Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Erzwungener Impf-Tourismus empört die Menschen - im Stuttgarter Landtag gab's dagegen ein exquisites Angebot

Impfung Kätzenbach
Rund 1800 Menschen erhielten bei den drei großen Impfaktionen den Piks. © Benjamin Büttner

Die Reisebüros darben. Impftourismus dagegen hat Hochkonjunktur. Unglaubliche Absonderlichkeiten werden zur heiß ersehnten Fahrt. Es geht hinaus in die Welt – ganz gleich, wie weit. Denn die Chance, einen Impftermin im heimischen Waiblinger Kreisimpfzentrum zu erhaschen oder beim eigenen Hausarzt vor Ort, geht gegen null.

Nicht weil im KIZ eine ruhige Kugel geschoben wird und die Hausärzte den Impfstoff als Zutat der besonderen Art in ihren Nachmittagskaffee statt in die Patientinnen und Patienten spritzen. Hier wie da ist einfach – das ist nichts Neues – viel zu wenig der begehrten Flüssigkeit vorhanden. Arztpraxen konnten, so die Kassenärztliche Vereinigung, für die aktuelle Kalenderwoche 21 maximal zwölf Impfdosen pro Arzt vom begehrten Biontech bestellen. Das reicht nirgendwo hin. Da muss man sehen, wo der glückliche Zufall einen hinspült.

Für den Impftermin nach Waldshut-Tiengen

Eine Korberin fährt darum jetzt nach Waldshut-Tiengen. Nicht, weil sie schon immer mal dorthin wollte. Sie hat nirgendwo sonst einen Impftermin bekommen. Sie braucht den Impfschutz, ist sie doch für ihre pflegebedürftige Mutter da. Korb – Waldshut-Tiengen, das sind, je nach Streckenplanung, zwischen 192 und 220 Kilometer pro Fahrt. Nach der Vollendung des Impfschutzes sind etwa 800 Kilometer abgefahren. Ergibt, grob geschätzt, einen CO2-Ausstoß von 0,2 Tonnen. Laut der gemeinnützigen Organisation My Climate sollte eine Person, wenn sie den Klimawandel aufhalten will, pro Jahr höchstens 0,6 Tonnen CO2 verursachen. Da schnappt der Mensch doch kurz mal hörbar nach Luft.

Die Mutter einer Kollegin aus der Redaktion wohnt auf der Schwäbischen Alb. In Winterlingen bei Albstadt. Sie ist, sagt die Kollegin, 75 Jahre alt und pflegt zu Hause ihren Mann. Über die Hotline 116 117 gab's nie einen Impftermin, der Hausarzt vertröstete sie. Am Ostermontag um 6 Uhr in der Früh tat sich ein Türchen auf: Impfung in Rot am See, deutlich über 200 Kilometer vom Heimatort entfernt. Die Impfung, sagt die Kollegin, sei nur möglich gewesen, weil Verwandte dort in der Nähe wohnen und die Mutter bei diesen übernachten durfte.

Fahrten nach Calw, Tübingen, Ulm, Mosbach, Heidenheim

Eine andere Kollegin fuhr aus dem Rems-Murr-Kreis nach Mönsheim im Enzkreis – schlappe runde 70 Kilometer pro Strecke. Ihre Oma dagegen, die aus einem Nachbarort von Mönsheim kommt, musste nach Stuttgart fahren. Es gibt Erzählungen von Fahrten aus dem Rems-Murr-Kreis raus nach Calw, Tübingen, Ulm, Aalen, Mosbach, Heidenheim oder in den Landkreis Emmendingen. Ein Schorndorfer erzählt, er konnte seinen 84 Jahre alten Vater im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart unterbringen - immerhin eine überschaubare Distanz. Auf den Wartelisten-Anruf, dass im Waiblinger KIZ ein Termin frei sei, wartet er dagegen bis heute.

Verzweifelte Bürgerinnen und Bürger berichten von tage- und nächtelangen Sitzungen vor dem Computer. Doch fürs Impfzentrum Waiblingen lasse sich nicht mal ein Vermittlungscode generieren, der die Voraussetzung für die Buchung eines Impftermins ist. Von einem Impftermin ganz zu schweigen.

Eine griechischstämmige Frau, die in Schorndorf arbeitet, erzählt, dass sie demnächst nach Athen fliegen wird. Dort will sie sich direkt impfen lassen. Sie ist guten Muts, dass das auch klappt. Sie brauche lediglich eine griechische Krankenkassenkarte und eine Telefonnummer vor Ort.

Wie wäre es mit einer Impfreise nach Rumänien?

Ein Kollege aus der Fotoredaktion schickt einen Internet-Link: darin der Bericht über eine Impfaktion in Rumänien. Besucher des Dracula-Schlosses im siebenbürgischen Bran bekommen eine Corona-Impfung zur Tour in die Folterkammer gleich mit dazu. Der Kollege hat – dies allerdings mit Augenzwinkern – erklärt, dass er tatsächlich kurz überlegt habe.

Andere dagegen mussten sich, um eine Corona-Impfung zu bekommen, nicht einmal von ihrem Arbeitsplatz wegbewegen.

Seit Anfang Mai dürfen sich auch Menschen impfen lassen, die in die Priorisierungsgruppe 3 gehören. Diese Gruppe wurde schrittweise zugelassen. Zuerst waren Menschen mit Vorerkrankungen dran. Seit Montag, 17. Mai, dürfen auch bestimmte Berufsgruppen zum Impfen. Dazu gehören zum Beispiel Soldaten, Polizisten, Beschäftigte in der Justiz, Bestatter, Apotheker, Beschäftigte der Wasser- und Energieversorgung, auch Journalisten. Und Landtagsabgeordnete.

Die große Impfaktion im Landtag, zeitlich perfekt gelegt

Am 18. Mai, genau einen Tag nach dem Startschuss, fand eine Impfaktion im Stuttgarter Landtag statt.

Impfen ließen sich auch Landtagsabgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis. Mit dabei waren Gernot Gruber, SPD, Jochen Haußmann, FDP, Swantje Sperling, Grüne, und Christian Gehring, CDU. Siegfried Lorek, CDU, war schon einmal geimpft - er ist bei der Feuerwehr. Er erhielt am Abend von den Rest-Dosen seine Zweitimpfung. So konnte, schreibt er, sein Hausarzt jemand anderen impfen.

Julia Goll, FDP, Ralf Nentwich und Petra Häffner, beide Grüne, waren schon geimpft und mussten daher nicht mehr zugreifen. Bislang nicht zur Impfung geäußert hat sich Daniel Lindenschmid, AfD.

An dieser Stelle gilt’s, kurz innezuhalten und eines klarzustellen: Bevor jetzt Beschimpfungen nach dem Motto „Alle sind gleich, doch manche sind gleicher“ losgehen oder das böse Wort vom Impfneid fällt – jeder im Rems-Murr-Kreis, der sich seine Impfung regelkonform schon abholen konnte, hat genau das Richtige getan. Jeder, der geimpft ist, hilft mit, die Pandemie zu bekämpfen. Die Landtagsabgeordneten wären dumm gewesen, diese Möglichkeit vorbeiziehen zu lassen.

Das Formular, das die Priorisierung bescheinigt: Völlig nutzlos

Aber trotzdem muss folgende Frage gestellt werden: Supermarkt-Angestellte zum Beispiel, genauso priorisiert wie Landtagsabgeordnete, können mit ihrem Formular, das ihnen bescheinigt, zur priorisierten Gruppe zu gehören, nichts anderes anfangen, als damit die Schreibtisch-Ablage zu füllen. Denn sie müssen sich selbst um einen Impftermin bemühen. Sie warten und suchen und fahren durchs Land. Die Institution Landtag aber konnte punktgenau – einen einzigen Tag nach Zulassung der Abgeordneten – ein höchst exquisites Angebot verwirklichen. Darf das so sein?

Die Reisebüros darben. Impftourismus dagegen hat Hochkonjunktur. Unglaubliche Absonderlichkeiten werden zur heiß ersehnten Fahrt. Es geht hinaus in die Welt – ganz gleich, wie weit. Denn die Chance, einen Impftermin im heimischen Waiblinger Kreisimpfzentrum zu erhaschen oder beim eigenen Hausarzt vor Ort, geht gegen null.

Nicht weil im KIZ eine ruhige Kugel geschoben wird und die Hausärzte den Impfstoff als Zutat der besonderen Art in ihren Nachmittagskaffee statt in die Patientinnen

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