bestehenden Verhältnisse ausgerichtet ist. Oft auch gewaltsam. Körperliche Gewalt hat Schock nicht angewendet. Zu körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel Zähneknirschen dürfte er die Verantwortlichen im Ministerium für Ländlichen Raum dennoch gebracht haben. Und die

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