Rems-Murr-Kreis

Ukraine-Krieg und Corona-Pandemie: Chefarzt erklärt, wie man die Psyche schützt

Andreas Raether
Andreas Raether ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. © FOTOSTUDIO WERNER KISSEL

Die Nachrichten und Bilder vom Krieg in der Ukraine belasten die Seele. Hinzu kommt, dass die Corona-Pandemie der Psyche schon seit zwei Jahren zusetzt. Andreas Raether ist Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Winnenden. Unser Redaktionsmitglied Annina Baur hat mit ihm darüber gesprochen, welche Folgen der Krieg auf Psyche und Körper hat und wie man mit der Angst vor dem Krieg umgehen kann.

Herr Raether, erschreckende und traurige Nachrichten und Bilder aus der Ukraine dominieren die Nachrichten auf allen Kanälen. Welche Auswirkungen hat das auf unsere psychische Gesundheit?

Die Bilder und Nachrichten lösen zahlreiche seelische Reaktionen aus. Bei der älteren Bevölkerung, die einen Krieg miterlebt hat, kommen manchmal eigene Erfahrungen und Beobachtungen hinzu. Für alle Menschen ist das Schwierigste an der Situation, wahrzunehmen, dass sie keine Kontrolle über das Geschehen haben, sich ohnmächtig fühlen.

Im Körper lösen diese Gefühle eine Stressreaktion aus. Gerade mit solchen unvorhergesehenen Stresssituationen, die lange andauern, kann der Mensch schlecht umgehen. Wird der Körper dadurch in Stressmodus versetzt, beeinflusst dies das vegetative Nervensystem. Das kann sich in körperlichen Symptomen wie innerer Unruhe, Herzklopfen, Schlafstörungen und wirren Träumen zeigen. Unter Stress werden vermehrt die Hormone Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet, was unter Umständen sogar Organe, Muskeln und das Herz schädigen kann.

Wie reagieren Menschen, die bereits eine psychische Erkrankung haben, auf diese Entwicklung?

Bei depressiven Patienten erlebe ich gerade, dass der Krieg das bestimmende Thema ist. Grundsätzlich aber reagieren psychisch vorerkrankte Menschen nicht anders als gesunde. Wie ein Mensch mit dieser schwierigen Situation umgeht, hängt vor allem von seiner Persönlichkeit ab. Die kann ein Schutz sein oder vulnerabel machen. Wie vulnerabel oder resilient ein Mensch ist, ist quasi eingebaut. Natürlich spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Wer sozial gut eingebunden ist, kann mit der Belastung in der Regel besser umgehen. Auch die eigene Lebensgeschichte, etwa ob jemand einen Krieg oder eine Flucht selbst erlebt hat, beeinflusst die Reaktionen.

Der Kriegsbeginn in Europa fällt in eine schwierige Zeit. Zwei Jahre Corona-Pandemie liegen hinter uns und noch ist kein Ende in Sicht. Was bedeutet das für die Gesundheit?

Das ist eine Doppelbelastung, die dazu führt, dass das Pendel von der Resilienz wegschwingt hin zur Vulnerabilität. Seelischer Stress kann sich auf den Körper auswirken, beispielsweise können sich chronische Krankheiten dadurch verschlechtern. Das betrifft alle Bereiche der Medizin und gilt natürlich nicht nur für uns hier, sondern vor allem auch für Flüchtlinge. Unmittelbar vom Krieg Betroffene werden schlechter oder gar nicht medizinisch versorgt. Auch wir hier in Winnenden rechnen damit, dass unter den Flüchtlingen beispielsweise Patienten mit schlecht eingestelltem Blutdruck oder schlecht eingestelltem Diabetes sind. Eine Verschlechterung einer chronischen Krankheit kann sich wiederum negativ auf die Seele auswirken.

Wie wirkt sich diese Doppelbelastung auf die Psyche aus?

Alle Menschen reagieren in Extremsituationen unterschiedlich. Fast immer spielen jedoch Gefühle der Ohnmacht und des Kontrollverlusts eine zentrale Rolle. Das gilt sowohl für die Corona-Pandemie als auch für den Krieg in der Ukraine.

Was kann jeder selbst tun, um nicht in eine gedankliche Negativspirale zu geraten?

Um aus dem Zustand der Ohnmacht herauszukommen, ist es wichtig, seine Wahrnehmung, Denkweise und Handlungen so zu verändern, dass man sich wieder handlungsfähig fühlt. Für die Denkweise ist es entscheidend, niemanden persönlich und auch keine Bevölkerungsgruppe verantwortlich zu machen. Man tut sich selbst nichts Gutes, wenn man einen Schuldigen sucht. Vielmehr sollte man versuchen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir sollten gerade mit denen sprechen, vor deren Meinung wir uns fürchten. So können wir vor Ort in unserer pluralistischen Gesellschaft den Friedensprozess üben. Denn es wird eine Kunst sein, wie wir es schaffen, dass Russen und Ukrainer wieder miteinander sprechen. Wir sollten den Mut haben, aufeinander zuzugehen.

Um Spannung aus dem vegetativen Nervensystem zu nehmen, sind alle Dinge gut, die uns beruhigen. Das können Entspannungsübungen, Meditation oder autogenes Training sein. Auch ein Spaziergang oder eine Tasse Tee in Ruhe können helfen, unsere Seele ins Gleichgewicht zu bringen.

Welche Rolle spielt unsere digitalisierte Welt dabei, in der jeder fast immer online ist und ständig Zugang zu den neuesten Nachrichten hat?

Das spielt eine entscheidende Rolle. Jede Suche nach neuen Informationen ist ein Versuch der Psyche, Kontrolle über die Situation zu bekommen. Aus psychotherapeutischer Sicht ist dieses Verhalten aber ineffektiv. Besser ist es, nicht zu viel Zeit vor Fernseher und sozialen Medien zu verbringen, sie wirken wie ein Staubsauger. Man kann sich zum Beispiel selbst verpflichten, nach dem Wetterbericht auszuschalten oder sich eine Eieruhr oder einen Wecker stellen, um die Zeit vor dem Fernseher oder im Internet zu begrenzen.

Wann sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Ich vergleiche das gerne mit einem Kinderkarussell. Man dreht sich darauf normalerweise mít einer gleichbleibenden Geschwindigkeit. Wenn man merkt, dass es immer schneller wird, muss man abspringen. Und falls man nicht mehr herunterkommt, braucht man Hilfe. Das kann beispielsweise die Telefonseelsorge, die Seelsorge in Kirchengemeinden oder eine therapeutisch tätige Person sein. Häufig bemerken Betroffene nicht selbst, dass sie Hilfe brauchen. Deshalb ist es wichtig, bei Freunden und Verwandten auf Stresszeichen zu achten. Das kann zum Beispiel sein, dass jemand zu viel fernsieht, nur noch über den Krieg spricht oder sich übergroße Sorgen macht. Auch Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Albträume oder ein Verschwimmen von Virtualität und Realität sind Hinweise darauf, dass ein Mensch Hilfe braucht.

Die Nachrichten und Bilder vom Krieg in der Ukraine belasten die Seele. Hinzu kommt, dass die Corona-Pandemie der Psyche schon seit zwei Jahren zusetzt. Andreas Raether ist Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Winnenden. Unser Redaktionsmitglied Annina Baur hat mit ihm darüber gesprochen, welche Folgen der Krieg auf Psyche und Körper hat und wie man mit der Angst vor dem Krieg umgehen

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