Rems-Murr-Kreis

Ukraine-Krieg belastet Landwirtschaft: Lebensmittel teurer, Dünger knapp

Getreideernte im Kreis
Landwirte bei der Ernte im Sommer. Dieses Jahr droht hierzulande keine Getreide-Knappheit. © Gabriel Habermann

Die Ukraine und Russland gelten als die Kornkammern der Welt. Beide Staaten zusammen decken nach Angaben des Landesbauernverbands in Baden-Württemberg ein weltweites Handelsvolumen von 30 Prozent bei Weizen, 32 Prozent bei Gerste und 17 Prozent bei Mais ab. Außerdem ist die Ukraine mit einem Weltmarktanteil von mehr als 50 Prozent der Haupterzeuger von Sonnenblumen und den daraus entstehenden Produkten. Seit der Krieg begonnen hat, steht der Export still, die Häfen sind umkämpft und der Transport über die Straße ist zu unsicher. Hat das auch Auswirkungen für die Landwirte und die Verbraucher im Rems-Murr-Kreis?

„Die Preise gehen durch die Decke, denn der Getreidepreis wird am Weltmarkt gemacht“, sagt Michael Stuber, Leiter des beim Landratsamt angesiedelten Landwirtschaftsamts. Diese Preissteigerung sei allerdings eher eine Folge von der Angst, was die Zukunft bringt: „Noch fehlt es nicht an Getreide. Doch es ist unklar, ob die Felder in der Ukraine in diesem Jahr bestellt werden können.“ Auch die Verbraucher werden diese Entwicklung zu spüren bekommen: „Die Lebensmittelpreise werden steigen, auch wenn der Anteil des Rohstoffs Weizen am Preis etwa bei einem Brötchen marginal ist.“ Knappheit sei aber nicht zu befürchten, da Baden-Württemberg sich bei Getreide zu 100 Prozent selbst versorge.

Steigende Diesel- und Energiekosten belasten Landwirte

Landwirt Volker Escher sieht das ebenso: „Ich glaube nicht, dass hierzulande irgendein Lebensmittel knapp wird.“ Hamsterkäufe seien deshalb unnötig. „Die steigenden Getreidepreise werden die armen Staaten in Nordafrika und im arabischen Raum treffen, die bisher von der Ukraine versorgt wurden und keine höheren Preise bezahlen können.“ Auf seinen Feldern in Waiblingen-Hegnach baut Escher Mais, Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben an und profitiert somit von den steigenden Getreidepreisen. Diese entwickeln sich laut Escher schon seit einem Jahr nach oben, der Krieg in der Ukraine lasse sie nun explodieren.

Dennoch hat er nicht mehr in der Kasse, denn die Betriebskosten sind ebenso stark gestiegen, allen voran der Dieselpreis: „Wenn ich mit dem Schlepper an die Tankstelle fahre, sind 600 Euro weg. Auch Saatgut ist teurer geworden und die Düngekosten haben sich vervielfacht, weil die Düngerproduktion stark von den Energiekosten abhängt.“ Er selbst hat vorgesorgt und beispielsweise bereits im vergangenen Herbst den Dünger für dieses Jahr gekauft. Für Betriebe, die jetzt in Vorleistung gehen müssen, könnte es finanziell schwierig werden, auch weil noch nicht klar sei, wie sich die Getreidepreise bis zur Ernte im Sommer und Herbst entwickelten.

Eiweißfutter für Tiere wird teurer

Die Ukraine und Russland sind auch wichtige Lieferanten von Sonnenblumen, Raps und Soja. Der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie befürchtet, dass der Krieg die bereits angespannte Lage an den Märkten weiter anheizt. Das wirke sich auch auf die Versorgung mit Eiweißfuttermitteln aus Sonnenblumen, Raps oder Soja für Rind, Schwein und Geflügel aus. Die steigenden Futterkosten treffen alle Tierhalter, besonders aber Schweinehalter, die seit zwei Jahren in einer Preiskrise stecken, sagt eine Sprecherin des Landesbauernverbands.

Familie Müller mästet Schweine in Backnang. Die Teuerung im Eiweißfutterbereich treffe den Betrieb weniger, weil hauptsächlich heimisch gefüttert werde, zu einem großen Teil aus eigenem Anbau, sagt Andreas Müller. Doch die Betriebskosten steigen trotzdem schon seit längerem: „Mineralfutter wird seit einem Jahr teurer, weil viele Grundstoffe dafür aus China kommen“, nennt er ein Beispiel. Hinzu kommen steigende Sprit- und Energiekosten, die durch den Ukraine-Krieg noch weiter in die Höhe getrieben werden.

Sorge wegen Lieferengpässen bei Düngemitteln

Die vergangenen rund 20 Monate seien für Schweinehalter enorm schwierig gewesen. „Das lag vor allem an der Corona-Pandemie. Weil in den Zerlegebetrieben größere Abstände zwischen den Mitarbeitern eingehalten werden müssen, ist die Schlachtkapazität gesunken.“ Hinzu komme, dass ausgefallene Veranstaltungen die Nachfrage nach Schweinefleisch senkten, besonders ins Gewicht fallen Großveranstaltungen wie Volksfeste oder auch Fußballspiele. Nun steigt die Nachfrage wieder, der Preis für Schweinefleisch hat sich in den vergangenen vier Wochen laut Müller um mehr als die Hälfte erhöht. Das liegt vor allem auch daran, dass weniger Ware verfügbar ist, denn viele Betriebe haben während der Corona-Pandemie aufgegeben.

Wie es weitergeht, ist schwer zu sagen. Der Landesbauernverband geht davon aus, dass der Ukraine-Krieg die Preise weiter steigen lässt. Die Versorgung in Europa und Deutschland mit Getreide sei 2022 gesichert. Problematisch sei vor allem die Situation bei Düngemitteln. Sowohl das zur Herstellung benötigte Gas als auch Dünger kommen unter anderem aus Russland und der Ukraine. Es komme bereits zu Versorgungsengpässen. „Es könnte 2023 zu Ertragsrückgängen von bis zu 40 Prozent kommen, wenn die Lieferengpässe bei Gas und Dünger über 2022 hinaus anhalten“, sagt die Sprecherin des Verbands. „Damit wäre auch die Versorgung von Deutschland mit ausreichend Getreide 2023 ernsthaft gefährdet.“ Zunächst müssten nun drängendere Defizite ausgeglichen werden. „Wir gehen davon aus, dass die Einschränkungen beim Getreideexport aus Russland und der Ukraine zu massiven Engpässen in Nordafrika und dem Nahen Osten führen werden.“ Auch die EU sei ein wichtiger Weizenexporteur und könne diese Defizite teilweise ausgleichen.

Die Ukraine und Russland gelten als die Kornkammern der Welt. Beide Staaten zusammen decken nach Angaben des Landesbauernverbands in Baden-Württemberg ein weltweites Handelsvolumen von 30 Prozent bei Weizen, 32 Prozent bei Gerste und 17 Prozent bei Mais ab. Außerdem ist die Ukraine mit einem Weltmarktanteil von mehr als 50 Prozent der Haupterzeuger von Sonnenblumen und den daraus entstehenden Produkten. Seit der Krieg begonnen hat, steht der Export still, die Häfen sind umkämpft und der

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