Rems-Murr-Kreis

Sexualisierte Gewalt: „Die Ängste haben die Kontrolle über mein Leben übernommen“

Häusliche Gewalt
Opfern sexualisierter Gewalt fällt es schwer, Hilfe zu holen und darüber zu sprechen. © ALEXANDRA PALMIZI

Vor einigen Jahren hat sich Maria Adlers Leben verändert. Plötzlich hatte sie Angst. Angst vor alltäglichen Dingen, die zuvor selbstverständlich waren. Angst, Auto zu fahren, Angst, Erdnüsse zu essen, Angst, in den Supermarkt zu gehen, um nur einige Beispiele zu nennen. „Die Ängste haben die Kontrolle über mein Leben übernommen“, sagt Maria Adler. Sie möchte ihre Geschichte erzählen. Als Opfer möchte sie aber nicht wahrgenommen werden, weshalb wir ihren Namen geändert haben.

Denn Maria Adler ist keine, die den Kopf in den Sand steckt. „Ich habe immer wieder Hilfe gesucht, aber alles, was ich probiert habe, hat nur vorübergehend geholfen.“ Ein Therapeut habe beispielsweise mit ihr das Autofahren geübt, doch die Ängste kehrten zurück. Nach dem Essen hat sie oft stundenlang in den Spiegel geschaut, ob sich möglicherweise ein Ausschlag als allergische Reaktion bildet. Sie konnte nicht über Brücken gehen, nicht allein S-Bahn fahren, vom Fliegen ganz zu schweigen. Weil das zu ihrem Job gehört, kam bald die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hinzu. Die Ängste wurden so zahlreich und stark ausgeprägt, dass Maria Adler nicht mehr arbeiten konnte.

Rückblickend ist klar: „Lange habe ich das grundsätzliche Problem nicht erkannt.“ Maria Adler ist Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Bis heute sind die Erinnerungen bruchstückhaft. Diese Flashbacks tauchen immer wieder vor ihrem inneren Auge auf. Als würde etwas immer wieder hochkommen, das man gegessen hat, so beschreibt sie es. „Ich weiß noch, was ich anhatte, welche Jahreszeit war.“ Wann genau der Übergriff stattgefunden hat, kann sie nicht sagen, es muss in ihren Zwanzigern passiert sein, nach einem Disco-Besuch. Wer ihr Peiniger war, weiß Maria Adler allerdings genau: ein Verwandter.

Was ist eine posttraumatische Belastungsstörung?

Maria Adler hatte das Erlebte viele Jahre verdrängt. Die Geburt ihrer Tochter hat alles zum Vorschein gebracht. „Es war, als würde ich geschüttelt, ich konnte nicht mehr sitzen, stehen, laufen.“

Alles, was sie beschreibt, ist typisch für eine posttraumatische Belastungsstörung, sagt Martina Ferro, die als Traumafachberaterin bei Pro Familia Waiblingen unter anderem Ansprechpartnerin für Opfer sexualisierter Gewalt im Beratungsangebot "Flügel" ist. „Trauma bedeutet maximale Unsicherheit. Der Körper reagiert weder mit Kampf noch mit Flucht, sondern mit Erstarrung.“ Für die Betroffenen gehe es nur noch darum, wie sie wieder lebend aus der Situation herauskommen. Das Gehirn funktioniere nicht mehr richtig, das Erlebte wird nicht mehr richtig abgespeichert, zurück bleiben Fragmente. Diese tauchen dann wieder auf, wenn erneut eine gefährliche, nicht willentlich steuerbare Situation entsteht.

Über schlimme Erlebnisse reden statt verdrängen

Diese war in Maria Adlers Fall die Geburt ihres Kindes. Gedanklich zog Maria Adler Verbindungen zur Vergangenheit: „Wie kann ich auf ein kleines Kind aufpassen, wenn ich nicht auf mich aufpassen kann? Wie kann ich meine Tochter schützen?“ Maria Adler hat sich selbst die Schuld gegeben. Sie hätte besser auf sich aufpassen müssen. Weniger Alkohol trinken.

Da sie das Erlebte lange Zeit verdrängt hatte, hat Maria Adler auch nicht darüber gesprochen. „Aber es muss zur Sprache kommen“, erklärt Ferro. Und genau das passiert in den Gesprächen der Sozialpädagogin und Traumafachberaterin mit den Klientinnen. Behutsam. „Den Weg müssen die Klientinnen selbst gehen. Ich bin nur die Begleiterin, die Expeditionsleiterin.“ Ferro aber gibt ihnen die Werkzeuge an die Hand, um schließlich nicht mehr in Situationen zu erstarren, sondern auf Strategien zuzugreifen, die sie handlungsfähig machen. „Atemtechniken sind eines der wichtigsten Handwerkszeuge“, so Ferro. Durch die Atmung lasse sich das zentrale Nervensystem stimulieren. „Tiefes Ein- und Ausatmen stimuliert den parasympathischen Nerv. Dann kann ich wieder Handlung planen.“

Lernen, in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben

Auch die Arbeit mit inneren Bildern oder das Erlernen von Distanzierungstechniken sind wichtige Bestandteile der Gespräche. All das hilft, die Achtsamkeit zu schulen, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wichtig ist Ferro, den Klientinnen zu erklären, was ein Trauma ist, und ihnen klarzumachen, dass es sich nicht um individuelles Versagen handelt. Vielmehr habe der Körper damals in der gefährlichen Situation richtig reagiert. Problematisch sei, dass der Körper in eigentlich normalen Situationen mit demselben Impuls reagiere. Dieser Kreislauf müsse durchbrochen werden.

Die Gespräche waren hart für Maria Adler: „Oft war ich danach noch zwei Tage durcheinander. Aber ich musste nie etwas tun oder erzählen, was ich nicht wollte.“ Der Befreiungsschlag war schließlich ein ungeplantes Zusammentreffen mit ihrem Peiniger. Er tauchte eines Tages plötzlich in der Ferienwohnung der Familie auf. Maria Adler hatte den Rückhalt ihrer Schwestern, denen sie von dem Übergriff erzählt hatte. Und sie schaffte es, in dieser Situation nicht zu erstarren, sondern auf die in den Gesprächen mit Martina Ferro gelernten Strategien zuzugreifen. So konnte sie handeln und ihm sagen, dass sie ihn nie mehr wiedersehen will. Denn heute weiß Maria Adler, dass sie keine Schuld trifft: „Wenn jemand keinen Tee will, soll man ihm auch keinen einflößen.“ Adler ist heute eine selbstbewusste junge Frau. Sie lacht gerne, arbeitet wieder, kümmert sich um ihre Tochter.

Das alles, sagt sie, verdankt sie Pro Familia. Im Dezember 2020 hatte sie sich an die Beratungsstelle gewandt, konkret an "Flügel": „Flügel hat mir meine Bewegungsfreiheit zurückgegeben.“ Wenn sie über ihre Erlebnisse spricht, schwitzt sie bis heute, die Hände werden feucht, der Puls beschleunigt sich. Aber Maria Adler hat gelernt, damit zu leben. Die Bilder, sagt sie, verblassen immer mehr. Sie hat ihr normales Leben zurück.

Vor einigen Jahren hat sich Maria Adlers Leben verändert. Plötzlich hatte sie Angst. Angst vor alltäglichen Dingen, die zuvor selbstverständlich waren. Angst, Auto zu fahren, Angst, Erdnüsse zu essen, Angst, in den Supermarkt zu gehen, um nur einige Beispiele zu nennen. „Die Ängste haben die Kontrolle über mein Leben übernommen“, sagt Maria Adler. Sie möchte ihre Geschichte erzählen. Als Opfer möchte sie aber nicht wahrgenommen werden, weshalb wir ihren Namen geändert haben.

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