Rems-Murr-Kreis

Sexuelle Gewalt in Hunderten Fällen - Wieso hat niemand etwas bemerkt?

Kindesmissbrauch
Symbolbild. © Pixabay

Die Öffentlichkeit wird nicht erfahren, was das psychiatrische Gutachten ergeben hat: Pressevertreter/-innen und Zuhörer/-innen mussten am dritten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach, der Hunderte sexuelle Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche gestanden hatte, den Saal verlassen.

Die Verteidigung des Beschuldigten hatte beantragt, für die Zeit der Befragung des psychiatrischen Gutachters die Öffentlichkeit auszuschließen. Im Gutachten geht es auch um „Umstände aus der Intimsphäre“ des Angeklagten wie auch seiner Opfer – und diese Dinge müssen nicht vor aller Welt ausgebreitet werden.

So begründete der Vorsitzende Richter Dr. Johannes Steinbach, weshalb die Kammer dem Antrag stattgab. Verteidigung wie Staatsanwaltschaft hielten ihre Plädoyers ebenfalls hinter verschlossenen Türen: Sofern die Öffentlichkeit bei einem Prozess, wenn auch nur in Teilen, ausgeschlossen ist, muss dasselbe für die Plädoyers gelten, so sieht es die Strafprozessordnung vor.

Voraussichtlich fällt das Urteil schon am 19. Mai

Zunächst waren sieben volle Verhandlungstage für den Prozess vorgesehen gewesen. Die Planung hat sich nach dem umfassenden Geständnis geändert: Aller Voraussicht nach fällt das Urteil bereits nach drei Terminen dann am 19. Mai, sofern sich nicht noch Unvorhergesehenes ereignet.

Es geht im Prozess um Missbrauchstaten, auch um schweren sexuellen Missbrauch von Jungen, die etwa 13 oder 14 Jahre alt waren, als die Übergriffe begannen. Einer der mittlerweile erwachsenen Betroffenen hatte im Sommer 2021 das Schweigen gebrochen und das Gespräch mit einer Vertrauensperson gesucht.

Mit einer mehrjährigen Haftstrafe ist definitiv zu rechnen

Am Montag, 9. Mai, dem dritten Verhandlungstag, wies der Vorsitzende Richter Johannes Steinbach auf einen mutmaßlichen „Zählfehler“ hin: Ob es am Ende um 516 mutmaßliche Einzeltaten gehen wird oder um 567, wie ursprünglich genannt, wird fürs Urteil keine entscheidende Rolle spielen. Dem Angeklagten, der ehrenamtlich als Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach viele Jahre lang im Einsatz war, droht eine mehrjährige Haftstrafe. Er hatte auch bei anderen Vereinen Kinder und Jugendliche betreut.

In 13 Fällen wirft die Anklage dem 53-jährigen Sozialpädagogen schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Laut Jugendschutzgesetz ist man ein Kind, solange man noch nicht 14 Jahre alt ist. Unter den Straftatbestand „schwerer sexueller Missbrauch“ fallen auch Vergewaltigungen.

Was unter sexuellem Missbrauch zu verstehen ist, definiert die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung – dieses Amt hat zurzeit die Journalistin und systemische Organisationsberaterin Kerstin Claus inne – auf ihren Internetseiten: Jede „sexuelle Handlung, die an, mit oder vor Kindern und Jugendlichen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können“ sei als sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt definiert.

Der Täter oder die Täterin nutze seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, „um eigene Bedürfnisse auf Kosten Minderjähriger zu befriedigen.“ Weiter informiert die Unabhängige Beauftragte: „Bei unter 14-Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können. Sexuelle Handlungen sind immer als sexuelle Gewalt zu werten, selbst wenn ein Kind ausdrückt, dass es einverstanden ist, oder ein Täter oder eine Täterin dies so interpretiert.“

Der Angeklagte soll über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan haben. Einer der Jungs war der Anklage zufolge über einen Zeitraum von fünf Jahren seinem Peiniger ausgesetzt.

Warum hat all die Jahre niemand etwas bemerkt?

Die Opfer werden ein Leben lang mit den Folgen kämpfen müssen – und vermutlich hat auch für Eltern, für die frühere Ehefrau des Angeklagten, für alle, die im Verein mit dem Mann zu tun hatten, ein unvergleichlich harter Leidensweg begonnen, weil diese Frage sie quält: Warum hat niemand etwas bemerkt?

Ganz allgemeine, natürlich nicht auf den Fellbacher Fall bezogene Hinweise gibt es dazu beim Hilfeportal sexueller Missbrauch: Täter/-innen missbrauchen demnach „nicht nur das Vertrauen des Kindes, sondern auch des sozialen Umfelds. Sie sorgen dafür, dass ihnen niemand eine solche Tat zutraut und geben sich zum Beispiel besonders fürsorglich, aufmerksam, hilfsbereit.“

Viele Täter/-innen sind dem Hilfeportal zufolge „in Berufen zu finden, die eine unverfängliche Nähe zu Kindern erlauben. Sie profitieren vom guten Ruf anerkannter pädagogischer, sportlicher oder religiöser Einrichtungen, in denen sie tätig sind, und von dem Vertrauen, das Eltern ihnen entgegenbringen. Sie zeichnen sich häufig durch pädagogisches Geschick aus und machen sich bei Kindern und im Kollegium oder Team beliebt. So erreichen sie, dass zunächst niemand den Gerüchten über ein Fehlverhalten glaubt.“

Der Mann hatte seine Opfer offenbar sehr systematisch manipuliert, sie gelockt und bedroht, ihre Sehnsucht nach einer Vaterfigur für seine Zwecke ausgenutzt, sie anhaltend unter Druck gesetzt. Den älteren Jungen dürfte auch klar gewesen sein, dass ihrem Trainer erhebliche Konsequenzen drohen, wenn sie reden. Was für ein furchtbarer Druck muss auf einer jungen Seele lasten, wenn ein Täter den Eindruck entstehen lässt, das Opfer trage Verantwortung.

Im psychiatrischen Gutachten dürften Hinweise enthalten sein, ob der Angeklagte pädophil ist. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, weshalb dazu momentan keine Informationen vorliegen. Grundsätzlich gilt: Längst nicht alle Personen, die sich sexueller Gewalt an Kindern schuldig machen, sind pädophil. Es kann um Machtmissbrauch gehen, nicht vorrangig um die sexuelle Präferenz.

Pädophilie oder nicht: Momentan keine Information verfügbar

Damit kein falsches Bild entsteht: Nur ein mutmaßlich kleiner Teil der Menschen mit Pädophilie wird zum Täter/zur Täterin, darauf weist das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ hin.

Vielleicht geht Richter Steinbach in seiner Urteilsbegründung am 19. Mai auf diesen Aspekt ein – man wird sehen. Ein Geständnis, wie es der Angeklagte, der sich einer ausgesprochen erdrückenden Beweislast ausgesetzt sieht, gleich zu Beginn verlesen hatte lassen, wird jedenfalls laut einer Informationsschrift der Unabhängigen Beauftragten „stets positiv bei der Strafzumessung berücksichtigt.“

Das gilt besonders dann, „wenn es das weitere Verfahren abkürzt und dem betroffenen Kind unter Umständen sogar eine weitere Vernehmung erspart.“ Das trifft im Fellbacher Fall zu.

Zum 1. Juli 2021 ist in weiten Teilen das Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Kraft getreten. Im Zuge dessen wurden mehrere Strafrahmen verschärft. Sexueller Missbrauch von Kindern ist seitdem mit einer Mindeststrafe von einem Jahr belegt und damit als Verbrechen zu werten. Gleiches gilt für Verbreitung, Erwerb oder Besitz von Kinderpornografie, was zuvor auch lediglich mit einer Geldstrafe geahndet werden konnte.

Begriff „Kinderpornografie“ ist irreführend: Missbrauchsdarstellung

Nichts geändert hat sich bei der Strafhöhe des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern. Dieser wurde bereits zuvor als Verbrechen bestraft und war schon vor der Gesetzesanpassung mit einer Mindeststrafe von zwei Jahren belegt.

Dem 53-Jährigen wird außer den Gewalttaten auch der Besitz von Kinderpornografie vorgeworfen. Der Mann hatte die Taten gefilmt. Die Polizei hatte Datenmengen im Terabyte-Bereich sichergestellt.

Der Begriff „Kinderpornografie“ ist irreführend, wie die Unabhängige Beauftragte weiter erklärt. Sie verwendet den Begriff „Missbrauchsdarstellung“, um zu verdeutlichen, „dass es keine erlaubten sexualisierten Darstellungen von Kindern geben kann, sondern jede sexuelle Handlung vor oder an einem Kind einen Missbrauch beziehungsweise sexuelle Gewalt darstellt.“ Den im Strafrecht verwendeten Begriff „Kinderpornografie“ bewertet die Beauftragte vor diesem Hintergrund als „ungenau und verharmlosend.“

Die Öffentlichkeit wird nicht erfahren, was das psychiatrische Gutachten ergeben hat: Pressevertreter/-innen und Zuhörer/-innen mussten am dritten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Handball-Jugendtrainer des SV Fellbach, der Hunderte sexuelle Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche gestanden hatte, den Saal verlassen.

Die Verteidigung des Beschuldigten hatte beantragt, für die Zeit der Befragung des psychiatrischen Gutachters die Öffentlichkeit auszuschließen. Im Gutachten geht es

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