Rems-Murr-Kreis

Superspreading Event: Wie viele Corona-Fälle aus dem Rems-Murr-Kreis lassen sich auf eine Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd zurückführen?

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Die Region hat ihr erstes Superspreading Event - und die Nachricht ist ebenso traurig, wie der Anlass es war: Nach einer Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd sind mittlerweile insgesamt über 90 Personen positiv auf das Coronavirus (SARS-CoV2) getestet worden. Wie am Mittwoch (29.07.) bekannte wurde, hatte die Veranstaltung im benachbarten Ostalbkreis auch Infektionen in Urbach zufolge.

Nur: Sind das die einzigen Fälle im Kreis, die sich auf die Trauerfeier zurückführen lassen? Und wie ist es überhaupt dazu gekommen?

Wenn das Virus streut: Fälle in den Nachbarkreisen

Wir fragen zuerst beim Landratsamt in Waiblingen nach. Laut einer Sprecherin stehen sechs Corona-Infektionen im Rems-Murr-Kreis im Zusammenhang mit der Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd. Fünf Fälle sind in Urbach aufgetreten, wie Bürgermeisterin Martina Fehrlen am Dienstag (28.07.) im Gemeinderat bekannt gab. Wo die weitere Infektion zu verorten ist, ließ das Landratsamt offen.

Nicht nur im Rems-Murr- und Ostalbkreis, auch im Landkreis Göppingen gibt es Infektionen, die mit der Trauerfeier in Verbindung stehen. Aktuell sind drei Fälle bekannt, wie eine Sprecherin des zuständigen Landratsamts auf Nachfrage mitteilte. Nach unseren Recherchen sind in den restlichen Nachbarkreisen bislang keine derartigen Fälle bekannt.

In Quarantäne: Teils starke Symptome bei den Infizierten

Nach der Trauerfeier, die bereits am 14. Juli stattfand, waren zunächst 47 Personen positiv auf das Coronavirus getestet worden, darunter auch Kinder vom Säuglings- bis Teenageralter.

"Alle Erkrankten und Kontaktpersonen ersten Grades befinden sich in häuslicher Isolation", heißt es in einer Pressemitteilung des Ostalbkreis-Landratsamts. "Der Gesundheitszustand der Infizierten reicht von minimalen Symptomen bis hin zu starken Krankheitserscheinungen, die einen Klinikaufenthalt erforderlich machten."

Die Zahl stieg im Laufe des Julis weiter an und liegt aktuell (Stand 30.07.) alleine im Ostalbkreis bei 84 Personen. Die gute Nachricht: 24 davon sind bereits genesen. Und: Die an einer Kita und sieben Schulen durchgeführten Tests blieben, bis auf einen einzigen Fall, allesamt negativ. 

Insgesamt hat das Gesundheitsamt im Zusammenhang mit der Ermittlung von Erkrankten und Kontaktpersonen bereits über 500 Tests durchgeführt, wobei rund 100 Personen - vor allem an Schulen - doppelt getestet wurden.

Die Trauerfeier: Versuch einer Rekonstruktion

Der mögliche Ablauf der Trauerfeier lässt sich anhand einer Pressemitteilung nachvollziehen, den die Gmünder Ditib-Gemeinde am Mittwoch (29.07.) auf Facebook veröffentlichte. Demnach hielten sich Angehörige des Verstorbenen am 14. Juli wohl in dessen Wohnung auf, bevor sie zum Totengebet vor die Moschee zogen. Dort fand, unter freiem Himmel, für etwa zehn Minuten ein sogenanntes Totengebet statt.

"Obwohl für Totengebete kein Hygienekonzept erarbeitet werden muss, achten wir als Gemeinde trotzdem penibel auf den Mindestabstand von 1,5 Metern und das Tragen von Masken", heißt es in der Pressemitteilung. Der Verstorbene sei kein Mitglied der Gemeinde gewesen, es sei aber "religiöse Pflicht und gute Tradition", das Totengebet trotzdem anzubieten. 

Die Besucher der Trauerfeier gingen anschließend zum Dreifaltigkeitsfriedhof, wo die Beisetzung stattfand. Darüber hinaus sei es laut Pressemitteilung üblich, dass Kondolenzbesuche in der Wohnung des Verstorbenen gemacht würden.

Ein Blick in die Verordnung: Was gilt für Trauerfeiern?

Bestattungen, Urnenbeisetzungen und Totengebete sind laut der aktuellen Corona-Verordnung des Landes zulässig. Wer eine solche Veranstaltung abhält, hat lediglich die Hygieneanforderungen einzuhalten. Aber: Es besteht ein Zutritts- und Teilnahmeverbot für Personen, die in Kontakt zu einer mit dem Coronavirus infizierten Person stehen oder standen, oder typische Symptome aufweisen.

In der Wohnung des Angehörigen durften sich dagegen theoretisch nie mehr als 20 Personen aufhalten, wobei es hier eine Ausnahmeregelung für Verwandte gibt.

"Prävention und Kooperation, um eine weitere Verbreitung einzudämmen, sind derzeit das höchste Gebot, um Menschenleben zu schützen", schreibt der Vorstandsvorsitzende  der Gemeinde, Ermin Cakmak. Mehrere Freitagsgebete in der Gmünder Moschee wurden deshalb bereits abgesagt. Landrat Klaus Pavel lobte gegenüber der Remszeitung das kooperative Verhalten der türkischen Gemeinde.

Infektionsketten: Wie viele Gäste waren tatsächlich vor Ort?

Trotzdem ist es bisher offenbar nicht gelungen, alle Gäste der Trauerfeier zu ermitteln. Der Verstorbene war in Schwäbisch Gmünd offenbar recht bekannt. Wie die Remszeitung berichtet, arbeitete er bei Bosch AS in Gmünd, dem größten Arbeitgeber der Stadt. Wohl auch deshalb waren viele Leute bei der Beisetzung.

Bosch hat in einem Mitarbeiter-Rundschreiben alle Beschäftigten, die bei der Trauerfeier waren, aufgefordert, sich in häusliche Isolation zu begeben und Corona-​Tests zu machen

Inwieweit das Infektionsgeschehen inzwischen eingegrenzt ist, lässt sich laut dem Landratsamt im Ostalbkreis noch nicht abschätzen, da die genaue Anzahl der Teilnehmenden der Trauerfeier nach wie vor nicht bekannt ist. Die kursierenden Angaben variieren von den offiziellen "mehr als hundert" bis hin zu "hunderte".

"Das Gesundheitsamt hat inzwischen eine Vermutung, bei wem es sich um den sogenannten Indexfall handelt - also die erste Person, die am Beginn dieses Infektionsgeschehens steht. Dies ist allerdings noch nicht verifiziert", teilte das Landratsamt des Ostalbkreises bereits am Dienstag (28.07.) mit.

Daran hat sich seitdem nichts geändert, wie eine Sprecherin auf Nachfrage mitteilte.

Superspreading Event: Was ist das? Und trifft es auf Gmünd zu?

Handelt es sich bei dem aktuellen Fall tatsächlich um ein sogenanntes Superspreading Event? In offiziellen Pressemitteilungen sucht man den Begriff vergebens. Dabei passt er durchaus.

Als Superspreading Event werden Ereignisse bezeichnet, bei denen sich in einem kurzen Zeitraum auf begrenzter Fläche viele Menschen mit einem Krankheitserreger infizieren. Bei Infektionskrankheiten, die durch Coronaviren ausgelöst werden, ist das Phänomen besonders verbreitet.

Eine exakte wissenschaftliche Definition für Superspreading Events gibt es nicht, ebenso wenig eine festgelegte Mindestzahl von Fällen, die infolge eines solchen Ereignisses auftreten müssen - das Robert-Koch-Institut spricht lediglich von mehr Infektionen "als üblich".

Aber es gibt vergleichbare Fälle, die zur Hilfe herangezogen werden können. Während der Corona-Pandemie wurde beispielsweise bei Ansteckungen nach Chorproben in den USA und Deutschland schon bei einer Zahl von 50 bis 60 Infizierten von einem Superspreading-Event gesprochen.

Angespannte Lage: Droht der lokale Lockdown?

Im Ostalbkreis arbeitet man derweil weiterhin daran, die Infektionsketten zu durchbrechen. Landrat Pavel appelliert an die Bevölkerung, sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten - und Masken zu tragen.

Die Lage ist angespannt: Weil sich die Zahl der Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen sehr stark der vom Ostalbkreis selbst definierten „Vorwarnmarke“ von 78,5 Fällen binnen sieben Tagen angenähert hat, hat der Führungsstab erste Maßnahmen beschlossen.

„Wir haben mit den Städten Schwäbisch Gmünd und Heubach abgestimmt, dass die Einhaltung der behördlich angeordneten häuslichen Isolation vor Ort durch die Kommunen persönlich kontrolliert und bei Verstößen mit deutlichen Bußgeldern geahndet wird“, erklärt Landrat Klaus Pavel dazu in einer aktuellen Pressemitteilung.

„Die Stadt Schwäbisch Gmünd hat bereits erklärt, dass sie in Abhängigkeit von der Teilnehmerzahl bei Bestattungsfeiern die erforderlichen Maßnahmen, wie etwa Maskenpflicht oder das Führen von Teilnehmerlisten, verbindlich festlegen will“, so Pavel weiter.

74 neue Corona-Fälle hat das Landratsamt in Aalen in den letzten sieben Tagen gemeldet. Ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche, das entspricht im Ostalbkreis 157 Fällen, müssen zwingend Maßnahmen ergriffen werden.

Wie schnell das gehen kann, wie schnell das Virus sich innerhalb kurzer Zeit ausbreitet, zeigt das Beispiel der Trauerfeier in Gmünd nur allzu deutlich.

Die Region hat ihr erstes Superspreading Event - und die Nachricht ist ebenso traurig, wie der Anlass es war: Nach einer Trauerfeier in Schwäbisch Gmünd sind mittlerweile insgesamt über 90 Personen positiv auf das Coronavirus (SARS-CoV2) getestet worden. Wie am Mittwoch (29.07.) bekannte wurde, hatte die Veranstaltung im benachbarten Ostalbkreis auch Infektionen in Urbach zufolge.

Nur: Sind das die einzigen Fälle im Kreis, die sich auf die Trauerfeier zurückführen lassen? Und wie ist

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