Rems-Murr-Kreis

Ukraine in Kriegsnot: Wie Alexander Gruslak aus Oeffingen hilft

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Alexander Gruslak in der Ukraine: Das Foto entstand bei einer früheren Reise mit Hilfsgütern in den Westen des Landes. © Alexander Grosslack

Er kennt das Land, die Menschen, ihre Not, er ist schockiert, und er will helfen: Alexander Gruslak aus Oeffingen fährt am Wochenende nach Polen, wohin ukrainische Frauen und Kinder vor Putins Krieg geflohen sind. Mit vielen Freunden in der Ukraine hält er telefonisch Kontakt – was er aus den Gesprächen berichtet, wühlt auf.

Ach, Krieg, so was gibt es doch nicht mehr, nicht in Europa: Viele in Deutschland dachten noch am Mittwochabend so, hielten nicht für möglich, wollten nicht wahrhaben, konnten sich nicht vorstellen, dass so etwas geschieht. Noch am Sonntag saß Sahra Wagenknecht bei Anne Will und sprach zwar von „Aggressivität“, meinte damit aber die USA, weil die einen Angriff, an dem Russland doch gar kein Interesse habe, angeblich herbeireden wollten.

Dieser Angriff, überraschend? Er habe das „erwartet“, sagt der Oeffinger Alexander Gruslak, 60. „Es war abzusehen.“

Hilfe für die Ukraine: Eine Familiengeschichte

Gruslaks Großvater, ein Mann mit deutschen Wurzeln, lebte in der Ukraine. Im Zweiten Weltkrieg wurde er wie so viele nach Sibirien deportiert und musste in Kohlegruben knechten. Nach Stalins Tod nutzte die Familie neue Freiheiten; die Zwangsumgesiedelten, hieß es, „dürfen überallhin, nur nicht in die Ukraine“. Die Großeltern zogen mit ihrer Tochter nach Kasachstan, weiter nach Lettland, und 1975 gelang der Familie mitsamt dem Buben Alexander die Ausreise nach Deutschland als Spätheimkehrer.

Alexander Gruslak lernte Schlosser, er fand in Deutschland Heimat und eine „sehr gute Arbeitsstelle bei Mercedes“; in der Ukraine hatte er „keinen einzigen Verwandten mehr“. Im Jahr 2000 aber wollte er das Land der Vorfahren kennenlernen, bereiste die Ukraine und sah „das große Leid“: Die Schätzungen gehen auseinander, aber zwischen 35 und 45 Prozent der Menschen dort gelten als arm. Wer ärztliche Hilfe braucht, weiß oft nicht, wie er das bezahlen soll, denn für Medikamente und vieles andere muss er selber aufkommen. Bisweilen stehen Erwachsene vor der Entscheidung, ob sie das letzte Geld für die medizinische Versorgung ihrer kranken Eltern oder die Schulkosten ihre Kinder einsetzen.

„Mütter haben mich angefleht: Sag uns, was sollen wir machen?“ Gruslak begann zu helfen – und hat bis heute nicht aufgehört. Er organisierte Transporte mit Wasserkanistern und Brennholz für den Winter, wurde in mehreren Hilfsvereinen aktiv, in einer Stadt im Westen der Ukraine gründete er mit Gleichgesinnten eine Näh-, eine Koch-, eine Bäckerschule, eine Lehrschlosserei, organisierte Computerkurse.

Das Land und seine Menschen sind ihm ans Herz gewachsen. Und deshalb war er sensibel für die vielen Indizien, dass sich da etwas zusammenbraute.

Indizien, Vorahnungen, nahendes Gewittergrollen

Bekannte berichteten ihm von der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, wo die Russen 2014 eingerückt waren: Es sei dort nicht mehr wie sonst. Daran, dass bisweilen die Russen herüberschießen, habe man sich „irgendwie gewöhnt“ – aber man sehe jetzt verstärkt Panzerbewegungen. Von Freunden aus Israel hörte Gruslak, der Mossad gehe von einem Kriegsbeginn am 16. Februar aus. Auch aus den USA kamen konkrete Warnungen mit demselben Datum. Gruslak erzählte Kollegen davon.

Am 16. Februar „brach der Krieg nicht aus“. Bei der Arbeit hätten ihn „alle gehänselt“. Aber die Nachrichten aus der Ukraine blieben verstörend: Im Westen, in Transnistrien, dem Grenzgebiet zu Moldawien, seien jetzt, so hieß es, mindestens 50 000 russische Soldaten stationiert. Im Osten, aus dem Donbass, dem großen Steinkohlegebiet, berichteten Bekannte: Dort sei der prorussische Teil der Bevölkerung aufgefordert worden, Frauen und Kinder über die Grenze nach Russland zu schicken – vollgepackte Busse in langer Reihe fuhren davon.

Hatte Putin, als die Warnung vor dem 16. Februar durchgesickert war, die Invasion „einfach nur verschoben“? Am Mittwoch telefonierte Alexander Gruslak mit Bekannten in Kramatorsk bei Donezk, einer Hochburg der russischen Separatisten. „Alles ruhig“, hieß es. Er rief Bekannte in Kiew, der Hauptstadt im Landesinneren, an. „Alles normal“, hieß es.

Am Donnerstagfrüh wachte er auf – und die Ukraine steckte im Zangengriff.

Der Krieg: Detonationen überall, Menschen auf der Flucht

Gegen 4 Uhr hatte Putin erklärt, er habe „die Entscheidung für eine Militäroperation getroffen“. Überall im Land detonierten Munitionslager unter Raketenbeschuss, im Süden setzte die russische Schwarzmeerflotte zur Eroberung der Hafenstadt Odessa an, der Frachtflughafen in Kiew, eine Anlage von hoher strategischer Bedeutung, lag unter Feuer. Über dem Flughafen Rowno im Nordwesten schwebten die Fallschirmspringer vom Himmel, um das Terrain zu bereiten für russische Transportflugzeuge. Russische Truppen besetzten Schlüsselstellen am Lauf des Dnjepr, des mehr als 2000 Kilometer langen Stroms, der südwestwärts fließt, ins Schwarze Meer mündet und wichtig ist für die Wasserversorgung der Krim.

Krieg: Das Land ist jetzt in angstvoller Bewegung. „Die Männer wollen alle dableiben“, und falls doch jemand zu fliehen trachtete, käme er nicht über die Grenze, keinen Mann unter 60 „lässt man durch“. Aber man „versucht, Frauen, Kinder, Schwangere, Alte, Kranke rauszubringen“.

Immer wieder, sagt Alexander Gruslak, werde er „gefragt, wie Deutschland dazu steht“: Was tut ihr? Werdet ihr uns helfen? Werdet ihr uns aufnehmen?

Eine Hilfsfahrt nach Polen zu den Geflohenen

Am Wochenende will er mit einem Lastwagen nach Polen fahren, vielleicht wird es ihm gelingen, ein paar Flüchtlingen weiterzuhelfen. Und er will Verbandsmaterial hinbringen, denn immer wieder hört er, dass das verzweifelt gebraucht werde.

„Wenn ich von dieser Erde scheide“, sagt Alexander Gruslak, „kann ich getrost zurückblicken“, denn er habe „gute Werke getan“ für die von Armut geknebelten Menschen in der Ukraine. Aber vielleicht fängt seine Arbeit nun erst richtig an.

Er kennt das Land, die Menschen, ihre Not, er ist schockiert, und er will helfen: Alexander Gruslak aus Oeffingen fährt am Wochenende nach Polen, wohin ukrainische Frauen und Kinder vor Putins Krieg geflohen sind. Mit vielen Freunden in der Ukraine hält er telefonisch Kontakt – was er aus den Gesprächen berichtet, wühlt auf.

Ach, Krieg, so was gibt es doch nicht mehr, nicht in Europa: Viele in Deutschland dachten noch am Mittwochabend so, hielten nicht für möglich, wollten nicht

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