Rems-Murr-Kreis

Stylische Küchengeräte: Unbedienbar für Blinde wie Gerd Widmann aus Winnenden

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Lösungsorientiert ist der Mann: Gerd Widmann (61) demonstriert, wie er die Einstellungen des Ofens ertastet, mit Hilfe eines aufgeklebten 3-D-Klebepunktes. © ALEXANDRA PALMIZI
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Ein 3-D-Klebepunkt, der eigentlich zur Schranktür-Verschlusslaut-Dämmung gedacht ist. © ALEXANDRA PALMIZI
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Extra Bedienschablonen für Blinde passend zum Kaffeeautomaten kosten schnell mal 150 Euro. © ALEXANDRA PALMIZI

Er tastet sich am Rahmen der Tür entlang hinein und an den Schränken der Küchenzeile zum Kaffeeautomaten. Dann holt er aus einer Schublade eine Schablone heraus. „Da schauen Sie, die wurde extra für diese Kaffeemaschine gefertigt, damit auch Leute wie ich sie bedienen können.“ Gerd Widmann ist seit rund 15 Jahren blind, wegen einer Netzhautdegeneration.

Seinen Humor hat er bewundernswerterweise dennoch nicht verloren. „Sie wollen ja nicht die falsche Taste drücken und nur Spülwasser anstatt einen doppelten Espresso trinken. Das schmeckt ja nicht.“ 3-D-Symbole auf der Schablone helfen ihm, die richtigen Tasten am Kaffeeautomaten zu drücken. „So kann ich ganz normal auch den Mahlgrad, die Stärke des Kaffees, große Tasse oder kleine Tasse und vieles mehr einstellen.“

Die Schablone habe eine auf Geräte-Adaptionen für Sehbehinderte und Blinde spezialisierte Firma speziell für diese Kaffeeautomatenlinie hergestellt. „Die Firma ist echt super. Die macht aber nur Adaptionen für Küchengeräte, die sich gut verkaufen und lässt sich das auch so einiges kosten.“ Solche Schablone, die heutzutage meist im 3-D-Druck hergestellt werden, kosteten allein 150 bis 200 Euro. Dann sind sie bei einem Gesamtpreis für die Kaffeemaschine von 450 bis 500 Euro, anstatt knapp unter 300 Euro.“

Nicht jeder kann sich für jedes Gerät teure nachträgliche Adaptionen leisten

Der 61-Jährige wohnt im selben Haus wie seine Mutter. In Hanweiler. In der Wohnung oben drüber. Das hilft natürlich. Aber auch als Blinder möchte Gerd Widmann wie jeder andere Mensch auch mit Stolz und Würde so selbstständig wie möglich sein. Die mangelnde Barrierefreiheit vieler Küchengerätschaften hindert ihn und andere Blinde und Sehbehinderte jedoch daran. Widmann ist auch Vorstandsmitglied und Hilfsmittelbeauftragter der Bezirksgruppe Rems-Murr des Blinden- und Sehbehindertenverbands Württemberg. Die Barrierefreiheit auch in der Küche ist für ihn damit ein besonders wichtiges Anliegen.

„Adaptionen wie die Schablone, die mit Tutorial als Audio oder in Blindenschrift geliefert werden, kann man sich wirklich nicht für jedes moderne Gerät leisten. Schon gar keine teuren Nachrüstungen mit Sprachausgabe für den Herd oder die Waschmaschine.“ Wobei ihm ein Entwickler hinter vorgehaltener Hand dereinst bestätigt habe, dass Sprachausgaben für Küchengeräte in der Serien-Herstellung nicht mehr als ein paar Euro kosteten.

„Ich habe noch Glück und besitze viele ältere Gerätschaften und Zubehör. Die gehen ja aber auch irgendwann mal kaputt. Und die meisten modernen Sachen, die kann man als Blinder vergessen und nicht bedienen“, sagt Widmann. Da werde offenbar grundsätzlich bei der Herstellung nicht an die Bedienbarkeit, sondern an Aussehen und Stil gedacht. 2-D-Touchfelder seien zwar en vogue, aber meist unbedienbar für Blinde oder Sehbehinderte.

Warum der geschärfte Tastsinn nicht immer weiterhelfen kann

Er dreht sich zur Seite und öffnet einen der oberen Schränke der Küchenzeile, greift treffgenau in die Ecke des Innenregals und holt einen Messbecher heraus. „Die Messbecher normalen Standards haben noch ertastbare Streifen für 125 Milliliter und 250 Milliliter und so weiter. Das ist sehr gut.“ Erneut dreht er sich, diesmal rüber zum Ofen an der gegenüberliegenden Seite. „Das ist noch ein älteres Gerät mit herausdrückbarem Regler beziehungsweise Einrastung. Solche Regler sind viel nützlicher als die flachen oder gar die gefühlt stufenlosen. Ich habe einfach noch so einen 3-D-Klebepunkt draufgeklebt. So passt's für mich.“

Ja, sein Tastsinn und sein Erinnerungsvermögen seien nach der Erblindung zwar stärker geworden. „Man hat das übrigens auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass Areale im Gehirn, wo das Sehen geregelt war, nach und nach durch andere Sinne belegt werden.“ Wie zum Beweis macht Gerd Widmann den Kühlschrank auf und greift zielgewiss nach der Milchflasche links im Türfach. Die Milch ist für den Kaffee. Quizfrage: Und wo ist die Cola? „Na links im Türfach. Das weiß ich schon“, sagt Widmann und lächelt.

Er hoffe auf die Unterstützung der Politik. „Gerätehersteller sollten werkseitig verpflichtet werden, Bedienmöglichkeiten für Blinde in der Serienproduktion mit einzuplanen“, findet Widmann.

Bei vielen Fernsehgeräten asiatischer Hersteller zum Beispiel gebe es die Sprachsteuerung als integralen Bestandteil. „Auch die Bedienung von Smartphones funktioniert wunderbar. Bei Apple mit Voice Over und bei Adroid mit Talk Back.“ Zur Demonstration fährt Widmann über die App-Icons auf seinem Handy und tatsächlich, die Sprachausgabe funktioniert. Für den Computer gibt es den „Screen-Reader“, der Bildschirminhalte abliest. „Leider sind aber nicht alle Programme und auch nicht alle Websites barrierefrei.“

EU-weit sind fast so viele Menschen betroffen wie Deutschland Einwohner hat

In den USA gelte bereits der ADA, der Americans With Disabilities Act. Dieser schreibe auch den Digitalunternehmen die Barrierefreiheit für Blinde vor. „In der EU soll etwas Ähnliches zwar auch kommen. Wir haben da aber noch enormen Nachholbedarf, finde ich“, sagt Gerd Widmann.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) empfindet das auch so. In einer Pressemitteilung vom 4. Mai 2022 heißt es, Blinden und sehbehinderten Menschen würde leider durch die fehlende Barrierefreiheit vieler moderner Geräte massiven Probleme bei der Handhabung bereitet. „Eine große Zahl an potenziellen Kundinnen und Kunden kann viele der aktuell auf dem Markt erhältlichen Haushaltsgeräte nicht oder nur eingeschränkt nutzen. Grundsätzlich betroffen sind allein in der EU rund 80 Millionen Menschen mit unterschiedlichen Formen von Behinderungen. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Menschen, welche aus altersspezifischen Gründen zunehmend Probleme mit Haushaltsgeräten hat.“

Er tastet sich am Rahmen der Tür entlang hinein und an den Schränken der Küchenzeile zum Kaffeeautomaten. Dann holt er aus einer Schublade eine Schablone heraus. „Da schauen Sie, die wurde extra für diese Kaffeemaschine gefertigt, damit auch Leute wie ich sie bedienen können.“ Gerd Widmann ist seit rund 15 Jahren blind, wegen einer Netzhautdegeneration.

Seinen Humor hat er bewundernswerterweise dennoch nicht verloren. „Sie wollen ja nicht die falsche Taste drücken und nur Spülwasser

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