Rems-Murr-Kreis

Sind Wald-Großbrände im Rems-Murr-Kreis möglich und die Feuerwehren gerüstet?

Waldbrand, Birkenwald, Burgstetten-Erbstetten, 03.08.2022.
Waldbrand bei Burgstetten-Erbstetten am 3. August 2022. © Benjamin Beytekin

„Es ist noch nicht einmal Mitte August und wir haben 2022 im Rems-Murr-Kreis bereits deutlich mehr Vegetationsbrände erlebt als im Jahresdurchschnitt der vergangenen Jahre“, sagt Kreisbrandmeister René Wauro. Großerlach, Murrhardt, Rudersberg, Leutenbach: Die Waldbrände der vergangenen Tage konnten schnell gelöscht werden. Wären bei uns Großbrände wie in Sachsen und Brandenburg überhaupt möglich? Und: Wie gut sind unsere Feuerwehren ertüchtigt gegen hartnäckige Vegetationsbrände?

In Sachsen, Brandenburg, Berlin-Grunewald sind es vor allem Nadelbaum-Monokulturen, Munition in der Erde und geologische Beschaffenheiten des Bodens sowie starke Windböen, die die Ausbreitung von Flächenbränden begünstigen. „Die Trockenheit wird jedoch auch für unsere Mischwälder immer gefährlicher“, sagt Kreisbrandmeister Wauro. „Laut dem Deutschen Wetterdienst haben wir bei uns zwar nach wie vor nur die Waldbrand-Gefahrenstufe vier (hohe Gefahr). Ich hätte jetzt eigentlich gedacht fünf, die höchste Stufe (sehr hohe Gefahr). Aber der DWD sagt vier mit Referenzgebiet Kaisersbach-Cronhütte. Auch im Verlauf der Woche bis Samstag, 13. August, soll es wohl so bleiben. Und weitere Hitzetage, teilweise windig, werden folgen.“

Immer mehr Vegetationsbrände, und kein Ende in Sicht

Bereits jetzt ist es dieser Tage zu zahlreichen Vegetationsbränden im Rems-Murr-Kreis gekommen, wie das Polizeipräsidium Aalen berichtet. Zwischen Erbstetten und Nellmersbach musste die Feuerwehr bereits am Mittwoch (3.8.) gegen 16 Uhr ausrücken. Offenbar war abgelagertes Brennholz in Brand geraten, der sich auf einer Fläche von etwa 100 Quadratmetern ausbreitete, sich aber weitgehend auf den Bodenbereich beschränkte.

Besonders ereignisreich war dann das Wochenende. Entlang der Wieslauftalbahn kam es gleich zu drei einzelnen Vegetationsbränden. Zwischen Michelau und Schlechtbach brannte am Samstag (6.8.) gegen 14.30 Uhr eine Fläche von rund 120 Quadratmetern. Kurz vor 17.30 Uhr kam es erneut bei Schlechtbach zu einem Feuer entlang der Bahntrasse. Gegen 17.45 Uhr wurde dann ein Feuer in Haubersbronn an den Gleisen unterhalb der B 29 gemeldet. Funkenflüge durch Bremsvorgänge der Bahn bieten sich hier als Brandursachen an.

„Auch Böschungsbrände entlang von Landes- oder Bundesstraßen sind durch Funkenflug etwa von LKW-Bremsen grundsätzlich möglich bei dieser Trockenheit. Klassisch können auch eine weggeworfene Zigarettenkippe oder eine nicht ordentlich abgelöschte Glut von Grill oder Lagerfeuer ursächlich sein, die gerade in Waldesnähe streng verboten sind“, erläutert Wauro.

In den meisten Fällen sind die Brandursachen unklar. So kam es am Sonntagmorgen (7.8.) in Sulzbach-Bartenbach kurz nach 8 Uhr zu einem Waldbrand im Gewann Steinberg. Hier brannte es auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfeldes. In Murrhardt wurde beim Römischen Wachturm am Sonntagnachmittag gegen 14.30 Uhr ein Waldbrand gemeldet. Hier hatten circa 900 Quadratmeter Wald und Buschwerk Feuer gefangen. Kurz nach 18 Uhr kam es zu einem Wiesenbrand entlang eines Fahrradweges in Richtung Kochertalbrücke. Hier waren etwa 100 Quadratmeter betroffen.

Am Montagabend (8.8.) gegen 20.30 Uhr waren die Feuerwehren Großerlach und Murrhardt wegen einer brennenden Waldfläche zwischen Schönbronn und Marhördt im Einsatz. Laut Mitteilung des Polizeipräsidiums Aalen war eine Fläche von 15 mal 50 Meter betroffen. In Großerlach hatte schon am Donnerstag (4. August) Vegetation Feuer gefangen. Gegen 12.45 Uhr war im Gebiet zwischen Erlacher Höhe und einem dortigen Funkturm der trockene Waldboden auf einer Fläche von etwa 800 Quadratmetern in Brand geraten.

Besondere Probleme bei der Waldbrand-Bekämpfung

In allen Fällen konnten die Feuerwehr problemlos und schnell löschen. Das muss aber nicht immer so sein, sagt Kreisbrandmeister René Wauro. „Bei Waldbränden ist nämlich häufig das Problem, dass wir nicht sofort genau wissen, wo sie sind. Wer meldet es, wo befindet er sich? Kann er die Lokation genau eingrenzen? Manchmal müssen wir dann eben nach Koordinaten und GPS fahren. Wir wissen mitunter nicht, kommen wir hin? Gibt es dort eine befahrbare Forststraße? Das ist manchmal schwierig.“

Wenn es die Förster sind, die einen Waldbrand bemerken, dann sei dies gut, denn die kennen sich am besten aus und können genauere Ortsangaben machen. „Wir sind in engem Kontakt mit dem Forstamt und Forst BW und tauschen uns immer wieder aus. Die Förster sind jeden Tag im Wald. Die haben die Expertise, wissen zum Beispiel genau, wo in ihrem Wald mehr Totholz ist und wo die Feuergefahr vielleicht ein bisschen größer ist.“

Zur Lokalisierung von Brandorten im Wald im Rems-Murr-Kreis habe seiner Erinnerung nach noch nie ein Hubschrauber angefordert werden müssen, sagt Wauro. „Das wäre natürlich möglich, da würden wir uns an den Bezirksbrandmeister wenden beziehungsweise das Regierungspräsidium, aber das war bislang nicht notwendig.“

Gibt es dieser Tage Hotspots, wo die Waldbrandgefahr im Rems-Murr-Kreis am größten ist? „Hotspots kann ich bis jetzt nicht ausmachen. Die Vegetationsbrände waren weit verteilt. Wir sind aber in Kontakt mit der Integrierten Notruf-Leitstelle und dem Forstamt, um das von nun an genauer zu dokumentieren“, sagt Wauro.

Ist der Rems-Murr-Kreis für Flächenbrände prädestiniert?

Ob infernalische Flächenbrände wie in Südeuropa, den USA oder in Sachsen und Brandenburg auch im Rems-Murr-Kreis drohen, ist schwer abzuschätzen. „Es kommt auch auf die Winde an und ob es viele Hanglagen gibt, wo sich Brände tendenziell schneller verbreiten. Unser Bezirksbrandmeister berichtete vor kurzem aus Sachsen, wo Glut und Feuer mittlerweile in die Wurzeln gegangen sind und von Wurzel zu Wurzel innerhalb der Erde springen. Da gibt es Böden, die dies leichter machen. Aber da bin ich überfragt, ich bin kein Geologe“, sagt Wauro.

Besonders Nadelbaum-Monokulturen, die zwar weitläufige, aber nur flache Wurzeln ausbilden, und sandige Böden sind prädestiniert für sich schnell ausbreitende Groß-Waldbrände. Nadelholzharze können wie Brandbeschleuniger wirken.

40 Prozent der Fläche des Rems-Murr-Kreises sind mit Wald bedeckt: Laub- und Nadelbäume halten sich in etwa die Waage. Laut der Studie „Landschaft und Böden im Regierungsbezirk Stuttgart“ (2015) liegt geologisch gesehen die eine Hälfte des Rems-Murr-Kreises von Murrhardt bis Schorndorf im „Keuperbergland“ und die andere Hälfte von Backnang bis Waiblingen im „Kraichgau und Neckarbecken“.

Die Böden letztgenannter geologischer Region sind ganz grob gesagt vor allem löss- und tonhaltig (Braun- und Fließerden) und auf den Talhängen muschelkalkhaltig. „Ein kleinräumiger Wechsel von sandigen und tonigen Böden zeichnet das Keuperbergland aus. (...) Die hier dominierenden Bodentypen sind daher Braunerden aus eher sandig-lehmigen und (...) tongründige Fließerden“, steht in der Studie. Nach wochen-, ja monatelanger Trockenheit verschwindet jedoch auch die letzte Staunässe aus jeder noch so lehmigen Tonerde.

Löschflugzeuge aus Frankreich

Die baden-württembergische Landesregierung ist sich der Gefahr bewusst. „Man ist gerade dabei, ein Waldbrandbekämpfungsmodul aufzubauen“, sagt Rems-Murr-Kreisbrandmeister Wauro. „Unsere Feuerwehren löschen Waldbrände vor allem mit Wasser, das, wenn die Gegend für Schläuche nicht erreichbar ist oder das Terrain schwierig, mit Löschrucksäcken an die Brandherde getragen wird. Die haben eine Wasserkapazität von rund 20 Litern und kleine Strahlrohre. Zudem Feuerpatschen, Haken und Spaten zum Ausheben von Gräben. Mit der Ausrüstung kommt man bei den kleineren Bränden bislang gut aus und unsere Feuerwehren bilden sich gezielt weiter in diesem Bereich und was Vegetationsbrand-Bekämpfungstaktiken angeht. Das muss aber noch intensiviert werden.“

Und wenn doch einmal eine Großlage kommt? Löschhubschrauber von Polizei und Bundeswehr wären in Baden-Württemberg zwar abrufbar. Jedoch besitzt das Land keine eigenen Löschflugzeuge, auch weil es keine geeigneten Wasserflächen zur Wasseraufnahme im Vorbeifliegen gibt, teilt das Landes-Innenministerium mit.

Der Bodensee eigne sich aufgrund des regen Schiffs- und Wassersport-Verkehrs sowie der vielen Badenden nicht. So hat das Land nun eine Zusammenarbeit mit Frankreich zum Einsatz kleinerer Löschflugzeuge vereinbart, sollte Bedarf dafür bestehen, teilt das Innenministerium mit.

„Es ist noch nicht einmal Mitte August und wir haben 2022 im Rems-Murr-Kreis bereits deutlich mehr Vegetationsbrände erlebt als im Jahresdurchschnitt der vergangenen Jahre“, sagt Kreisbrandmeister René Wauro. Großerlach, Murrhardt, Rudersberg, Leutenbach: Die Waldbrände der vergangenen Tage konnten schnell gelöscht werden. Wären bei uns Großbrände wie in Sachsen und Brandenburg überhaupt möglich? Und: Wie gut sind unsere Feuerwehren ertüchtigt gegen hartnäckige Vegetationsbrände?

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