Rems-Murr-Kreis

Stephan Bergmann, Lothar Hirneise und die gefährliche Lehre des Ryke Geerd Hamer

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Stephan Bergmann bei einer Demonstration in Schorndorf. © Ralph Steinemann Pressefoto (Archiv)

Im Februar soll ein Online-Kongress zu den sogenannten „fünf biologischen Naturgesetzen“ stattfinden. Einer der Veranstalter: Stephan Bergman, ehemaliger Sprecher von „Querdenken 711“. Einer der Redner: Lothar Hirneise, selbsternannter Krebsforscher am 3E-Zentrum in Remshalden. Thema: die bei Esoterikern, Rechtsextremisten und Reichsbürgern beliebte Irrlehre eines mittlerweile verstorbenen ehemaligen Arztes, der laut Experten zahlreiche Leben auf dem Gewissen hat. Was treibt die Beteiligten dazu, hier mitzuwirken?

Die "fünf biologischen Naturgesetze": Wer war Ryke Geerd Hamer?

Wir besuchen die Website des Kongresses. Das Video einer vergangenen Veranstaltung soll offenbar einstimmen auf das, was potentielle Teilnehmer erwartet. Es geht über eine Stunde, aber es dauert keine halbe Minute, bis der Name Ryke Geerd Hamer das erst Mal fällt. „Vor ungefähr 40 Jahren hat Dr. Ryke Geerd Hamer die fünf biologischen Naturgesetze definiert“, sagt Stephan Bergmann. Er sitzt in einer Runde, die große Überschneidungen zur Rednerliste des geplanten Kongresses aufweist – Lothar Hirneise ist allerdings nicht dabei. Im weiteren Verlauf des Videos beziehen sich mehrere Redner positiv auf Hamers Lehre.

Ryke Geerd Hamer war ein deutscher Arzt, der heute vor allem für die Begründung der sogenannten „Germanischen Neuen Medizin“ bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine esoterische Pseudoheilslehre. „Die Germanische Neue Medizin erweist sich besonders anschlussfähig an rechtsextremistische Gruppen und völkisch-esoterische Bewegungen“, schreibt Esoterik-Experte Matthias Pöhlmann in seinem Buch „Rechte Esoterik“. Hamer verlor zu Lebzeiten seine Approbation, saß mehrfach in Haft und sah sich bis zu seinem Tod im Jahr 2017 mehreren offenen Haftbefehlen gegenüber. Experten halten seine Lehre für gefährlich.

„Germanische Neue Medizin“: Tödliche Lehre ohne Grundlage

„Bei der sogenannten ‚Germanischen Neuen Medizin‘ von Herrn Hamer handelt es sich um ein in der Biographie und Träumen von Herrn Hamer begründetes Theorem ohne jede wissenschaftliche oder empirische Begründung“, schrieb die Deutsche Krebsgesellschaft bereits vor etlichen Jahren in einer gutachterlichen Stellungnahme. Die Grundhypothese Hamers, dass Krankheiten aus Konflikten entstehen, die nur gelöst werden müssten, sei widerlegt. Belegt seien dagegen „mehrere Todesfälle von Menschen, die seiner Theorie vertrauten“ – und bei korrekter Behandlung eine Heilungschance besessen hätten.

Europaweit bekannt wurde Hamer 1995 durch einen Fall, der – vergleichsweise – glimpflich ausging: Bei einem damals sechsjährigen Mädchen war ein Tumor mit guter Heilungschance entdeckt worden war. Die Eltern, Sekten-Anhänger, holten die Sechsjährige aus dem Krankenhaus. Sie wollten ihre Tochter lieber von Hamer behandeln lassen. Das war der Beginn einer vielbeachteten Flucht, die schließlich im spanischen Malaga endete. Hamer und die Eltern wurden anschließend verurteilt. Das Mädchen konnte in einer Klinik behandelt und geheilt werden. Trotzdem zählt ihr Vater heute zu den bekanntesten Anhängern der „Germanischen Neuen Medizin.“

Katharina Nocun: Antisemitismus Hamers für Reichsbürger attraktiv

Hamer hatte zu Lebzeiten nicht nur Kontakt zu Reichsbürgern, Rechtsextremisten und Verschwörungsideologen. Er teilte auch deren antisemitische Ideologie. "Antisemitische Verschwörungserzählungen waren ein zentrales Element für Hamers Ablehnung der Medizin und das kann man nicht so einfach ausblenden“, sagt die Autorin Katharina Nocun. Sie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Verschwörungserzählungen und Esoterik und hat zuletzt mit Pia Lamberty das Buch „Gefährlicher Glaube“ veröffentlicht.

„Hinter der modernen Medizin und der Onkologie im Besonderen vermutete Hamer eine jüdische Weltverschwörung, die dazu diene Nicht-Juden umzubringen.“, so die Expertin. Bei Recherchen zu Hamers Lehre sei sie immer wieder auf Corona-Verschwörungserzählungen und QAnon-Ideologie gestoßen. „Hamer selbst hat zu Lebzeiten drastische Horrorgeschichten zum Thema Impfen verbreitet, die etwa von durch Killer-Satelliten gesteuerten Mikrochips handelten“, sagt Nocun. „Der Antisemitismus Hamers machte seine Pseudoheilslehre für einige esoterisch geprägte völkische Siedler sowie Reichsbürger Gruppierungen anscheinend besonders attraktiv."

Stephan Bergmann: Der Querdenker und die Reichsbürger

Stephan Bergmann, der den Kongress zu Hamers Thesen im Februar mitverantwortet, ist weit über die Region hinaus bekannt. 2020, als er noch in Althütte wohnte, wurde er zum Pressesprecher von „Querdenken 711“. Wir hatten zuvor berichtet, dass Bergmann im Jahr 2015 Gründungsmitglied des rechtsextremen Reichsbürger-Vereins „Primus inter Pares“ mit Sitz in Schorndorf gewesen war. Bergmann hatte damals auf Anfrage gesagt, er habe von dem Verein länger nichts gehört, Aktivitäten seien ihm nicht bekannt. Später ließ er verlauten, er habe mit seiner Unterschrift lediglich einem Freund einen Gefallen getan und sei kurze Zeit später wieder ausgetreten. 

Bergmann fiel im Laufe der Pandemie durch das Verbreiten von Verschwörungserzählungen auf. Aussagen, die er im August 2020 am Rande einer Querdenker-Demonstration in Berlin traf, ordnete Experte Jan Rathje unserer Zeitung gegenüber damals als „klassischen Reichsbürger-Sprech“ ein. Bergmann wehrte sich regelmäßig gegen derartige Vorwürfe. Nun taucht er wieder auf – mit einem Kongress über eine von Rechtsextremisten gefeierte, nach Expertenmeinung gefährliche Irrlehre. Warum das?

„Teilen Hamers Weltsicht nicht“: Bergmann nimmt Stellung

Am 20. Januar antwortet Bergmann auf unsere Nachfrage. Darin verweist er auf ein aktuelles Video im Telegram-Kanal des Kongresses, in dem er Stellung nimmt. Bergmann sagt darin, der Kongress setze sich kritisch mit den „fünf biologischen Naturgesetzen“ auseinander. Dass diese widerlegt oder gefährlich seien, sei nicht bewiesen. Es handle sich auch nicht um eine Behandlungsmethode. Ryke Geerd Hamer sei nicht der Einzige, der diese „Gesetzmäßigkeiten“ entdeckt habe. Dessen Ideologie solle im Kongress nicht thematisiert werden.

„Wir teilen Dr. Hamers Weltsicht und politische Einstellung nicht und wollen dem Ganzen auch keine weitere Aufmerksamkeit mehr geben“, so Bergmann. Hamer habe sich rassistisch und antisemitisch geäußert. Es sei aber nicht sinnvoll, eine „Entdeckung“ zu verteufeln, „nur weil der Entdecker oder Erfinder eine unschöne politische Einstellung hat“. Auch unter Nobelpreisträgern gebe es Rassisten. Dass Hamers Lehre aber vor allem bei Rechtsextremisten und Reichsbürgern Verbreitung finde, sei nicht belegt, so Bergmann. Er deutet eine Verschwörung an: „Solche Aussagen, die werden halt von Journalisten getroffen, von Medien, Linksextremisten und allen möglichen Gruppen, die vielleicht da irgendwas dagegen haben, dass es ein vertiefendes Wissen gibt über die Ursachen von Krankheiten.“

3E-Zentrum Remshalden: Was macht Lothar Hirneise auf dem Kongress?

In der Liste der angeblichen Redner findet sich auch Lothar Hirneise. Hirneise ist einer der Gründer des „3E-Zentrums für alternative Krebstherapie“ in Remshalden-Buoch. Für die Wirksamkeit des dortigen „3E-Programms gegen Krebs“ gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Das Zentrum stand deshalb in der Vergangenheit wiederholt in der Kritik. Nach investigativen Recherchen von SWR und Correctiv wurde der Einrichtung vorgeworfen, Krebskranken falsche Hoffnungen zu machen – das 3E-Zentrum wies das von sich.

In der Corona-Krise trat Hirneise dann als Vorstand des Vereins „Ich bin anderer Meinung“ (IBAM) in Erscheinung. IBAM veranstaltete mindestens eine Demonstration mit „Querdenken 718 Schorndorf“. Im Telegram-Kanal des Vereins wurde außerdem zur Teilnahme der Großdemonstration von „Querdenken 711“ am 29. August 2020 aufgerufen. Danach wurde es ruhig im Kanal. Im November 2022 erschien dann ein Interview von Hirneise mit Bodo Schiffmann, einem der Köpfe der Querdenker-Szene, der in der Vergangenheit mit radikalen Aussagen auffiel. Darin reden die beiden darüber, dass sie sich „am 29. hinter der Bühne“ getroffen hätten. „Du warst einer der Ersten die mitgeholfen haben, sich zu treffen und organisieren“, sagt Schiffmann zu Hirneise.

Was treibt Hirneise dazu, jetzt an einem Kongress von Stephan Bergmann mitzuwirken? Wie steht er zu Hamer und dessen „Germanischer Neuer Medizin“? Und was meinte Schiffmann mit seiner Aussage im Interview, die womöglich ein neues Licht auf Hirneises Rolle innerhalb der Querdenker-Szene werfen könnte? Eine Anfrage unserer Redaktion ließ er unbeantwortet.   

Im Februar soll ein Online-Kongress zu den sogenannten „fünf biologischen Naturgesetzen“ stattfinden. Einer der Veranstalter: Stephan Bergman, ehemaliger Sprecher von „Querdenken 711“. Einer der Redner: Lothar Hirneise, selbsternannter Krebsforscher am 3E-Zentrum in Remshalden. Thema: die bei Esoterikern, Rechtsextremisten und Reichsbürgern beliebte Irrlehre eines mittlerweile verstorbenen ehemaligen Arztes, der laut Experten zahlreiche Leben auf dem Gewissen hat. Was treibt die Beteiligten

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