Rems-Murr-Kreis

Verdi-Demo und Kita-Streik in Waiblingen: Erzieherinnen wollen gesund in Rente

Kita Streik
Demozug durch Waiblingen: Erzieher/-innen und alle, die in Sozialberufen arbeiten, wollen „mehr“. Geld steht nicht an erster Stelle. © Alexandra Palmizi

Zwei Kinder haben Dünnpfiff, eins spuckt und bei 15 anderen soll gleichzeitig und individuell passgenau für die „frühkindliche Bildung“ gesorgt werden? In solchen Fällen, sagt eine Erzieherin, würde in den Kindergärten nur noch „verwahrt“. Das hehre und stets wie ein Banner emporgehobene Bildungsideal wäre dann Makulatur. Solche Fälle sind keine Seltenheit. Und deshalb war am Dienstag „Streiktag“. Die Gewerkschaft Verdi hatte dazu aufgerufen.

Es schüttete aus dicken Wolken, doch der Elsbeth-und-Hermann-Zeller-Platz in Waiblingen verströmte eine fröhliche Jahrmarkt-Atmosphäre: bunte Zelte, bunte Schirme, bunte Luftballons. Dazu Musik und irgendwoher – nicht von der Demo, aber perfekt passend – Trommelwirbel. Dabei war das Thema so ernst: All jene, die in sozialen Berufen arbeiteten, hatten sich versammelt. Viele Erzieherinnen, ein paar Erzieher, dazu Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter und – ein Plakat war der Beweis – Leute vom Jugendamt. All diesen, alle aus dem Rems-Murr-Kreis, ging es darum, „die Rente gesund“ zu erleben. Es ging ihnen um erträgliche Arbeitsbedingungen.

Mehr Kinder bei weniger Erzieher/-innen? Die Forderung erregt noch immer

Man brauche „eine befristete Übergangsregelung für eine verantwortliche Erweiterung der Höchstgruppenstärke sowie die Möglichkeit, den Mindestpersonalschlüssel übergangsweise zu unterschreiten“. Das sagte der Präsident des Gemeindetags Steffen Jäger Ende Februar. Erzieherinnen regen sich heute noch darüber auf. Denn die verschlungene Formulierung bedeutet letztlich dies: Es sollen mehr Kinder in die Obhut von weniger Erzieher/-innen. Im Satz steckt das grundsätzliche Dilemma, in dem die Kitas und Kindergärten im ganzen Land und damit auch im Rems-Murr-Kreis stecken: Es gibt zu wenig Fachpersonal, das längst am Rand der Kräfte dahinschuftet. Dazu kommen die vielen Corona-Infektionen und jetzt auch noch womöglich traumatisierte Kinder aus der Ukraine.

Sie würden ihre Arbeit lieben – das erklären alle Befragten. Doch die Arbeit sei im Laufe der Jahre viel schwieriger geworden. Viele Kinder kämen schon als ganz Kleine. Viele Kinder brächten emotionale und soziale Probleme mit. Trotz der Probleme, denen eigentlich viel Aufmerksamkeit gewidmet werden müsste, müsse man sich um immer mehr Kinder kümmern. Die Erzieherinnen fordern mehr ausgebildetes Personal. So viel mehr Kolleginnen und Kollegen, dass den gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung getragen werden könne. Stellen dürften nicht monatelang unbesetzt bleiben. Sie fordern auch einen klaren Rahmen für ihre Tätigkeit: Es müsse festgelegt werden, ab wie vielen Krankheitsausfällen bei den Erzieherinnen eine Gruppe geschlossen werden müsse. Sie beklagen: Über diese Fragen – den Personalschlüssel, die Anzahl der Kinder in einer Gruppe – würden Menschen entscheiden, die keinen Tag in einer Kita verbracht hätten.

Was auffällt: Keine einzige der Befragten nennt bei den Forderungen das Thema „Geld“. Verdi fordert eine grundsätzliche Eingruppierung in eine höhere Entgeltgruppe – was wollen die Erzieherinnen und Erzieher, die Sozialarbeiter und alle anderen, die beim Streik dabei sind? „Das Geld ist zweitrangig“, heißt es. Freilich: Mehr Geld würde niemand ablehnen. Schließlich würde auch alles teurer. Aber das als allererstes genannte Anliegen sind die Arbeitsbedingungen. Die Arbeitsbedingungen sollten endlich dem angepasst werden, was Erzieherinnen und Erzieher tagtäglich bewerkstelligen müssten. „Was wäre unsere Gesellschaft ohne euch“, fragt Verdi-Gewerkschaftssekretärin Ariane Raad. „Ihr sorgt dafür, dass soziale Missstände abgefedert werden. Ihr sorgt dafür, dass diese Gesellschaft weiterläuft.“

Zwei Verhandlungsrunden hat bereits Verdi hinter sich gebracht, die Arbeitgeber hätten noch kein Entgegenkommen gezeigt. Die Maßnahme, die vorgeschlagen worden sei, sei eine Idee in Bezug auf eine entspannendere Mittagspause gewesen: Die Arbeitgeber hätten Massagen angeboten. „Ich hätte nie gedacht“, sagt eine Erzieherin, „dass ich mal auf die Straße gehen muss.“ Mitte Mai, so heißt’s von Verdi, geht’s in die dritte Verhandlungsrunde.

Zwei Kinder haben Dünnpfiff, eins spuckt und bei 15 anderen soll gleichzeitig und individuell passgenau für die „frühkindliche Bildung“ gesorgt werden? In solchen Fällen, sagt eine Erzieherin, würde in den Kindergärten nur noch „verwahrt“. Das hehre und stets wie ein Banner emporgehobene Bildungsideal wäre dann Makulatur. Solche Fälle sind keine Seltenheit. Und deshalb war am Dienstag „Streiktag“. Die Gewerkschaft Verdi hatte dazu aufgerufen.

Es schüttete aus dicken Wolken, doch der

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