Rems-Murr-Kreis

Sport, als Welt-Theater betrachtet: Oskar Beck aus Endersbach und sein Buch "Und alles wegen Ali"

Maradona
Hoher Sprung und tiefer Fall, Leidenschaft und Schmerz, ein Welttheater – das ist Sport! Szene aus dem WM-Endspiel 1986; der unvergleichliche Diego Maradona stürzt über Karlheinz Förster und Toni Schumacher. © ddp

Im Sport gehe es um Ergebnisse, 1:0 im Fußball, 6:3 im Tennis, 32:27 im Handball? So ein bürokratischer Quatsch – Sport ist der Stoff, aus dem Shakespeare Königsdramen geformt hätte und Habermas eine komplett unverständliche Gesellschaftsanalyse ableiten könnte! Sport handelt von Siegern und Verlierern? Sicher, das auch. Und von Verlierern, denen Niederlagen zu Triumphen werden, und Siegern, die an ihren Erfolgen zerbrechen. Über sich hinauswachsen und in Abgründe stürzen, Großmut und Intrige, Rausch und Kalkül – Sport bringt das Beste und Schlimmste in uns zum Vorschein und all die vielfältig gebrochenen Farben dazwischen. Sport: Das ist die große Erzählung vom Menschen.

Um Sport in diesem Sinne geht es in einem Buch des Reporters Oskar Beck, Jahrgang 1949, aus Endersbach stammend; es heißt: „Und alles wegen Ali“. Beck beschreibt Begegnungen und Begebenheiten aus 50 Berufsjahren – von Jogi Löw bis Max Merkel, Maria Sharapowa bis Wladimir Klitschko, Ben Johnson bis Boris Becker, Maradona bis Ronaldo, Katarina Witt bis Reinhold Messner. Völlig sinnlos, alle Namen runterzubeten, die ganze Anekdotenfülle fahl zu referieren. Um ein Gefühl für den Beck-Ton zu vermitteln, genügt beispielhaft eine einzige Geschichte.

Der Bomber, der Alkohol und der Nebel des Vergessens

Der alte Mann „lebt in einem Heim, pflegebedürftig, und bald wird er nicht mehr wissen, wer er war. Alzheimer. Er verliert sein Gedächtnis. Umso wichtiger ist es, dass die Welt sich an ihn erinnert.“

So entrollt sich die Gerd-Müller-Saga; sie geizt nicht mit Toren, aber stromert weit über die Seitenlinie des Spielfelds hinaus. Der ganze Kampf einer Alkoholsucht und ihrer Überwindung verdichtet sich in einer knappen Szene von leuchtender Präzision: „Anfang der 90er saßen wir im Bayernklubheim an der Säbener Straße beim Mittagessen, und Müller hatte vor sich einen trockenen Salat. Dann holte er einen Flachmann aus der Tasche, ließ ein paar Tropfen in die Schüssel fallen und schaufelte alles gut um. Erschrocken starrte ich ihn an, aber er lachte laut und beruhigte mich: ,I hab nur meinen eigenen Essig dabei.’ Denn schon ein paar Tropfen Weinessig im Salat hätten ihn wieder in den Rückfall getrieben.“

Heute „lebt er im Nebel des Vergessens. Trotzdem dürfen wir die Erzählung hier halbwegs tröstlich beenden. Denn bevor Gerd Müller seine Erinnerungen an die eigene, unvergleichliche Vergangenheit verlor, ist er noch rechtzeitig gefragt worden, was er gerne anders machen würde, und er sagte: ,Nichts. Ein schöneres Leben gibt es nicht’.“

Auf den Schultern von Riesen: Beck, Blickensdörfer, Schröder

Beck gehört zur zweiten Generation jener deutschen Reporter, die den Sport über das Ergebnis hinaus schreibend erschlossen haben, sich mit der protokollarischen Chronistenpflicht nicht mehr begnügen wollten, diesem endlosen 1:0 (54.) und 1:1 /78.). Die ersten Pioniere, das waren Männer wie Hans Blickensdörfer, der die Tour de France in ein homerisches Epos verwandelte, gegen das jede Live-TV-Übertragung ein Langweiler war, oder der große Ulfert Schröder. Sie gönnten sich jenen Schuss Größenwahnsinn – nein, den gesunden Ehrgeiz –, dass der Sport keine Schriftführer verdient, sondern Schriftsteller.

Auf den Schultern dieser Riesen steht Beck und weiß den Panoramablick von da oben meisterhaft zu nutzen. Als freier Autor beliefert er viele Magazine, im Zeitungsverlag Waiblingen aber ist er aus anderem Grunde eine sagenumwobene Gestalt: Er war bei uns mal Volontär. Der Oskar, sagen die Alten, die ihn noch erlebt haben, also der Oskar ...

Trieb im Tann: Oskar Beck und der Zeitungsverlag Waiblingen

Im Welzheimer Wald habe der Kerle, ein blutiger Anfänger damals noch, mal ein benutztes Kondom gefunden; und daraus gleich die ganz große Welterzählung vom Triebleben im Tann geformt. Einmal sei er mit einem wunderschönen Zitat eines Bürgermeisters aus der Gemeinderatssitzung zurückgekommen. „Aber das hat er doch so nicht gesagt?!“, staunten die Kollegen, die den Schultes als eher spröden Sprecher kannten. Beck soll geantwortet haben: „Aber er hätte es so sagen können.“

Im Buch erzählt er nun auch, wie alles anfing. Jung-Oskar, Anfang 20, suchte „verzweifelt nach einem vernünftigen Beruf“, fuhr deshalb „eines Morgens auf gut Glück zur Waiblinger Kreiszeitung“, klopfte an die Tür von Chefredakteur Richard Retter und sagte: „Ich will Journalist werden.“

Retter: „Schreiben Sie mir zur Probe mal was, irgendwas, was Sie wollen.“

Beck „fuhr wieder heim, schrieb irgendwas über Muhammad Ali, brachte es zur Post, und tags darauf schellte das Telefon.“

Am Apparat: Richard Retter. Er sagte: „Sie können morgen anfangen.“

Im Sport gehe es um Ergebnisse, 1:0 im Fußball, 6:3 im Tennis, 32:27 im Handball? So ein bürokratischer Quatsch – Sport ist der Stoff, aus dem Shakespeare Königsdramen geformt hätte und Habermas eine komplett unverständliche Gesellschaftsanalyse ableiten könnte! Sport handelt von Siegern und Verlierern? Sicher, das auch. Und von Verlierern, denen Niederlagen zu Triumphen werden, und Siegern, die an ihren Erfolgen zerbrechen. Über sich hinauswachsen und in Abgründe stürzen, Großmut und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper