Rems-Murr-Kreis

Schräges vom Schulhof: Ärger mit dem Elterntaxi - nicht nur im Rems-Murr-Kreis

Elterntaxi
Gesehen bei der Plaisirschule Backnang. © Gabriel Habermann

Jetzt beginnen wieder die Kampagnen gegen das berühmt-berüchtigte Elterntaxi – ob sie diesmal fruchten? Das schrägste Luxusproblem der hochmotorisierten Individualgesellschaft sorgt nicht nur an Rems und Murr seit vielen Jahren zuverlässig für Ärger. Was tun? Zu künden ist von der Kreativität der Verzweiflung ...

Kampf gegen das Elterntaxi, oder: Was es nicht alles gibt ...

Unmengen von Aktionen sollen quer durch die Republik Kinder ermuntern, selber zu Fuß, per Rad oder mit dem Bus in die Schule zu kommen – manche Gemeinden vergeben „Laufpunkte“ für jeden per pedes zurückgelegten Weg, andere pinseln Hüpfspiele auf die Gehwege, um den Schulweg einladend zu gestalten, wieder andere experimentieren mit „Laufbussen“; an vereinbarten Haltestellen treffen sich Kinder, um gemeinsam zur Schule zu pilgern.

In Hilden, Nordrhein-Westfalen, haben sie einen Wettbewerb ausgerufen – die Klasse mit den wenigsten Elterntaxi-Fahrten gewann einen Ausflug ins Phantasialand.

In Frankfurt drehte das Straßenverkehrsamt einen Anti-Elterntaxi-Kurzfilm.

In Düsseldorf warnten Schilder – „Vorsicht, liebe Kinder, hier fahren eure Eltern!“ – vor vogelwilden Rangierereien über Geh- und Radwege.

In Osnabrück richtete das Ordnungsamt Elterntaxi-Bannmeilen ein.

Und im Schweizer Kanton Thurgau kostet es 100 Franken Strafe, wenn jemand im Fahrverbot vor der Schule erwischt wird.

Elterntaxi: Ein Ärger-Klassiker im Rems-Murr-Kreis

Auch im Rems-Murr-Kreis ist Auto-Gedrängel ein Evergreen zum Schuljahresbeginn. Ein Blick in unser Archiv offenbart: Bereits 2013 lud der SPD-Ortsverein Waiblingen zu einem Bürgerstammtisch in dieser Sache. Schulleitungen berichteten damals: Man habe schon oft die Eltern angeschrieben – mit wenig Erfolg.

„Waghalsige Wendeaktionen“, „regelmäßig der Zebrastreifen vollgestellt“: So beschrieb 2014 der Elternbeirat die Lage vor der Waiblinger Wolfgang-Zacher-Schule – und schritt zur Notwehr in Form einer Plakat-Aktion: „Stopp den Verkehr – kein Eltern-Taxi“. (Und hier noch ein Beispiel aus Waiblingen.)

„Für Kinder und Umwelt: Adieu Elterntaxi!“ So lautet nun das Motto der bundesweiten Aktionstage „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ vom 19. bis 30. September. Initiatoren: das Deutsche Kinderhilfswerk, der ökologische Verkehrsclub VCD und der Verband Bildung und Erziehung. In einer Pressemitteilung schreiben sie recht drastisch: Von Elterntaxis gehe „eine besondere Gefahr“ aus. „Eltern, die ihre Kinder bis vor das Schultor chauffieren, tun dies meist, um sie sicher ans Ziel zu bringen. Tatsächlich gefährden sie sie und andere. Denn die vielen Autos am Morgen in Halteverbotszonen und zweiter Reihe führen zu verstopften Straßen und unübersichtlichem Verkehrschaos.“

Auch schon ein Klassiker: die Aktion „SpoSpiTo Bewegungsspaß“. Im April nach den Osterferien nahmen 30.000 Schüler in Baden-Württemberg teil. Aus dem Rems-Murr-Kreis waren Schulen in Leutenbach, Schwaikheim, Fornsbach, Oberweissach, Oppenweiler, Steinenberg, Plüderhausen, Neustadt und Welzheim dabei. Die Herausforderung bei SpoSpiTo (Sporteln, Spielen, Toben): Innerhalb von sechs Wochen mindestens 20-mal ohne Elterntaxi in die Schule zu kommen. Kinder, die diese Aufgabe meisterten, erhielten eine Urkunde.

Schrittzähler, Bringzonen und andere Ideen gegen das Elterntaxi

Im Herbst 2021 stattete die Backnanger Schillerschule die Viertklässler gar mit Schrittzählern aus: Die Klasse mit den meisten Schritten gewann einen Pokal. Die schlimme Situation am Parkplatz, hieß es seinerzeit, habe sich dadurch tatsächlich „etwas entspannt“ – und ein Schüler habe sich fortan nur noch „ein Stück Richtung Schule fahren“ lassen, um dann das letzte Stück zu gehen.

Etwas anders der Vorstoß, den wir dieser Tage aus Plüderhausen berichtet haben: Beim dortigen Schulzentrum wurden Hol- und Bringzonen für Elterntaxis eingerichtet. Maximale Parkdauer: drei Minuten. (Und wieder ein bisschen anders agieren sie in Alfdorf und Welzheim ...)

Ein besonders eindringliches Zeugnis von der Chauffierseuche gaben im Dezember 2021 Anwohner in Schorndorf-Weiler: Sie protestierten gegen den Bau eines Kindergartens bei der Reinhold-Maier-Schule – „schon jetzt gibt es an der Schule ein Verkehrschaos“, klagte eine Nachbarin; wie solle die Feuerwehr durchkommen, wenn der Bereich künftig noch mehr zugeparkt werde?

Eine breite Allianz gegen das Elterntaxi

Wikipedia schreibt zu all dem lapidar: „Das verbreitete Problem Elterntaxi wird von Wissenschaftlern, Lehrern, Sicherheitsexperten, Verkehrsverbänden und Polizei einhellig kritisiert und bekämpft.“ Bereits 2007 hat der Psychologe Siegbert A. Warwitz in einem verkehrspädagogischen Fachaufsatz herausgearbeitet, wie kontraproduktiv das Elterntaxi ist: Die Kinder haben dadurch nicht mehr die Gelegenheit, wertvolle Erfahrungen der Selbstständigkeit zu sammeln und eigenverantwortliche Vorsicht zu entwickeln. Kinder, die immer bis vor die Schultür kutschiert werden, verpassen obendrein den geselligen Spaß eines gemeinsamen Schulwegs mit Gleichaltrigen und starten weniger erfrischt in die erste Schulstunde.

In diesem Sinne – mehr als alle Pokale, Urkunden und Ausflüge ins Phantasialand würde eines helfen: elterliche Einsicht.

Jetzt beginnen wieder die Kampagnen gegen das berühmt-berüchtigte Elterntaxi – ob sie diesmal fruchten? Das schrägste Luxusproblem der hochmotorisierten Individualgesellschaft sorgt nicht nur an Rems und Murr seit vielen Jahren zuverlässig für Ärger. Was tun? Zu künden ist von der Kreativität der Verzweiflung ...

Kampf gegen das Elterntaxi, oder: Was es nicht alles gibt ...

Unmengen von Aktionen sollen quer durch die Republik Kinder ermuntern, selber zu Fuß, per Rad oder mit

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