Rems-Murr-Kreis

Schmerzen: Fellbacher Arzt erzählt vom Umgang mit leidgeplagten Menschen

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Dr. Christoph Wachter. © Gaby Schneider

Seelische Not sucht sich ein Ventil. Sie kann peinigend im Kopf, im Nacken, im Rücken schmerzen.

Wer diese Zusammenhänge klar benennt, begibt sich auf dünnes Eis: Schmerzpatient/-innen könnten das missverstehen. Es könnte für sie klingen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Das bildest du dir doch nur ein.“ Zur Entspannung trägt das sicher nicht bei, und schon gar nicht, sofern Menschen bereits seit Jahren von Schmerzen geplagt sind.

Entspannung spielt aber eine große Rolle in der Schmerztherapie. Und Geduld. Denn nach ersten Therapieerfolgen kann die Schmerzkurve wieder ansteigen, „und das muss man dann gemeinsam aushalten können“, sagt Dr. med. Christoph Wachter. Er betreibt in Fellbach-Schmiden zusammen mit Thomas Tusker das Schmerzzentrum, eine Praxis für Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden.

Schmerzambulanz an Schorndorfer Klinik ist geschlossen

Noch spürt Dr. Wachter die Folgen einer Entscheidung der Rems-Murr-Kliniken nicht in bemerkenswertem Ausmaß: Die Schmerzambulanz am Schorndorfer Krankenhaus hat zum Jahresende 2021 geschlossen. Ein Sprecher der Rems-Murr-Kliniken nennt „formale Hürden“ als Grund, weshalb „eine neue Beantragung des ambulanten Sprechstundenangebots aktuell bei der Kassenärztlichen Vereinigung nicht mehr möglich“ sei. Die Schmerztherapie an den beiden Rems-Murr-Kliniken bleibt erhalten, nur die ambulante Sprechstunde entfällt.

Das wird Patient/-innen hart treffen, denn die Zahl derer, die langanhaltend mit Schmerzen zu kämpfen haben, nimmt zu, wie Dr. Christoph Wachter sagt. Das hat durchaus, davon ist der Mediziner überzeugt, mit den Gegebenheiten dieser Zeit zu tun: Mehr leisten müssen oder wollen in kürzerer Zeit, das belastet Menschen.

Viel Geduld ist vonnöten

Schmerzen sind nicht immer zuallererst körperlich begründet. Eine gründliche medizinische Bestandsaufnahme zu Beginn der Schmerztherapie wird im besten Fall körperliche Ursachen aufspüren. Doch kommen in Dr. Wachters Praxis auch Menschen, die das körperliche Problem losgeworden sind – doch den Schmerz behalten haben.

Mit diesen Menschen umzugehen, bedarf einer besonderen Sensibilität. Zu oft schon haben sie vielleicht gehört, das kann doch jetzt langsam gar nicht mehr sein. Vielleicht muss sich jemand mal alles von der Seele reden, alle Klagen loswerden, und zu Hause will es eh schon lange keine(r) mehr hören. Oder ein schmerzgeplagter Mensch möchte, auch das kommt vor, am Leiden festhalten, um etwas durchzusetzen. Oder hinter all der schmerzverursachenden Anspannung steckt eine Angststörung oder Unaussprechliches, das sich seinen Weg bahnen muss.

Dr. Wachter hört zu, macht sich ein Bild, fragt Diverses ab. Wie sehen Sie Ihre Zukunft? – Fragen wie diese kommen gar im Erhebungsbogen vor. Patient/-innen geben an, wie stark sie den Schmerz fühlen, wie sehr er sie bei der Arbeit einschränkt, inwieweit der Schlaf deswegen gestört ist.

Wenn nötig, zuerst in die stationäre Schmerztherapie

„Dann stellt man ein Konzept auf“, sagt Dr. Wachter, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten der Schmerztherapie widmet und zusätzlich zu einer Reihe von Fortbildungen jetzt noch eine Zusatzausbildung in Psychotherapie obendrauf gesattelt hat. Der Facharzt hat sich ein Netzwerk aufgebaut, vermittelt, sofern das angezeigt scheint, Patient/-innen eventuell zuerst an Kollegen anderer Fachrichtungen oder in eine stationäre Schmerztherapie, bevor er auf ambulantem Wege die Behandlung fortsetzt. In einer mehrwöchigen stationären Schmerztherapie lernen Betroffene, wie sie wieder selbst agieren und etwas erreichen können – worauf später die ambulante Betreuung aufbaut.

Handelt es sich um Tumorschmerzen, liegen die Dinge ganz anders. In diesen Fällen sind andere Therapieformen angezeigt, betont Wachter – wenngleich gerade dann das zwischenmenschliche Gespräch in den Vordergrund tritt, sobald es um die ganz schwierigen, großen Fragen geht.

Was Wachter sobald wie möglich erneut anbieten möchte, sind MBSR-Kurse. Die Abkürzung steht für „mindfulness based stress reduction“. Damit ist eine Lebenshaltung gemeint, mit deren Hilfe man mit Stress und Belastungen besser klarkommen kann. Es geht um Achtsamkeit – um wirkliche Achtsamkeit, nicht um die mit diesem Begriff verbundenen Modetrends und schon gar nicht um eine Selbstoptimierungs-Strategie.

Sich vom Strom der Gedanken und Gefühle nicht fortreißen lassen

Innehalten, sich auf den Augenblick konzentrieren, sich vom steten Strom der Gedanken und Gefühle nicht fortreißen lassen, Unabänderliches sein lassen, wie es ist, die Dinge nicht sofort bewerten, nur beobachten, wahrnehmen – all das sind Fertigkeiten, die man in der Schule leider nicht lernt. Dort geht es um Leistung und höchstens am Rande, wenn überhaupt, um den Aufbau von Ressourcen, die helfen, „mit dieser Welt umzugehen“, so fasst Christoph Wachter die Dinge zusammen.

Eine andere, wohlwollendere, sich selbst und andere wertschätzende, entspanntere Lebenshaltung etabliert man nicht auf Knopfdruck. Bis sich Veränderungen und neue Routinen richtig gut eingeschliffen haben, vergehen sechs bis zwölf Monate. Dann hat das Gehirn verstanden: Oha, der oder die meint es ernst.

Zu viele Schmerzmittel können das Problem verschärfen 

Eine Abhängigkeit von Schmerzmitteln verschwindet ebenfalls nicht über Nacht, das versteht sich von selbst. „Nicht ganz selten“, berichtet Wachter, führt langanhaltende Einnahme von Schmerzmitteln zu chronischen Kopfschmerzen – statt sie zu beseitigen. Es muss noch keine Medikamentenabhängigkeit vorliegen, und trotzdem kann dieses Phänomen auftreten, erklärt der Mediziner. Auf 70 bis 80 Prozent taxiert Wachter die Chance, dass sich die Dinge bessern, sofern Betroffene die Medikamente ausschleichen.

Jene Patient/-innen, die zu lange zu viele Opiate einnehmen, profitieren ebenfalls vom Entzug: Eine zu hohe Dosis, zusammengestückelt mittels Rezepten aus mehreren Praxen, kann zu einer Sensibilisierung des Schmerzsystems führen – und in der Folge dann zu mehr Schmerz und noch mehr Leid.

Leid aber, so kann man es auch sehen, „ist immer ein „Veränderungsmotivator“. Das ist einer der Gründe, weshalb sich Wachter seit so vielen Jahren mit komplexen Problemlagen von Schmerzpatient/-innen befasst: Veränderung hin zum Guten zu begleiten, „das ist schön“.

Seelische Not sucht sich ein Ventil. Sie kann peinigend im Kopf, im Nacken, im Rücken schmerzen.

Wer diese Zusammenhänge klar benennt, begibt sich auf dünnes Eis: Schmerzpatient/-innen könnten das missverstehen. Es könnte für sie klingen wie „Stell dich nicht so an“ oder „Das bildest du dir doch nur ein.“ Zur Entspannung trägt das sicher nicht bei, und schon gar nicht, sofern Menschen bereits seit Jahren von Schmerzen geplagt sind.

Entspannung spielt aber eine große Rolle in

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