Rems-Murr-Kreis

Tierquälerei im Rinderstall: Legal und weit verbreitet - auch im Rems-Murr-Kreis

Kühe
Symbolfoto. © ZVW/Gaby Schneider

Tierquälerei im Rinderstall? Die Tierrechtsorganisation Peta hat dieser Tage einen Landwirt aus dem Rems-Murr-Kreis angezeigt, in dessen Stall nach Überzeugung der Tierschützer unhaltbare Zustände herrschen. Es geht um drängende Enge im Stall, Kot und Dreck. Um den Fall wird sich nun die Staatsanwaltschaft kümmern müssen. Unterdessen kocht eine Diskussion hoch über eine Form der Rinderhaltung, die heftig in der Kritik steht, aber dennoch häufig praktiziert wird. Ferner fragt man sich mit Blick auf die von Peta veröffentlichten Fotos: Woher haben die Tierschützer diese Informationen? Hat jemand Hausfriedensbruch begangen? Wo sind die Tiere inzwischen?

Ein Hinweisgeber war aktiv

Laut Peta-Fachreferentin Lisa Kainz hat die Tierrechtsorganisation von dem Fall im Raum Backnang von einem Hinweisgeber erfahren. "Da es sich bei solchen Höfen meist um offene Stallungen handelt, wurde kein Hausfriedensbruch begangen", teilt Lisa Kainz auf Nachfrage mit. Peta hat auf seinen Internetseiten ein Formular eingerichtet für Hinweisgeber (Whistleblower).  Die Tierrechtsorganisation verspricht, Angaben zum Absender / zur Absenderin "absolut vertraulich" zu behandeln. Um möglichst nicht auf Falschmeldungen hereinzufallen oder willkürlichen, unbegründeten Anschuldigungen aufzusitzen, geht Peta eigenen Angaben zufolge Missstandsmeldungen "mit falschen oder unvollständigen Angaben, die es uns nicht ermöglichen, Kontakt (zum Hinweisgeber, Anmerkung der Redaktion) aufzunehmen, nicht weiter nach".

Wie schätzt das Veterinäramt die Lage ein?

Rückfrage beim Landratsamt: Was ist dran an den Vorwürfen, der besagte Stall gleiche einer Ruine, in welchem die Tiere teils aufeinander gestapelt liegen würden? Laut Peta stehen die Rinder auf blankem Beton und sind an engen Ketten angebunden.

Richtig ist laut Veterinäramt, dass im besagten Betrieb "zu viele Tiere auf dichtem Raum gehalten werden". Ein Verwaltungsverfahren sei bereits eingeleitet und der Betreiber aufgefordert worden, "die strukturellen Mängel zu beseitigen". Der Betreiber habe sich kooperativ gezeigt und angekündigt, dem auch nachzukommen. "Konkret sollen Anfang des Jahres neue Ställe ausgebaut werden, um damit mehr Platz für die Tiere zu schaffen", informiert das Veterinäramt auf Nachfrage dieser Zeitung.

Keine schwerwiegenden Verstöße

Aus Sicht der Behörde liegen jedenfalls keine "schwerwiegenden tierschutzrechtlichen Verstöße" vor. Das Veterinäramt habe den Betrieb regelmäßig kontrolliert, und offenbar hat man erneut nach dem Rechten geschaut, nachdem Peta Anzeige erstattet hatte. Die Tiere hätten keine durch die Anbindehaltung verursachten Schäden am Hals aufgewiesen. Allerdings bestätigt das Amt, dass keine Gummimatten und keine Einstreu in den Ställen vorzufinden war, was aber "nicht zu physischen Schäden bei den Tieren geführt" habe, so Veterinäramtsleiter Dr. Thomas Pfisterer:  "Trotzdem empfehlen wir Betreibern mit ganzjähriger Anbindehaltung Gummiauflagen oder eine weiche Einstreu."

Der Betrieb ist nicht geschlossen worden. „Allgemein kommt eine Wegnahme von Tieren nur bei sehr erheblichen tierschutzrechtlichen Verstößen infrage und zieht meist ein Tierhaltungsverbot und ein Strafverfahren nach sich“, so Pfisterer weiter.

"Körperliche und seelische Folter"

Peta hat nicht allein gegen den Rems-Murr-Betrieb Anzeige erstattet. Den Behörden liegen Strafanzeigen gegen 26 Rinderhaltungsbetriebe in Süddeutschland vor. 19 dieser Betriebe sind in Bayern beheimatet, sieben in Baden-Württemberg. Der Tierrechtsorganisation geht's ums Grundsätzliche: Ganzjährige Anbindehaltung muss aus Sicht von Peta komplett verboten werden. Bei dieser Form der Rinderhaltung sind die Tiere praktisch pausenlos im Stall auf kleinem Raum mit einer Kette fixiert. "Dieses mittelalterliche Haltungssystem ist körperliche und auch seelische Folter", schreibt Peta in einer Mitteilung - und fordert, auch andere Formen, etwa die Laufstallhaltung, abzuschaffen, weil sie "enormes Tierleid" verursache.

Veterinäramtsleiter Dr. Thomas Pfisterer wählt andere Worte, urteilt aber über ganzjährige Anbindehaltung im Grunde ähnlich: Diese Haltungsform schränke "die normalen Verhaltensformen und auch das Sozialverhalten von Rindern erheblich ein", sei "nicht mehr zeitgemäß" - aber eben auch nicht verboten. 

Rinder sollen wenigstens ein bisschen Bewegungsfreiheit erhalten

Eine Nachfrage beim Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz beantwortet ein Sprecher prompt: Ein "ausdrückliches Anbindeverbot" existiere nicht, doch seien die Betriebe "ausdrücklich dazu angehalten, den Tieren ein Mindestmaß an Bewegung zu ermöglichen". Was damit genau gemeint ist, ist nirgendwo verbindlich geregelt. 

Formal ist Anbindehaltung nicht verboten

Peta beruft sich auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts (VG) Münster. Im Februar 2022 hatte das Gericht die Klage eines Landwirts abgewiesen. Der Landwirt aus dem Kreis Borken in Nordrhein-Westfalen hatte sich gegen die Anordnung gewehrt, er müsse seinen Rindern täglich zwei Stunden Auslauf gewähren - zumindest im Zeitraum vom 1. Juni bis 30. September. Das VG Münster verwies darauf, dass ganzjährige Anbindehaltung gegen Anforderungen des Tierschutzes verstoße und mit erheblichem Leiden für die Tiere verbunden sei. 

Wann ist eine Übergangsfrist "angemessen"?

Daran zweifelt im Grunde niemand. Die Bundestierärztekammer forderte bereits 2015, die Anbindehaltung von Rindern zu verbieten - zumindest "mit einer angemessenen Übergangsfrist". Mehr als sieben Jahre liegt dieser Vorstoß der Bundestierärztekammer zurück. Geschehen ist - nichts. 

Vor sechseinhalb  Jahren hatte der Bundesrat erklärt, die ganzjährige Anbindehaltung von Rindern sei kein tiergerechtes Haltungssystem im Sinne des § 2 des Tierschutzgesetzes. Ein gesetzliches Verbot hielt man damals schon für erforderlich, doch sei eine angemessene Übergangsfrist zu gewähren. 

Das baden-württembergische Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum verweist auf den Bund, der in dieser Sache für die Gesetzgebung zuständig ist: "Im Koalitionsvertrag der regierungstragenden Parteien des Bundes ist eine Regelung als Ziel vorgesehen mit einer Ausstiegsfrist von zehn Jahren. Das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat eine zeitnahe Umsetzung angekündigt."

Tierquälerei im Rinderstall? Die Tierrechtsorganisation Peta hat dieser Tage einen Landwirt aus dem Rems-Murr-Kreis angezeigt, in dessen Stall nach Überzeugung der Tierschützer unhaltbare Zustände herrschen. Es geht um drängende Enge im Stall, Kot und Dreck. Um den Fall wird sich nun die Staatsanwaltschaft kümmern müssen. Unterdessen kocht eine Diskussion hoch über eine Form der Rinderhaltung, die heftig in der Kritik steht, aber dennoch häufig praktiziert wird. Ferner fragt man sich mit

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper