Rems-Murr-Kreis

Tierquälerei in Rems-Murr-Kuhstall: Was kann man noch guten Gewissens essen?

Schnitzel
Die Panade kaschiert es gut, doch das, was hier gleich in einem Magen verschwindet, war mal ein Schwein. © Schneider

Wer möchte schon gern ein Stück gequälte Kuh verspeisen? Mit drastischen Bildern weist die Tierrechtsorganisation Peta am laufenden Band auf Missstände hin, und dieses Mal ist sie auch im Rems-Murr-Kreis fündig geworden. In einem Rems-Murr-Rinderstall herrschen Petas Informationen zufolge übelste Zustände; die Staatsanwaltschaft weiß Bescheid. Vor diesem Hintergrund dürften sich Nicht-Vegetarier/-innen die bange Frage stellen: Welches Fleisch kann man noch essen, ohne sich wie ein Schwein zu fühlen?

Das hängt davon ab, ob man bereit ist, dem Tier zuliebe  mehr zu zahlen fürs Steak. Und ob man beim Einkaufen statt auf den Fettrand lieber aufs Kennzeichen schaut: Ein Aufkleber gibt mittlerweile auf vielen Produkten Hinweise darauf, wie die Pute lebte, bevor sie in Einzelstücke zerteilt in einer Plastikverpackung landete. Ferner unterliegen eine Reihe von fleischproduzierenden Öko-Betrieben strengeren Regeln, was die Haltungsform angeht.

Die Politik ringt seit langem schon um eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung. Mitte Dezember wird sich der Bundestag erstmals mit dem Gesetzentwurf befassen, den der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir vorgelegt hatte.

Ins Tierwohl investieren

Die Waiblinger Bundestagsabgeordnete und Vize-Generalsekretärin der CDU, Christina Stumpp, ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und entsprechend vertraut mit diesen Themen. Vom mutmaßlichen Tierquälerei-Fall im Rems-Murr-Kreis habe sie auch nur über die Medien erfahren; Näheres sei ihr nicht bekannt, berichtet sie.  "Es ist jetzt Sache der zuständigen Behörden, die Anzeige zu prüfen, zu bewerten und entsprechende Schritte einzuleiten." Eine Stellungnahme des Landratsamtes ist für den kommenden Montag (12.12.) angekündigt.

Aus Sicht der CDU-Politikerin müsse, ganz unabhängig von diesem Fall, die Investitionsbereitschaft der Landwirtschaft ins Tierwohl gestärkt werden. "Das geplante Tierhaltungskennzeichnungsgesetz könnte ein guter Schritt auf diesem Weg sein, wenn es denn mit einer auskömmlichen Finanzierung verbunden wäre, die den Landwirten langfristige Planungssicherheit gewährleistet. Leider kann sich die Ampel-Koalition seit Monaten dazu nicht einigen", schreibt die Abgeordnete in einer Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Zurück bleibt der von Magenknurren geplagte Verbraucher: Was tun?

Das Label "Haltungsform", eine vom Handel initiierte Kennzeichnung, die bereits seit 2019 auf Fleischpackungen zu finden ist, liefert zumindest Orientierung. Auf Haltungsform.de sind Fleischprodukte nach einem vierstufigen System gekennzeichnet: Eins steht für Stallhaltung, zwei für Stallhaltung plus, drei für Außenklima und vier für Premium. Letzteres bedeutet: Die Tiere hatten Auslauf im Freien und verfügten zu Lebzeiten über vergleichsweise viel Platz. Das Problem aus Sicht der Verbraucherzentrale: Das Haltungsform-Label sei "kein Ersatz für ein ambitioniertes staatliches Tierwohlkennzeichen". Denn ob es den Tieren wirklich gut ging, bevor ihr Leben im Schlachthaus endete, "darüber macht die Haltungsform-Kennzeichnung keine Aussage", moniert die Verbraucherzentrale: "Denn mehr Platz und Einstreu im Stall sind noch kein Garant für mehr Tierwohl." Erschwerend kommt hinzu: Fleisch der Haltungsformen 3 und 4  findet man in Selbstbedienungstheken kaum - doch nur diese beiden Haltungsformen stehen laut Verbraucherzentrale "für eine deutlich verbesserte Tierhaltung".

Wer fragt schon an der Fleischtheke genauer nach? 

Also kauft nur beim Metzger seines Vertrauens, wer auf Tierwohl Wert legt? Voraussetzung wär', dass die Kundschaft an der Theke interessiert nach Haltungsformen und Lebensbedingungen der Tiere fragt. Einen Blick direkt in den Schlachthof wird eine Privatperson kaum werfen können. Es ist erst wenige Wochen her, als ein unschöner Fall ebenfalls im Rems-Murr-Kreis ins Lampenlicht rückte: Gegen den Schlachtbetrieb  Kühnle in Backnang gab es Vorwürfe wegen nicht angemessenen Umgangs mit  Tieren.

Unterdessen wird das Personal an Verkaufstheken in Metzgereien kritische Rückfragen freundlich beantworten. Die Gegenfrage kommt vermutlich nicht, doch vielleicht denkt's der Metzger im Stillen: Wie viel sind Ihnen die Lebensbedingungen der Kuh in Euro wert? "Beim Fleischeinkauf entscheiden sich immer noch zu wenige für Produkte, deren Herkunft erkennbar und bei denen klar ist, wie es den Tieren vor der Schlachtung ging", heißt es in einem Beitrag der Deutschen Handwerkszeitung. Demnach gibt die weit überwiegende Mehrheit der Verbraucherinnen und Verbraucher bei Umfragen an, auf eine artgerechte Haltung der Tiere beim Fleischeinkauf Wert legen zu wollen. Doch falle die Entscheidung an der Theke dann meist doch mit Blick aufs Preisschild.

Kritik am Gesetzentwurf zur Tierhaltungskennzeichnung

Die Oppositionspolitikerin Christina Stumpp übte unterdessen im Oktober schon Kritik am Vorgehen der  Ampel in Sachen Tierhaltungskennzeichnung. Der Gesetzentwurf sei "gut gemeint, aber schlecht gemacht". Verbraucherinnen und Verbraucher würden durch das Kennzeichen nicht zu Produkten aus tierschonender Haltung gelenkt; vielmehr werde dieses Ziel regelrecht konterkariert. Stumpp macht's am Beispiel Ferkel fest: "Wie soll die Kennzeichnung Vertrauen in das Fleischprodukt wecken, wenn zwar hohe Standards in der Mast eingehalten werden, eine zwischenzeitige Kastration im Ausland ohne Betäubung aber nicht ausgeschlossen werden kann?"

Trotz allem zeichnet Christina Stumpp letztlich ein positives Bild. Die Tierhaltung in Deutschland zähle "im Hinblick auf die Qualität und Sicherheit ihrer Erzeugnisse, die Tierwohlstandards sowie die ressourcenschonende Produktion zu den besten der Welt".

Tierschonendes Ernährungsverhalten der Menschen ließe sich unterdessen per Label in drei Stufen gliedern: Ganz wenig Fleisch essen. Gar kein Fleisch essen. Vegan leben.

Wer möchte schon gern ein Stück gequälte Kuh verspeisen? Mit drastischen Bildern weist die Tierrechtsorganisation Peta am laufenden Band auf Missstände hin, und dieses Mal ist sie auch im Rems-Murr-Kreis fündig geworden. In einem Rems-Murr-Rinderstall herrschen Petas Informationen zufolge übelste Zustände; die Staatsanwaltschaft weiß Bescheid. Vor diesem Hintergrund dürften sich Nicht-Vegetarier/-innen die bange Frage stellen: Welches Fleisch kann man noch essen, ohne sich wie ein Schwein zu

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