Rems-Murr-Kreis

Ukraine-Krieg: Alt-Landrat Horst Lässing wird 85 und deutet Putin (69)

Horst Lässing
Horst Lässing vor russischer Ikonen-Malerei in seinem Wohnzimmer. © Benjamin Büttner

„Wir waren in Deutschland zu lange Zeit blauäugig Illusionen angehangen, was Russland, aber auch China angeht“, sagt Horst Lässing. Der belesene und vielgereiste Alt-Landrat hat zum Plausch über die Welt geladen. Er wird am 28. Februar 85 Jahre alt. „Moralische Fortschritte in dunklen Zeiten“ – der aktuelle Verkaufsschlager des Philosophen Markus Gabriel liegt auf seinem Esstisch. Hat die Welt also keine moralischen Fortschritte gemacht?

„Die Vorstellung, dass sich unsere demokratischen Prinzipien und Werte-Einstellungen in der ganzen Welt ausbreiten, hatte mal ihre geschichtliche Berechtigung und ihre Zeit“, sagt Lässing. Jetzt müssten wir aber den geänderten Realitäten ins Auge blicken und ehrlich bekennen, das Vorhaben, Wandel durch Handel herbeizuführen, sei gescheitert.

„Jetzt ist auch nicht mehr die Zeit der Diplomatie, weil Putin seine Ansichten und Überzeugungen ja nicht ändert, so moralisch verwerflich sie aus unserer Sicht auch sein mögen.“ Putin, der alte KGB-Mann, sei eben kulturell und ideologisch anders aufgewachsen und erzogen worden als die Menschen im Nachkriegsdeutschland. „Wenn er etwas sagt, dann meint er das leider auch so. Da lässt er sich auch nicht von abbringen. Der Angriffskrieg in der Ukraine, das ist Putins Krieg. Er ist fast 70, er möchte als der russische Führer in die Geschichte eingehen, der an die alte Großmacht des russischen Reiches wieder angeknüpft hat.“

Putins geschichtliche Begründungsexkurse etwa in die Zeit des Kiewer Rus, des mutmaßlich ersten „russischen“ Reiches (9. bis 13. Jahrhundert), das allerdings von Warägern aus Skandinavien gegründet wurde, die eine slawische Mehrheitsbevölkerung beherrschten, seien zwar Geschichtsklitterung. „Putin ist aber dennoch fest davon überzeugt. Genauso wie Trump und seine Anhänger fest davon überzeugt sind, dass Trump der Wahlsieg gestohlen worden sei. Das sagen die nicht nur so, sondern die glauben das“ – so sehr man sich auch darüber lustig mache, so sehr man das auch als Unwahrheiten brandmarke und moralisch verurteile. „Das schert die doch nicht.“

Auch die nun ausgesprochenen Sanktionen hielten Putin sicherlich nicht auf, sagt Lässing. „Das schreckliche Schicksal der Ukraine und der Menschen dort werden die Sanktionen jedenfalls nicht abwenden. Trotzdem wird auch von deutschen Politikern das nicht ehrlich so kommuniziert.“ Im Grunde sei unser aller Verhalten im Westen gerade unterlassene Hilfeleistung in großem Stil, bestätigt Lässing. „Aber, was will man machen, wir haben Angst vor Putin und wir fühlen uns machtlos“ und sind auch noch, was die Energieversorgung angeht, weitgehend abhängig von Russland.

Auch auf mittelfristige Sicht habe Putin die westlichen Sanktionen und die Folgen längst eingepreist in seinen Plänen. „Was er will, ist eine demilitarisierte Ukraine mit einer Marionettenregierung, die sich an Russland anlehnt und nicht an die EU oder gar die Nato.“ Dabei gehe er über Leichen. Das sei ihm ernst. „Und das müssen wir endlich verstehen, so wenig es uns gefällt. So hilflos wir uns auch fühlen.“

Menschen seien unterschiedlich, Länder und Kulturen seien verschieden und auch moralische Vorstellungen. „So ist die Welt, und die Welt ändert sich nicht nach unseren Vorstellungen, sondern nach ihren eigenen.“ Lässing glaubt, dass nun auch China bald den militärischen Weg zur Annexion Taiwans einschlagen wird. „Ich fand China immer sympathisch. Mit Xi Jinping hat sich aber alles gewandelt. Ähnlich wie Russland unter Putin.“

Freundschaft mit dem Russland Putins sei gerade unmöglich, sagt Lässing. Er wolle sich zwar nicht einmischen und dem amtierenden Landrat Dr. Richard Sigel ungefragt Ratschläge erteilen, aber, es sei wohl ehrlicher und realistischer, auch die Landkreis-Partnerschaft des Rems-Murr-Kreises mit dem Rayon Dmitrow, die er (Lässing) Anfang der 1990er über Kontakte im Europarat begründet hatte, auf unbestimmte Zeit auf Eis zu legen. „Vielleicht ändert sich wieder etwas in unserem Verhältnis mit Russland, wenn Putin nicht mehr das Sagen hat. Die Zeit mag einen erneuten Wandel bringen, leider nicht wir mit unserer Moral.“

Zurück zum anfangs erwähnten Buch. „Markus Gabriel vertritt einen realistischen Existenzialismus“, sagt Lässing. „Er behauptet, es gebe zwar eine Moral, aber keine offenbarte, sondern sie existiere von sich aus heraus in jedem Menschen, universal. Es sei Lebensaufgabe des Menschen, diese zu erkennen.“ Im Grunde sei der Mensch wie jedes Lebewesen Teil der Natur. „Es gibt Kommen, Werden und Vergehen. Steten Wandel.“ Auch Russland werde sich irgendwann wieder wandeln. Putin wohl aber nicht mehr, so Lässing.

„Wir waren in Deutschland zu lange Zeit blauäugig Illusionen angehangen, was Russland, aber auch China angeht“, sagt Horst Lässing. Der belesene und vielgereiste Alt-Landrat hat zum Plausch über die Welt geladen. Er wird am 28. Februar 85 Jahre alt. „Moralische Fortschritte in dunklen Zeiten“ – der aktuelle Verkaufsschlager des Philosophen Markus Gabriel liegt auf seinem Esstisch. Hat die Welt also keine moralischen Fortschritte gemacht?

„Die Vorstellung, dass sich unsere

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