Rems-Murr-Kreis

Ungeimpfte verdienen Solidarität, Geimpfte sind nicht unbedingt bessere Menschen

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Geimpfte denken leider zu häufig, sie hätten mit dem Infektionsgeschehen gar nichts mehr zu tun. © pixabay

Die Geimpften zeigen auf die Ungeimpften und behaupten: „Ihr seid schuld. Hättet ihr euch halt auch impfen lassen.“ Dabei ist die Sachlage gar nicht so monokausal zu begründen, wie viele der Geimpften womöglich denken und vollmundig behaupten. 

Ein Kommentar von Redakteur Nils Graefe

Wer von Ungeimpften Solidarität einfordert, möchte sich bitte prüfen, ob er diese Solidarität der Gesellschaft eigentlich selbst gewährt.

Corona geht uns allen gehörig auf die Nerven, zerstört berufliche Existenzen, zerrt an Psyche und finanziellen Sicherheiten in vielen Lebensbereichen, zerrüttet Freund- und Bekanntschaften aufgrund von erbitterten unnachgiebigen Meinungsfronten. Und jetzt steht uns nach der Unbeschwertheit des Sommers 2021 ein weiterer besorgniserregender Pandemie-Winter bevor.

Corona-Impfungen sind aus medizinischer Sicht im Moment das Mittel der Wahl, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern und die Verbreitung des Virus einzudämmen. Und sie wirken ja auch tatsächlich so, was die im Vergleich zu 2020 viel geringeren Todesfallzahlen und die Belegung der Intensivbetten mit vor allem Ungeimpften beweisen.

Allerdings zeigen die momentan zunehmenden Impfdurchbrüche gerade unter über 60-Jährigen, dass die Wirkmächtigkeit der Impfstoffe bei Älteren schnell nachlassen kann. Deshalb sind nach jeweils individueller Abwägung Auffrisch-Impfungen zu empfehlen. Nach dem Willen der Gesundheitsminister soll sich sogar bald jede(r) sechs Monate nach der letzten Impfung „drittimpfen“ lassen dürfen.

Man mag trefflich darüber streiten, ob der moralische und der „seuchenpolizeiliche“ Druck per Ausrufung der Warnstufe und dräuender Alarmstufe (PCR-Tests, 2G etc.), der auf Ungeimpfte ausgeübt wird, gerechtfertigt ist oder nicht. Wer sich in dieser Gemengelage aber aus grundsätzlichen oder individuellen Erwägungen nicht impfen lassen möchte, der hat das Recht dazu. Es gibt keine Impfpflicht. Wir sind ein Rechtsstaat und deshalb gilt das auch so. Aufklärung über Risiken und Chancen einer Corona-Impfung sollte weiterhin betrieben werden, aber als Geimpfter vorwurfsvoll nur auf die Ungeimpften zu zeigen, ist aus mehreren Gründen falsch.

Geimpfte denken leider zu häufig, sie hätten mit dem Infektionsgeschehen gar nichts mehr zu tun. Es stimmt zwar sicherlich, dass Geimpfte unter sich und zum Beispiel im Falle einer 2G-Veranstaltung im weitesten Sinne „geschützt“ sind vor Corona (Ausnahmen wie die Superspreader-2G-Party in Münster vom September bestätigen die Regel). Sobald sie allerdings anderswo Mundschutz, Abstand und Hygienemaßnahmen weglassen, gefährden sie die Gesellschaft. Sie gefährden nicht nur die Ungeimpften, sondern auch diejenigen, die aus medizinischen Gründen kaum oder gar nicht immunisiert sind, so zum Beispiel die Älteren, bei denen der Immunschutz nachlässt oder nicht so ausgeprägt mehr sein kann.

Die drastischen Inzidenzentwicklungen Anfang November 2021 zeigen, dass daran wohl kaum nur die Minderheit der Ungeimpften schuld sein kann. Das RKI sagt eindeutig mit Stand vom 2. November: „In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden.“ Infektionen würden zwar durch die Impfstoffe „in einem erheblichen Maße“ verhindert. Auch die Wahrscheinlichkeit, trotz Impfung PCR-positiv aufzufallen, sei „signifikant vermindert“. Zudem sei die Virusausscheidung bei trotz Impfschutz Infizierten kürzer als bei ungeimpften Infizierten. Es müsse jedoch davon ausgegangen werden, „dass Menschen nach Kontakt mit Sars-CoV-2 trotz Impfung PCR-positiv werden und dabei auch infektiöse Viren ausscheiden“.

Anders gesagt: Die Corona-Impfungen schützen vor allem einen selbst. Man kann sich als Geimpfter aber durchaus infizieren, die Krankheit bricht bei einem selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit aber nicht aus, man bleibt symptomlos und merkt es gar nicht, infiziert aber andere Menschen weiter, wenn auch nicht in so großem Ausmaß wie potenziell ein Ungeimpfter.

Kurzum: Corona-Impfungen verleihen uns keine Absolution. Geimpfte sind nicht zwangsläufig bessere Menschen und solidarischer, sondern sie sind in gewissem Maße weiterhin ebenso wie Ungeimpfte Treiber der Pandemie, wenn auch oft unbemerkt.

Deshalb war es ein Fehler der Politik, die kostenlosen Schnelltests und die Testpflicht für den Besuch von Veranstaltungen oder Restaurants in Hochinzidenzzeiten für Geimpfte abzuschaffen. Zugegeben, regelmäßige Schnelltests sind kein hundertprozentiger Schutz, nach unterschiedlichen Studien sind drei bis vier von zehn Tests falsch negativ. Es würde in sechs von zehn Fällen aber infizierte Ungeimpfte und Geimpfte (!) identifizieren helfen. Infizierte symptomlose Geimpfte sollten aus Solidaritätsgründen in häuslicher Quarantäne bleiben.

Solidarität ist keine Einbahnstraße. Ob geimpft oder ungeimpft, alle sollten in mitmenschlich empathischer Weise aufeinander aufpassen und miteinander umgehen.

Die Geimpften zeigen auf die Ungeimpften und behaupten: „Ihr seid schuld. Hättet ihr euch halt auch impfen lassen.“ Dabei ist die Sachlage gar nicht so monokausal zu begründen, wie viele der Geimpften womöglich denken und vollmundig behaupten. 

Ein Kommentar von Redakteur Nils Graefe

Wer von Ungeimpften Solidarität einfordert, möchte sich bitte prüfen, ob er diese Solidarität der Gesellschaft eigentlich selbst gewährt.

Corona geht uns allen gehörig auf die Nerven,

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