Rems-Murr-Kreis

Ukraine-Krieg: Claus Paal (IHK) über Russland-Sanktionen und Erdgas-Abhängigkeit

Paal
"Wir müssen eigentlich komplett weg vom Erdgas", sagt Claus Paal. Aber wie? © Benjamin Büttner

„Diese Aggression von Russland gegenüber der Ukraine darf die Weltengemeinschaft nicht akzeptieren“, sagt Claus Paal, Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. „Auch die deutsche Wirtschaft muss nun ein entschiedenes Vorgehen gegen Russland in Form von Sanktionen mittragen, auch wenn's uns wehtut, auch wenn's zulasten unserer Geschäfte mit Russland geht“, sagt Paal. Doch ist Russland wirtschaftlich gesehen überhaupt so maßgeblich? Und: Wie abhängig sind wir vom Erdgas?

"Gewalt darf niemals als Mittel der politischen Auseinandersetzung toleriert werden. Das ist völlig inakzeptabel. In einer solchen Zeitenwende müssen auch der Wirtschaft Freiheit, Demokratie und Menschenrechte nun das Wichtigste sein“, sagt Claus Paal. Ähnlich äußerte sich Mercedes-Benz-Vorstandschef Ola Källenius.

Der IHK-Bezirkskammer-Präsident erwartet sogar noch weitreichendere Sanktionen, als Russland vom internationalen Zahlungsverkehr via Swift abzukoppeln und den Handel mit russischen Staatsanleihen zu verbieten. „Das wird einschneidende Auswirkungen auch auf die exportorientierte Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis und im ganzen Südwesten haben. Aber das müssen wir mittragen." 

Paal geht zudem von einem drastischen Anstieg der Energiepreise aus. „Der wird bei uns in Deutschland die normalen Leute hart treffen. Wir haben uns leider viel zu abhängig vom russischen Gas gemacht“, sagt Paal. Er befürchte, Umschichtungen im deutschen Gasimport-Geschäft, etwa mehr Erdgas von Norwegen oder Katar oder mehr Flüssiggas von den USA zu bekommen, werde das grundsätzliche Problem nicht lösen. „Wir müssen eigentlich komplett weg vom Erdgas. Wasserstoff wäre eine sehr gute Alternative. Das sage ich aber schon seit 15 Jahren. Da haben wir in Deutschland leider viel zu lange viel zu wenig gemacht und zu wenig Innovationen vorangetrieben.“

Die Versorgungssicherheit sei im Moment allerdings nicht gefährdet, sagte eine EnBW-Sprecherin am Donnerstag (24.2.2022). "Aktuell liefern die russischen Vertragspartner die vertragsgemäß zugesagten Gasmengen."

Derweil hat die Regierungskoalition in Berlin am 23. Februar 2022 ein milliardenschweres Entlastungspaket für die von steigenden Preisen gebeutelten Verbraucher beschlossen.

Was jetzt mit der Aggression Russlands begonnen habe, sei eine neue Zeitenrechnung. Der gesamte Westen habe sich zu lange auf der Illusion ausgeruht, dass wir in einer friedlichen Welt lebten und diese immer friedlicher und demokratischer werde. Leider habe Putin die moralischen Empörungen und Sanktionen der westlichen Welt sicherlich in seinen Plänen längst eingepreist. „Das ist die bittere Erkenntnis“, sagt Paal. „Umso mehr muss die Weltengemeinschaft jetzt unmissverständlich und in Einheit zusammenstehen und Putin isolieren.“

Russland und Ukraine gar nicht so wichtig für Baden-Württemberg?

"In der Rangfolge der wichtigsten Handelspartner Baden-Württembergs belegte Russland 2021 beim Export den 16. Rang und beim Import den 22. Rang", teilt das Statistische Landesamt mit. "Von der baden-württembergischen Gesamtausfuhr entfielen 1,7 % und von der Gesamteinfuhr 1,0 % auf die Russische Föderation."

"Baden-Württemberg exportierte 2021 nach vorläufigen Ergebnissen Waren im Wert von 3,8 Milliarden Euro nach Russland, das waren 31,9 % mehr als im Jahr zuvor", so das Statistische Landesamt. Spitzenreiter unter den Exporten seien mit einem Wert von jeweils rund 1,1 Milliarden Euro Fahrzeuge und Fahrzeugteile sowie Maschinen. "Die baden-württembergischen Importe aus Russland bestanden im Jahr 2021 überwiegend aus Erdöl und Erdgas im Wert von 0,8 Mrd. Euro, gefolgt von Metallen und Kohle. Zusammen nahmen diese drei Gütergruppen fast 85 % der Gesamteinfuhr aus Russland ein." 

Fazit: Für manche Unternehmen ist das Russland-Geschäft sicherlich wichtig, vor allem für die Maschinenbauer im Rems-Murr-Kreis, gesamtwirtschaftlich gesehen aber und was Exporte und Importe insgesamt angeht, untergeordnet wichtig. Was allerdings die Ernergiemix-Abhängigkeit von „russischen“ Bodenschätzen angeht, da steckt auch Baden-Württemberg wohl tief drin im Schlamassel.

Wie abhängig sind wir vom Erdgas?

Laut der Strommarktdaten-Plattform SMARD des Bundeswirtschaftsministeriums betrug der Anteil von Erdgas insgesamt am Primärenergieverbrauch in Deutschland 26,6 % im Jahr 2020; vom Erdgas-Absatz von 945 Milliarden-Kilowattstunden (Mrd. kWh) entfielen:

  • rund 350 Mrd. kWh auf die Industrie,
  • rund 300 Mrd. kWh auf Privathaushalte und Wohngemeinschaften,
  • rund 100 Mrd. kWh auf Gewerbe, Handel und Dienstleistungen,
  • rund 130 Mrd. kWh auf die Stromversorgung,
  • rund 50 Mrd. kWh auf die Wärme- und Kälteversorgung,

  • der Rest auf den Verkehr.

So ist laut Bundeswirtschaftsministerium der größte Erdgasverbraucher „die Industrie, gefolgt von den privaten Haushalten. Gut zwei Drittel des Erdgasabsatzes werden damit für Raum- und Prozesswärme sowie sonstige industrielle Zwecke verwendet.“

Der überwiegende Teil des Erdgas-Bedarfs wird aus Russland und der Russischen Föderation (55 Prozent), Norwegen (30 Prozent) und den Niederlanden (13 Prozent) nach Deutschland importiert.

Der genaue Anteil von „russischem Gas“ am Energiemix in Baden-Württemberg ist nicht bis ins letzte Detail benennbar. 2019 betrug der Anteil des Erdgases am Primärenergieverbrauch hierzulande 25,1 Prozent: Wir liegen also im von Russland bitter abhängigen Bundesdurchschnitt.

Nicht zuletzt ist Russland auch der wichtigste Mineralöl-Lieferant Deutschlands: Rund 37 Prozent der deutschen Rohöl-Importe kommen aus Russland und Ländern der Russischen Förderation. Aus Norwegen und Mitgliedstaaten der Europäischen Union wird „nicht ganz ein Viertel“ der deutschen Rohöl-Einfuhren bezogen, so das BMWI.

„Diese Aggression von Russland gegenüber der Ukraine darf die Weltengemeinschaft nicht akzeptieren“, sagt Claus Paal, Präsident der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr. „Auch die deutsche Wirtschaft muss nun ein entschiedenes Vorgehen gegen Russland in Form von Sanktionen mittragen, auch wenn's uns wehtut, auch wenn's zulasten unserer Geschäfte mit Russland geht“, sagt Paal. Doch ist Russland wirtschaftlich gesehen überhaupt so maßgeblich? Und: Wie abhängig sind wir vom Erdgas?

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