Rems-Murr-Kreis

Schließung des Schlachthauses Backnang: Woher kommt jetzt die Ware bei Kühnle?

Schlachthof
„Schlachthofskandal: Veterinäre schauen bei Tierschutzverstößen weg“, heißt der Titel des Beitrags über die Metzgerei Kühnle im ARD-Magazin Report Mainz am Dienstag, 21.45 Uhr. (Hier: Symbolbild aus einer unbestimmten Schlachterei.) © Pixabay

Vor einer mutmaßlichen Enthüllung von Unregelmäßigkeiten im Schlachtbetrieb in Backnang am Dienstag (23.8.) ab 21.45 Uhr im ARD-Magazin „Report Mainz“ hat sich die Metzgerei Kühnle freiwillig entschlossen, den Schlachtbetrieb vorerst zu schließen. Die Produktion von Fleischwaren und der Verkauf in den 16 Filialen laufen jedoch ohne Einschränkung weiter. Woher kommen nunmehr Wurst und Steak  im Verkauf? Und: Wie ist das auf den geheimen Videoaufnahmen Gezeigte einzuordnen? Eine umfangreiche Stellungnahme einer von Kühnle beauftragten Anwaltskanzlei.

„Produktion findet weiterhin in der Region für die Region statt“

Die Metzgerei Kühnle betreibt unter anderem drei Filialen in Backnang und weitere Verkaufsgeschäfte mit Imbiss- und Sitzbereichen in Unterweissach, Auenwald-Unterbrüden, Allmersbach im Tal, Steinheim an der Murr, Fellbach, Winterbach, Winnenden und Schwaikheim.

Nach der Schließung ihres Schlachtbetriebs decke die Metzgerei Kühnle bis auf weiteres den Fleischbedarf aus anderen Schlachthäusern der Region, schreiben die Rechtsanwälte Dr. Jörn Claßen und Julia Jeromin von der Kölner „Medien-Kanzlei Brost Claßen“ im Auftrag Kühnles dieser Zeitung. „Die Produktion findet weiterhin in der Region für die Region am Sitz unserer Mandantin in Backnang statt. Unsere Mandantin legt zudem weiterhin großen Wert darauf, dass die Rinder und Schweine weiterhin von den langjährigen Partnern aus der Region stammen und nun für unsere Mandantin bei einem Betrieb in der Region geschlachtet werden“, so die Anwälte.

Die Metzgerei Kühnle betont in einer Mitteilung, „dass alle getroffenen Maßnahmen aus freiwilliger unternehmerischer Entscheidung erfolgen“. Nach Mitteilung des Veterinäramtes des Rems-Murr-Kreises sei eine Schließung des Schlachtbetriebes nicht notwendig gewesen, so die Anwälte. Mit „Maßnahmen“ sind vor allem gemeint:

  • die freiwillige vorläufige Schließung ihres Schlachtbetriebs in Backnang,
  • die Beauftragung eines unabhängigen Gutachters zur Aufklärung der mutmaßlichen Vorwürfe,
  • die Freistellung zweier auf den geheimen Videoaufnahmen zu sehender Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung und unter Fortzahlung der Bezüge – bis zur Aufklärung der mutmaßlichen Vorwürfe.

Videoaufnahmen von nach der Betäubung noch zuckenden Rindern

Bei den heimlich angefertigten Videoaufnahmen im Backnanger Schlachtbetrieb „handelt es sich offensichtlich um einen Zusammenschnitt aus mehreren Monaten“, schreiben die Anwälte. „Dieser Zusammenschnitt dokumentiert nicht den normalen Ablauf des Zutriebs und der Schlachtung. Zusammengeschnitten wurden offensichtlich ausschließlich die Aufnahmen, die mögliche Unregelmäßigkeiten zeigen.“

Das Unternehmen Kühnle lege größten Wert darauf, „dass auch bei allen mit der Betäubung und Tötung der Tiere zusammenhängenden Tätigkeiten die tierschutzrechtlichen Vorgaben eingehalten werden“, schreiben die Anwälte. Ein sachverständiges Institut habe bezüglich des im Schlachtbetrieb Backnang durchgeführten Betäubungs- und Tötungsverfahrens keinerlei Fehler festgestellt.

„An jedem Schlachttag sind Mitarbeiter der zuständigen Behörde während der gesamten Schlachtung anwesend und dokumentieren die Vorgänge. Es gibt für jeden Tag ein entsprechendes Protokoll der Behörde. Die auf den Videoaufnahmen sichtbaren Bewegungen der Rinder bilden nicht den Regelfall der bei unserer Mandantin stattfindenden Schlachtprozesse ab, weshalb die Vorgänge nun mit größter Sorgfalt unter Heranziehung eines unabhängigen Gutachters aufgeklärt werden.“

Dennoch sei darauf hingewiesen, dass nach zahlreichen wissenschaftlichen Erhebungen Bewegungen der Tiere nach einer Betäubung nicht unüblich seien und „nicht zwingend einen Rückschluss auf die Wiedererlangung der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit der Tiere zulassen“.

In einem Versuchsbericht zu Bewegungen nach einer Bolzenschussbetäubung beim Rind, welcher im Rahmen eines von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung geförderten Forschungsprojektes veröffentlicht wurde, heiße es etwa: „Nach der Bolzenschussbetäubung kommen Bewegungen in mindestens einem der untersuchten Zeitabschnitte bei 93,43 Prozent der Tiere in unterschiedlicher Ausprägung vor.“ Dem Bericht lägen Untersuchungen von Juni 2020 bis April 2021 zugrunde. Untersucht wurden fünf verschiedene Schlachtbetriebe in Nordwestdeutschland an insgesamt 15 Tagen und bei einer Anzahl von 2911 Tieren im regulären Schlachtbetrieb in den Zeitabschnitten „Auswurf“, „Aufzug“, „Stich“ und Entblutestrecke (Quelle: Spektrum Tierschutz, „Art, Ausmaß und Interpretation von Bewegungen nach Bolzenschussbetäubung beim Rind“, Anika Lücking, Martin von Wenzlawowicz, Karen von Holleben). 

Tierschutzkonforme Schlachtungen: Viele Verbesserungen der vergangenen Jahre

In enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden habe Kühnle bereits in den vergangenen Jahren Maßnahmen ergriffen, um die geltenden Tierschutzvorgaben vollumfänglich einzuhalten, so die Anwälte Jörn Claßen und Julia Jeromin. Zur Beurteilung und Optimierung seines Schlachtbetriebs in Backnang habe Kühnle von sich aus ein sachverständiges Institut beauftragt. „Die ergriffenen Maßnahmen betrafen den tierschutzkonformen Zutrieb der Schweine und Rinder zur Betäubungsfalle.“ Denn aus Sicht der zuständigen Veterinärbehörde sei der Ablauf beim Zutrieb der Tiere an einzelnen Stellen verbesserungswürdig gewesen.

In Bezug auf den Zutrieb der Schweine habe Kühnle bereits alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Abläufe den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. „Bezüglich des Zutriebs der Rinder gestaltete sich die Umsetzung der behördlichen Vorgaben aufgrund der baulichen Gegebenheiten des Schlachthauses als schwieriger. Aber auch hier wurden die baulichen Gegebenheiten bereits optimiert.“ Weitere Umbaumaßnahmen seien zudem bereits beauftragt.

Nach Absprache mit der Behörde: Umbaumaßnahmen vorgenommen

„Nach intensiver und langer Suche konnte schließlich ein Unternehmen gefunden werden, welches zusagte, eine neue Rinderfalle mit automatischem Zutrieb bis Februar 2023 zu liefern.“ Für die Übergangszeit habe Kühnle in Absprache mit der Veterinärbehörde bereits Umbaumaßnahmen vornehmen lassen, „unter anderem wurden die Rinderfalle abgeändert, die Schlachtzahlen reduziert sowie eine neue Rampe zur Großviehfalle gebaut“, erläutern die Anwälte.

Beim Zutrieb der Tiere sei im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben ein elektrischer Treiber verwendet worden. „Im Umgang mit dem elektrischen Treiber halten sich unsere Mitarbeiter an die Vorgaben des Herstellers und sind zum Umgang nochmals gesondert geschult.“

Kühnle hatte in seinem Backnanger Schlachtbetrieb zwei Treiber im Einsatz: „Jedoch handelt es sich nur bei einem der Treiber um einen elektrischen. Der andere Treiber führt hingegen keinen Strom. Diese Treibhilfe wurde von einer Fachfirma dergestalt umgerüstet, dass keine elektrischen Impulse mehr ausgelöst werden können. Damit die stromlose Variante optisch erkennbar ist, wurde diese vom Griff abwärts in der Farbe Grün ummantelt. Die Spitze wurde dergestalt abgeflacht, dass der Einsatz den Tieren keine Schmerzen bereiten kann.“ Dieses Vorgehen sei in Absprache mit der zuständigen Behörde und dem beauftragten sachverständigen Institut erfolgt.

Der elektrische Viehtreiber werde unter Aufsicht von Mitarbeitern der zuständigen Behörde nur bei gesunden und unverletzten über einem Jahr alten Rindern und über vier Monate alten Schweinen eingesetzt, die die Fortbewegung im Bereich der Vereinzelung vor oder während des unmittelbaren Zutriebs zur Betäubungsfalle verweigern.

„Die Anzahl der Einsätze der jeweiligen Treiber wird pro Schlachttag von der Behörde gezählt und protokolliert. Zu keinem Zeitpunkt erfolgt durch die Mitarbeiter ein unkontrollierter Einsatz des (elektrischen) Treibers“, schreiben die Anwälte Dr. Jörn Claßen und Julia Jeromin von der Kölner „Medien-Kanzlei Brost Claßen“.

Vor einer mutmaßlichen Enthüllung von Unregelmäßigkeiten im Schlachtbetrieb in Backnang am Dienstag (23.8.) ab 21.45 Uhr im ARD-Magazin „Report Mainz“ hat sich die Metzgerei Kühnle freiwillig entschlossen, den Schlachtbetrieb vorerst zu schließen. Die Produktion von Fleischwaren und der Verkauf in den 16 Filialen laufen jedoch ohne Einschränkung weiter. Woher kommen nunmehr Wurst und Steak  im Verkauf? Und: Wie ist das auf den geheimen Videoaufnahmen Gezeigte einzuordnen? Eine umfangreiche

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