Rems-Murr-Kreis

Unfall mit SUV in Waiblingen: Sollten Fahranfänger PS-starke Autos fahren?

Waiblingen: Kurioser Unfallhergang - 119.000 Euro Schaden
Der Zaun wirkte wie eine Rampe und ließ den Mercedes-SUV regelrecht über den Fiesta schanzen. © SDMG / Kohls

Kaum hat er den Führerschein, schon fährt er einen vor PS nur so strotzenden Luxus-Mercedes zu Schrott: Die Verlockung ist groß, einen spektakulären Unfall, der sich am Sonntag, 23. Januar, in Waiblingen zugetragen hat, in diese Richtung zu deuten.

Fairerweise muss man sagen: Dem 18-Jährigen ist ein Missgeschick unterlaufen, und es gibt reichlich PS-stärkere Höllenmaschinen als jene, mit welcher der junge Mann unterwegs war. Ferner hat dieser Unfall mit Raserei nichts zu tun, eher damit, dass dieses Auto abging wie Schmidts Katze – nach ebenso unbeabsichtigtem wie wohl beherztem Druck aufs Gaspedal.

Und doch drängt sich die Frage auf: Weshalb dürfen Fahranfänger überhaupt PS-starke Autos steuern?

Weil es nicht verboten ist.

Mercedes durchbricht Schranke und schanzt über ein anderes Auto

Der 18-Jährige ist mit leichten Verletzungen davongekommen. Nicht nur ihm selbst, auch unbeteiligten Passanten hätte viel Schlimmeres zustoßen können. Der junge Mann hatte in seinem laut Polizei „stark motorisierten“ Mercedes GLE Brems- und Gaspedal verwechselt – mit fatalen Folgen. Vor einer Parkschranke in der Weingärtner Vorstadt in Waiblingen hatte der Fahranfänger nur kurz Münzgeld in den Automaten werfen wollen. Als er sich aus dem Fenster lehnte und sich mit den Füßen auf dem Bremspedal abstützen wollte, verwandelte sich sein Fahrzeug in ein Flugzeug: Der junge Mann hatte versehentlich das Gaspedal erwischt. Der SUV schoss nach vorne, durchbrach die Schranke und einen Zaun, wobei der Zaun wie eine Art Rampe wirkte und den tonnenschweren Wagen über einen Fiesta schanzen ließ. Als Lande-Ort wählte der GLE eine Parklücke, nicht ohne gegen einen weiteren Mercedes geprallt zu sein.

Sachschaden alles in allem: 119 000 Euro

Die Schadenshöhen, aufgeschlüsselt: Der Mercedes GLE, laut Polizei ein 350 e 4Matic SUV mit etwa 210 PS, Erstzulassung Herbst 2021, ist Schrott. Der wirtschaftliche Totalschaden beläuft sich der Polizeimeldung zufolge auf 95 000 Euro. Der Fiesta ist jetzt 13 000 Euro weniger und damit nichts mehr wert – da ebenfalls Schrott. Der Schaden am zweiten Mercedes beläuft sich auf 8000 Euro. Kommen noch 3000 Euro hinzu, welche für Reparaturen an Schranke und Zaun zu erwarten sind.

„75 bis 100 PS reichen vollkommen für Fahranfänger“

Der junge Mann ist glücklicherweise nur leicht verletzt – und nach diesem Unfall ohnehin schwer gebeutelt. Heiner Sothmann, Pressesprecher der Deutschen Verkehrswacht, möchte schon allein deshalb zum Thema „junge Männer in schnellen Autos“ nur ganz allgemein etwas sagen – zumal dieser Unfall in Waiblingen nichts mit jenen Vorfällen zu tun hat, die immer mal wieder zu Forderungen nach PS-Beschränkungen für Fahranfänger führen. Gemeint sind illegale Autorennen etwa in Berlin, die Menschenleben gekostet haben. Oder der Fall des 20-Jährigen, der 2019 mit einem 550 PS starken gemieteten Jaguar in Stuttgart in einen Kleinwagen gerast war. Ein junges Pärchen starb.

Dass ein so junger Mensch überhaupt ein derart schnelles Auto fahren darf, wurde seinerzeit vielfach kritisiert. Als die Autorennen in allen Medien thematisiert wurden, kochte die Frage erneut hoch – und wurde schnell wieder vergessen. Man könnte Personen, die erst seit kurzem den Führerschein haben, untersagen, ein Auto mit mehr als 200 oder 250 PS zu mieten, so lautete einer der Vorschläge seinerzeit – und es ging nur ums Mieten. 200 PS „sind noch viel zu viel“, hieß es damals in Kommentarspalten, oder: „75 bis 100 PS reichen vollkommen für Fahranfänger.“

Stufenführerschein: Nur für Motorradfahrer/-innen

Es ist nichts aus generellen PS-Beschränkungen geworden. Einen Stufenführerschein, der zunächst für sehr junge Fahrer/-innen nur für leistungsreduzierte Fahrzeuge gilt, gibt’s nur im Motorradsegment. Wer die Prüfungen zum Führerschein der Klasse B bestanden hat und 18 Jahre alt ist, darf noch am selben Tag ein 600-PS-Auto steuern. Einschränkungen in dieser Führerscheinklasse bestehen nur in Bezug auf das zulässige Gesamtgewicht des Fahrzeugs und die Zahl der Sitzplätze.

Kritiker einer PS-Beschränkung für Fahranfänger führen stets ins Feld, die PS-Zahl allein sei nicht aussagekräftig: Das Gewicht des Fahrzeugs spielt eine gewichtige Rolle, zumal es sich nicht bei jedem PS-starken Fahrzeug um eine für Angeberzwecke geeignete Höllenmaschine handelt. Fahranfänger dürften, sofern sie PS-Beschränkungen unterlegen wären, kein Auto steuern, das mit schwerem Anhang klarkommt oder das in der Land- oder Forstwirtschaft gute Dienste leistet.

Wie groß wäre der Effekt wirklich?

Selbst die Deutsche Verkehrswacht, erprobt in vielfältigem Engagement für mehr Verkehrssicherheit, spricht sich nicht klar für eine PS-Begrenzung für Fahranfänger aus. „Wir haben dazu keine Position. Doch über den Stufenführerschein sollte diskutiert werden.“, sagt Sprecher Heiner Sothmann. Die Datenlage reiche nicht aus, um klare Aussagen darüber treffen zu können, inwieweit PS-Zahlen und Unfallhäufigkeiten tatsächlich zusammenhängen: „Es müsste zuerst viel intensiver beleuchtet werden“, wie groß oder auch klein der Effekt auf die Verkehrssicherheit wirklich ist.

Die folgende Aussage hat unterdessen nichts mit Diskriminierung zu tun; sie basiert auf Statistik: Junge Autofahrer gelten als Gefährdungsgruppe, und unter ihnen Männer in größerem Ausmaß als Frauen.

Bei Fahranfängern kommen zwei Faktoren zusammen, die Unheil bringen können, besonders in Kombi: Junge Leute verfügen naturgemäß über wenig Fahrerfahrung – und einige von ihnen über hohe Risikobereitschaft. Ein Gefühl von Freiheit stellt sich ein mit Übergabe des Führerscheins. Kommt noch ein Hang zu Imponiergehabe dazu, könnte sich eins zum andern fügen.

Sinnvoll: Fahrsicherheitstraining

„Da kann man gegenarbeiten“, sagt Heiner Sothmann. Schon ganz früh in der Autofahrer-Laufbahn Fahrsicherheitstrainings zu absolvieren, das nutze in jedem Fall. Dort spüren Fahrer/-innen ganz konkret, wie sich ein Fahrzeug in Grenzbereichen verhält, etwa bei Glätte oder zu schnellem Heizen durch die Kurve.

Die Deutsche Verkehrswacht hilft etwas nach, indem sie in den Trainings etwa mittels „Rauschbrillen“ erlebbar macht, wie sehr man sich beim Fahren in alkoholisiertem Zustand neben der Spur befindet oder was Blindflug bei Handynutzung am Steuer im Detail bedeutet.

Plädoyer fürs begleitete Fahren ab 17

Gas- und Bremspedal zu verwechseln, das kann theoretisch jedem passieren. Dass man in einer Situation wie der eingangs beschriebenen besser vorher den Gang herausnimmt oder auf „P“ stellt – darauf würde eine erfahrene Begleitperson vermutlich aufmerksam machen. Heiner Sothmann verweist auf „nachgewiesene positive Effekte“, die begleitetes Fahren ab 17 mit sich bringt: Junge Leute können bereits vor ihrem 17. Geburtstag ihre Fahrausbildung absolvieren – und dann schon ab einem Alter von 17 Jahren Auto fahren, sofern eine zuvor definierte Begleitperson danebensitzt.

Kaum hat er den Führerschein, schon fährt er einen vor PS nur so strotzenden Luxus-Mercedes zu Schrott: Die Verlockung ist groß, einen spektakulären Unfall, der sich am Sonntag, 23. Januar, in Waiblingen zugetragen hat, in diese Richtung zu deuten.

Fairerweise muss man sagen: Dem 18-Jährigen ist ein Missgeschick unterlaufen, und es gibt reichlich PS-stärkere Höllenmaschinen als jene, mit welcher der junge Mann unterwegs war. Ferner hat dieser Unfall mit Raserei nichts zu tun, eher

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