Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Unwetter am Montag brachte Regen, wie er nur alle 100 Jahre fällt

Unwetterfolgen Leutenbach, Winnenden, 28.06.2021.
Bevor die Feuerwehr auf der Strecke zwischen Leutenbach und Weiler zum Stein das Wasser wegpumpen konnte, musste sie sich erst mal durch sehr viel Wasser kämpfen. © Benjamin Beytekin

In Kernen, also rund um Stetten und Rommelshausen herum, kam mit am meisten runter an diesem unglaublichen Unwettermontagabend. Rund 50 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden, wobei an diesem Tag eigentlich die gesamte Regenmenge in der Zeit zwischen etwa 20 Uhr und ungefähr 21 Uhr auf die Erde prasselte. 50 Liter – das ist schon fast ein 100-jährliches Regenereignis und beeindruckt sogar Hanns Ulrich Kümmerle, den Fachmann vom Freiburger Ableger des Deutschen Wetterdienstes.

Kümmerle erklärt die Güsse in Kernen zum „superbeachtlichen“ und „seltenen Ereignis“, wobei er einen Blick über die Grenzen des Rems-Murr-Kreises wirft und auf Reutlingen weist: Dort war der Unwettersturm am heftigsten und es kamen 110 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden runter – wobei sich auch hier die 24 Stunden zu den knapp zwei Gewitterstunden zusammenballten. Das, sagt Kümmerle, sei „wirklich knackig“.

Orkan-Windböen in Kernen, in Winterbach war’s schon viel ruhiger

Was das Geschehen im Rems-Murr-Kreis nicht mindert: Kernen liegt auf der Regen-Stunden-Karte des Deutschen Wetterdienstes, die die Regenmenge von 20 bis 21 Uhr angibt, im fliederfarbenen Bereich und im Zentrum des Geschehens. Waiblingen liegt, zusammen mit Schwaikheim und Leutenbach, noch im roten, Weinstadt und Remshalden pendeln gen Gelb, was auf schon deutlich weniger Wassermassen hinweist. Und Winterbach grenzt schon an den grünen Bereich: Nur noch so ungefähr zehn Liter fielen hier. Was auch erklärt, weshalb die dortige einzige Windmessstation, die der Deutsche Wetterdienst im Kreis aufgebaut hat, nicht wirklich was Beeindruckendes zu bieten hat: Windstärke 7 – das heißt, dass die Luft mit maximal 59 Kilometern in der Stunde in Bewegung war. Aber, sagt Kümmerle: Dort, wo’s heftig regnete, hat’s auch heftig geweht. Und am Stuttgarter Flughafen – Regenmenge fliederfarben dargestellt wie in Kernen – wurde Windstärke 11 gemessen. Orkan. Ein Maximum von 107 Kilometern in der Stunde. Was heißt: Auch im Kreis hat’s mächtig geblasen.

Insgesamt 235 Einsätze wegen des Unwetters bei der Feuerwehr

Da ist’s eigentlich erstaunlich, dass nicht viel Schlimmeres passiert ist. Freilich liefen Keller und Unterführungen voll, Bundes- und Landesstraßen wurden durch umgefallene Bäume blockiert. Bei Weinstadt etwa musste die Feuerwehr kurz nach 22 Uhr zur B 29 anrücken. Insgesamt 235 Einsätze mussten die Feuerwehren des Kreises am Montagabend bis in die Nacht ableisten, die meisten in Fellbach, wo 49-mal um Hilfe gebeten wurde, und in Backnang, mit 47 Einsätzen nur knapp weniger. Hinzu kamen insgesamt sechs Brandeinsätze, bei denen die Helfer benötigt wurden.

Doch Schwerverletzte meldet die Polizei nicht. Und was zuerst höchst dramatisch klang – in Backnang wurde ein Mann in einer Kellerwohnung durch die Wassermassen eingeschlossen –, war zum Glück am Ende doch glimpflich abgelaufen. Das Wasser stand in diesem Fall zwar kniehoch, doch Gefahr für Leib und Leben habe nicht bestanden. Ohrenbetäubend war sicherlich, neben dem Prasseln der Wassermassen, jener Ton, der in der Backnanger Stadtmitte von der Alarmanlage eines dort aufgestellten Baukrans aus die Gegend beschallte. Erst nach mehreren Stunden konnte ein Verantwortlicher erreicht werden, der die Sache abstellte.

Das Technische Hilfswerk aus dem Rems-Murr-Kreis rückte dann noch nach Tübingen aus

Bis 22.30 Uhr, teilt die Polizei mit, gingen 125 Unwetter-Notrufe beim Führungs- und Lagezentrum der Polizei ein. 250 Notrufe zählte die Rettungsleitstelle des Rems-Murr-Kreises. Ach ja, das Technische Hilfswerk Rems-Murr musste gegen 1.30 Uhr in der Nacht, als sich die Lage im Kreis schon wieder beruhigt hatte, nach Tübingen ausrücken. Dort brauchte man Hilfe: Der Dusslinger Tunnel musste leer gepumpt werden.

S-Bahn-Fahrer waren trotz der Tatsache, dass alle, die in solchen Wetterlagen helfen, die Lage gut im Griff hatten, ziemlich gebeutelt: Ab etwa 20.30 Uhr, heißt es aus der Pressestelle der Deutschen Bahn, musste der Zugverkehr eingestellt werden. Äste oder gar ganze Bäume hingen in Oberleitungen, mehrere Kurzschlüsse legten erst die Strecke vom Stuttgarter Hauptbahnhof bis Fellbach lahm, ab 22 Uhr konnte das Stuttgarter Stellwerk weder Signale noch Weichen bedienen. Die S-Bahnen, die mitten auf der Strecke lagen, wurden zurück in die letzten Bahnhöfe geschickt. Dort hätten die Fahrgäste aussteigen dürfen. Die meisten zogen es jedoch vor, das Unwetter im sicheren S-Bahn-Waggon abzuwarten. Ein Weiterkommen war ohnehin schwer möglich – die Straßen waren ja auch nicht vom Unwetter verschont. Das Heimkommen zog sich hin.

Aufräumarbeiten an den Gleisen ab etwa 23 Uhr bis zum Dienstag

Gegen 23 Uhr, so die Deutsche Bahn, fuhren leere S-Bahnen auf Erkundungsfahrt, dann starteten die Aufräumarbeiten. Doch die S 3 konnte auch am Dienstagmorgen bis etwa 10.30 Uhr zwischen Backnang und Winnenden noch nicht fahren. Und die S 2 musste zwischen Fellbach und Cannstatt über die Ferngleise geleitet werden. An den gewohnten Viertelstundentakt war bei S 2 und S 3 lange Zeit nicht zu denken: Viele der dafür benötigten Bahnen standen noch irgendwo stromlos auf der Strecke.

Das Kreisforstamt aber blickt gelassen auf den stürmischen Abend zurück: Die Schäden seien „sehr überschaubar“. Nur vereinzelt seien Bäume umgestürzt oder Kronen abgebrochen. Der Sturm hat keine Schneisen geschlagen, keine ganzen Flächen kahl gefegt. Auch an den Waldwegen gebe es so gut wie keine Schäden.

Auch in der Landwirtschaft sieht’s bislang so aus, als habe man Glück gehabt: Weder im Obstbau noch auf den Äckern weiß das Landwirtschaftsamt bisher von großen Sturmschäden.

Ist das noch normal? Oder war dieses Unwetter außergewöhnlich?

Stellt sich noch die große Frage, wie so ein Wetter über uns kommen konnte. Ganz normal für diese Jahreszeit, sagt Wetterfachmann Hanns Ulrich Kümmerle. Feuchtwarme Luft aus Nordafrika sei übers Mittelmeer gezogen, habe sich da mit Wasser vollgesaugt und dieses bis zu uns transportiert. Hinzu komme der Sonnenhöchststand im Juni – da fange es eben an zu brodeln. Die Wassermengen, die runtergekommen seien, seien allerdings doch „außergewöhnlich“. Aber: Die Gewitter fänden punktuell statt. Das heißt: Am Montagabend hat Kernen ein Wassererlebnis gehabt, das so ungefähr alle 100 Jahre einmal vorkommt. Andere Kommunen hatten das nicht, obwohl sie ganz dicht an Kernen dran liegen. Im Laufe des Sommers könnte es sein, dass es noch mehrere solcher Güsse gibt. Aber eben an verschiedenen Orten. Man wisse halt nie, wen es erwischt.

In Kernen, also rund um Stetten und Rommelshausen herum, kam mit am meisten runter an diesem unglaublichen Unwettermontagabend. Rund 50 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden, wobei an diesem Tag eigentlich die gesamte Regenmenge in der Zeit zwischen etwa 20 Uhr und ungefähr 21 Uhr auf die Erde prasselte. 50 Liter – das ist schon fast ein 100-jährliches Regenereignis und beeindruckt sogar Hanns Ulrich Kümmerle, den Fachmann vom Freiburger Ableger des Deutschen Wetterdienstes.

Kümmerle

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