Rems-Murr-Kreis

Tönnies gewinnt: Warum es Metzgern wie Dieter Kempter aus Urbach unmöglich gemacht wurde, selber Schweine zu schlachten

Metzger Kemper
Der Urbacher Metzger Dieter Kempter in seiner Wurstküche. © Gabriel Habermann

Dies ist ein Lehrstück über hehre Pläne mit düsteren Ergebnissen. Den Tierschutz stärken, die Hygiene verbessern: Das war der Plan. Das Ergebnis: Tönnies & Co haben gewonnen. Selber Schweine zu schlachten wie früher, ist den meisten Metzgern längst unmöglich gemacht worden – landauf, landab hat die Großindustrie den Markt im Griff. Wie konnte es dazu kommen? Ein Betroffener erzählt.

Es war einmal: Geschäftsmodell einer Metzgerei

Vor etwa 20 Jahren übernahm Dieter Kempter, er war damals Mitte 30, die Metzgerei Walz in Urbach. Die Betriebsstruktur gefiel ihm, also führte er sie fort: Er arbeitete mit drei, vier Schweinebauern zusammen, alle aus der Gegend, aus Urbach, aus dem Welzheimer Wald. Woche für Woche bezog Kempter von ihnen insgesamt zehn bis 15 Schweine. Am Sonntagabend wurden sie angeliefert, der Metzger und seine Beschäftigten betäubten die Tiere, zogen sie hoch, töteten sie, ließen sie ausbluten, brühten die Leiber, spreizten sie, schnitten sie auf und nahmen sie aus, schnitten das Fleisch zu – Kotelett, Filet, Nacken, Rücken, wie auch immer – oder verarbeiteten es zu Wurst.

Für die Bauern „war es ein gutes Geschäft“: Kempter zahlte ihnen „immer die Höchstnotiz“, gemessen an der aktuell aufgerufenen Spanne beim Schlachtschweinepreis. Für die Kunden war es eine feine Sache: Kempter konnte ihnen jederzeit erzählen, woher die Ware kam.

Für den Metzger selber rechnete sich das zwar „schon damals nicht wirklich“; wenn er irgendwo fertige Schweinehälften eingekauft hätte, wäre das weniger personalintensiv und wohl billiger gewesen. Aber „wir konnten es stemmen", und Kempter fand es „schon schön“ so – er sah die Tiere „hinten lebend rein“ und „vorne über die Theke“ gehen, „alles dazwischen machte ich selber“. Das Geschäft war regional verwurzelt, er hatte die Kontrolle.

Heute, sagt Kempter, sei er nur noch ein „ein Zahnrädchen“.

Es ist nicht mehr: Abschied vom Kleinschlachter

„Das Ganze hat 2009 auf 2010 angefangen.“ Es gab eine europäische Verordnung, sie wurde auch in Deutschland umgesetzt. Wer als Laie in all seiner Naivität die Unterlagen dazu liest, kann eigentlich nur ins Schwärmen geraten: Das Wort „Tierschutz“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Text, von „wirksamer Betäubung“ ist die Rede, die „das Schmerzempfinden der Tiere“ berücksichtigt, und von Hygiene.

Ein Satz sticht heraus: Es gelte, „beim Tierschutz ein hohes Niveau und parallel dazu gleiche Ausgangsbedingungen für die Unternehmer“ zu gewährleisten. Das klingt nach Gerechtigkeit; und damit, findet Kempter, „fing die Ungerechtigkeit an“.

Denn Industrie und Handwerk unterlagen nun haargenau denselben Bedingungen, zwei sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle wurden über einen Kamm geschert.

Kempter hätte nach den Regularien eine neue Hygieneschleuse anschaffen müssen – 3500 Euro „bis 7000, wenn du was Ordentliches willst“. Er hätte eine neue Betäubungszange gebraucht: 4500 bis 5000 Euro. Warum, fragte er sich. „War vorher die Hygiene etwa Mist?“ Gab es vor 2009 etwa irgendwo „eine Welle an Durchfallerkrankungen, Todesfällen? Also, ich weiß nichts. Wir haben bis 2009 doch nicht in unhaltbaren hygienischen Zuständen gelebt.“ Und das Tierwohl? „Haben wir bisher etwa lebende Schweine aufgeschnitten und ausgenommen, weil wir ja alle Sadisten sind“?

Für industrielle Schlachtbetriebe war all das kein Problem: Sie konnten mit Großaufträgen neue Maschinen, Geräte, Ausstattungen ordern und bekamen von den Herstellern entsprechend günstige Angebote. Kempter stellte fest: Für ihn würde derlei „fast das Doppelte“ kosten. Er begann zu rechnen. Und kam insgesamt auf mindestens 50 000, womöglich 70 000 Euro Investitionskosten, um überhaupt weiter schlachten zu dürfen. Schon da ahnte er, „das wir das gar nicht stemmen können“.

Aber Weiteres kam hinzu – fortan würde ihm bei jedem einzelnen Schwein die bisherige Kalkulation um die Ohren fliegen.

Viele Fleischbeschauer zum Beispiel waren früher in gewisser Weise „minderausgebildete Tierärzte“, sie fuhren montags über Land, von einem kleinen Betrieb zum nächsten, und begutachteten das zur Schlachtung vorgesehene Vieh. Künftig würde das nur noch ein Tierarzt machen dürfen – die Beschaugebühr pro Schwein stieg von 3,50 Euro auf fast zehn.

Vor 2009 konnte Kempter die Schlachtabfälle umsonst entsorgen, teilweise gab es sogar Geld für die Knochen, die zu Mehl verarbeitet wurden. Künftig würde er für die Abfuhr bezahlen müssen: weitere 350 bis 400 Euro Ausgaben pro Monat anstatt einer schwarzen Null.

So. „Was machst du da als Geschäftsmann? Kurz darüber nachdenken – und dann ist dir klar, dass das nicht funktioniert.“ Er war nicht der Einzige, der das erkennen musste.

Neulich hat er beim Veterinäramt nachgefragt: Wie viele zugelassene Schlachtbetriebe gab es 2009 im Rems-Murr-Kreis? Die Antwort sei gewesen: über 80. Übrig geblieben sind davon heute noch 29.

Wachsen oder weichen: Ein radikaler Konzentrationsprozess nahm seinen Lauf.

Fleisch in der Kiste: Folgen des Konzentrationsprozesses

Zahl der Schweineschlachtungen deutschlandweit im Jahr 2019 in den drei größten Betrieben – Quelle Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands: Tönnies (Rheda-Wiedenbrück, Nordrhein-Westfalen) 16,7 Millionen; Westfleisch (Münster, NRW) 7,7 Millionen; Vion, Hilden (NRW) 7,6 Millionen.

Allein diese drei Betriebe zusammen kamen 2019 also auf 32 Millionen Schweineschlachtungen pro Jahr, fast 88 000 pro Tag, 3652 pro Stunde, 61 pro Minute; ein Schwein pro Sekunde: 365 Tage im Jahr, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr.


Etwa 0,2 Prozent aller Schweineschlachtbetriebe in Deutschland – acht von rund 4000 – besorgen heute mehr als 75 Prozent aller Schlachtungen.

Massenabfertigung, großindustriell auf Effizienz getrimmt – ob es den Tieren nun bessergeht? Man zweifelt. Immer wieder köcheln Fälle hoch von fehlerhafter Betäubung bei der atemlosen Akkordarbeit.

Ganz zu schweigen von den Arbeits- und Lohn-Bedingungen für die oft ausländischen Vertragsarbeiter in solchen Tötungsfabriken.

Ab 2010 ließ sich Kempter zunächst von einem Schlachtbetrieb in Schorndorf Schweinehälften liefern. „Dann hat der auch aufgehört.“ Kempter wechselte den Anbieter; „der ging pleite“. Heute bezieht Kempter über einen Zwischenhändler bereits zerlegte Teilstücke, bei denen er dann nur noch den letzten Zuschnitt macht.

Woher kommt das Fleisch? Es sei oft nicht mehr nachzuvollziehen. „Du kriegst halt eine Kiste Schweinerücken.“

Der letzte Mohikaner: Eine traurige Zukunftsvision

Regional ist super, da weiß der Kunde, wo das Fleisch herkommt! Das, sagt Kempter, beschwöre die Politik doch dauernd. Aber „uns wurde der Boden dafür entzogen“.

Früher „hat ein Handwerker in Urbach Geld verdient, hat es in Urbach wieder investiert, und so ist der Ort gewachsen“: Die Wertschöpfungskette war lokal. Irgendwann, fürchtet Kempter, werde es vielerorts das meiste nur noch im Supermarkt geben. „Das Geld fließt dann aus den Ortschaften raus“, den Konzernen zu.

Natürlich, er weiß: Die Kunden machen es ihm und seinesgleichen auch nicht immer leicht. Für „die teuersten Autos“ reicht das Geld – „wenn das Fleisch ein bisschen mehr kostet, ist das Gejammer groß“.

„In Urbach waren wir vier Metzger.“ Zwei schlossen. Der dritte machte „vor den Sommerferien“ zu. „Ich bin der letzte. Und ich bezweifle, dass das irgendjemand übernehmen wird, wenn ich mal aufhöre.“

Dies ist ein Lehrstück über hehre Pläne mit düsteren Ergebnissen. Den Tierschutz stärken, die Hygiene verbessern: Das war der Plan. Das Ergebnis: Tönnies & Co haben gewonnen. Selber Schweine zu schlachten wie früher, ist den meisten Metzgern längst unmöglich gemacht worden – landauf, landab hat die Großindustrie den Markt im Griff. Wie konnte es dazu kommen? Ein Betroffener erzählt.

Es war einmal: Geschäftsmodell einer Metzgerei

Vor etwa 20 Jahren übernahm Dieter Kempter,

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