Rems-Murr-Kreis

Stilllegung von Ackerflächen im Rems-Murr-Kreis: Umweltschmarrn und Hungergrund?

Landwirtschaft Traktor und Windkraft
Wenn’s nach dem Willen der EU-Kommission und des grünen Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir geht, müssen viele Bauern ab 2023 vier Prozent ihrer Ackerfläche stilllegen. © Schneider

Christina Stumpp, CDU-Bundestagsabgeordnete aus Waiblingen und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, hat jüngst den gleichfalls schwäbischen, aber grünen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir, angegriffen. Der Grund: Anders als Landwirtschaftsverantwortliche anderer EU-Länder erbittet er von der EU nicht Aufschub in Sachen Ackerflächen-Stilllegung. Christina Stumpp schimpft deshalb. Aber was bedeutet die EU-Reform für den Rems-Murr-Kreis tatsächlich? Ist die Idee ein Umwelt-Schmarrn? Und müssen wir deswegen hungern?

Das Neben-, Gegen-, Miteinander von Landwirtschaft und Umweltschutz

Trotz des Kriegs in der Ukraine, der Kornkammer Europas, will Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir offenbar durchziehen, dass ab 2023 bei landwirtschaftlichen Betrieben vier Prozent der Ackerfläche brach liegen. Die EU hat’s – noch vor dem Krieg – so bestimmt, wegen des Naturschutzes. Özdemir erklärte im März dazu: „Die Versorgung innerhalb der EU ist nicht gefährdet. Trotzdem halten wir die Auswirkungen auf die Agrarmärkte genau im Blick. ... Wer aber in dieser Situation fordert, erste Schritte der europäischen Agrarpolitik hin zur Förderung einer klima- und umweltschonenden Landwirtschaft zurückzudrehen, dem will ich ganz deutlich machen, dass er hier auf dem Holzweg ist. Um das Recht auf Nahrung nachhaltig weltweit zu sichern, müssen wir die ökologischen Krisen entschieden bekämpfen.“

Die CDU findet das nicht gut.

Die stillgelegten Ackerflächen, so will es die EU-Verordnung, dürfen nach der Ernte der Hauptkultur nicht mehr bearbeitet werden, liegen also vollkommen brach und begrünen sich höchstens selbst. Es erfolgt keine Düngung, keine Bodenbearbeitung, keinerlei Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln. Auch Blühstreifen oder Uferrandstreifen sollen nicht angelegt werden. Ein Jahr lang bleibt alles so, dann dürfen die Flächen wieder in den Wirtschaftskreislauf einbezogen werden. Verstöße gegen die Vorschrift führen zur Aberkennung der Stilllegungsflächen und sind somit, weil’s dafür EU-Geld gibt, teuer.

Es gibt, wie so oft, was Gutes und was Schlechtes

Was soll das? Wo ist der ökologische Nutzen? Bracher Acker – züchten wir jetzt Löwenzahn und Disteln? Völliger Mist?

Die einfache Antwort auf diese Fragen lautet: jein. Es sei, sagen die Fachleute aus dem Landwirtschafts- und dem Umweltamt des Kreises, wie so oft: Es gibt was Gutes und was Schlechtes. Ein Jahr lang Brache bedeute, dass Nährstoffe weniger gut gebunden werden können. Es gibt weniger Humus und durch die fehlenden Wurzeln leidet die Bodenstruktur. Es fehlt auch die Beschattung: Der Boden trocknet schneller aus. Und ja – der Landwirt wird im Folgejahr erst mal mit Unkräutern kämpfen.

Aber, sagen Michael Stuber, Leiter des Landwirtschaftsamts, und Jochen Schäufele, Leiter des Umweltamts: Die Stilllegung sorgt auch dafür, dass im Boden liegende wertvolle Samen von wilden Kräutern zum Keimen kommen. Dadurch könne sich eine „standortangepasste Vegetation“ ausbilden. „Für diesen Zeitraum können dann dort viele spezialisierte und aktuell oft gefährdete Tier- und Pflanzenarten der Agrarlandschaft geeignete Lebensbedingungen finden.“ Die Fachleute weisen darauf hin, dass gerade diese Tier- und Pflanzenarten, als Beispiel sollen hier die Feldlerche oder der Mohn dienen, sich „über Jahrhunderte an eine periodisch wiederkehrende Bewirtschaftung der Flächen angepasst haben“. Ackerwildkräuter benötigten ein gewisses Maß an Bodenbearbeitung, die Feldlerche brauche „gehölzarme Offenlandflächen“.

Ackern wir uns mit der Reform in eine selbst gemachte Hungerkrise?

Und was ist mit dem drohenden Welthunger? Werden auch wir, wenn im Rems-Murr-Kreis die Äcker unbeackert bleiben, diesen erleiden?

Im Rems-Murr-Kreis gibt es, so das Landwirtschaftsamt, rund 950 Betriebe, die bei der EU entsprechende Anträge auf Zahlungen einreichen. Dennoch sei es schwer, ganz konkret zu sagen, wie viele Betriebe von der EU-Vorschrift zur Flächenstilllegung betroffen sind. Denn die Regelung gilt nicht für Höfe, die nicht mehr als zehn Hektar Ackerland haben. Oder die auf mehr als 75 Prozent ihrer Ackerfläche Gras und anderes Grünfutter anbauen oder Leguminosen. Leguminosen sind verschiedenste Hülsenfrüchte. Sie dienen der Produktion von pflanzlichen Proteinen für die Tierfütterung und auch die Ernährung von Menschen. Außerdem helfen sie durch Einsparung von Nitratdüngern und Humusaufbau durch Bodenverbesserung beim Klimaschutz.

Landwirtschafts- und Umweltamt schätzen aufgrund dieser Einschränkungen, dass zwischen 400 und 600 Betriebe im Rems-Murr-Kreis Ackerflächen stilllegen werden.

Schätzungsweise 400 Hektar würden im Rems-Murr-Kreis stillgelegt

Da im Kreis rund 11.000 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet werden und – geschätzt – rund 10.000 Hektar in die Stilllegungen einbezogen werden, wären im Kreis bei vier Prozent stillzulegender Fläche rund 400 Hektar Brache. Auf diese Brache könnten theoretisch rund 2800 Tonnen Weizen produziert werden.

Michael Stuber und Jochen Schäufele rechnen vor: Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung verbraucht der Deutsche pro Jahr etwa 103,7 Kilo Getreide. Im Rems-Murr-Kreis leben rund 427.000 Menschen. Der jährliche Getreidebedarf liegt also bei 44.280 Tonnen. Stuber und Schäufele ziehen Daten des Statistischen Landesamts zur Einschätzung heran. Das widmet sich dem Hektarertrag von Winterweizen im Rems-Murr-Kreis. Und der lag im Durchschnitt der letzten vier Jahre bei 70 Dezitonnen, also 7000 Kilo, pro Hektar. Die rems-murr-interne Ernährung ist also auch mit der Stilllegung von Ackerflächen „nicht gefährdet“.

Christina Stumpp, CDU-Bundestagsabgeordnete aus Waiblingen und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, hat jüngst den gleichfalls schwäbischen, aber grünen Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir, angegriffen. Der Grund: Anders als Landwirtschaftsverantwortliche anderer EU-Länder erbittet er von der EU nicht Aufschub in Sachen Ackerflächen-Stilllegung. Christina Stumpp schimpft deshalb. Aber was bedeutet die EU-Reform für den Rems-Murr-Kreis tatsächlich?

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