Rems-Murr-Kreis

Vereinzelt auffällige Glyphosat-Werte

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Glyphosat wird unter anderem im Obstbau verwendet. Bleibt der Einfluss des Unkrautvernichters tatsächlich aufs Unkraut beschränkt? © ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen.
Lassen Sie nur mal Ihren Urin auf Glyphosat untersuchen – Sie werden sehen, dass auch Sie den Wirkstoff schon im Körper haben. Sinngemäß so stand’s in einer Leserzuschrift. Und tatsächlich: Das Umweltinstitut München, parteiunabhängig und als gemeinnützig anerkannt, veröffentlichte schon 2016 die Ergebnisse der „Urinale“. Über 2000 Menschen aus Deutschland hatten Urinproben auf Glyphosat untersuchen lassen, bei 99,6 Prozent der Probanden waren Rückstände des Unkrautvernichters im Urin nachweisbar. „Bei 75 Prozent der Proben lag die Belastung mit mindestens 0,5 ng/ml um ein Fünffaches höher, als der Grenzwert für Trinkwasser mit 0,1 ng/ml zulässt. Am höchsten belastet ist der Urin von Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 19 Jahren“, hieß es in der Pressemitteilung von damals. Das Bundesumweltamt hatte übrigens auch schon eine Studie zum Thema veranlasst und festgestellt: In einem Zeitraum von 15 Jahren wuchs die Anzahl derer, bei denen Glyphosat im Urin nachzuweisen war, stetig an.

Einige Jahre sind seitdem ins Land gegangen und um Glyphosat wird immer noch gestritten. Am 15. Oktober 2019 veröffentlichte die Landesregierung das „Eckpunktepapier“, in dem es um den Schutz der Insekten und den Erhalt der Flora geht. Darin heißt es: Die Landesregierung setze sich „beim Bund dafür ein, dass der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln in Privatgärten generell verboten wird“. Dabei ist es bislang geblieben.

Vier Tonnen Honig für den Müll: Glyphosatgrenzwert überschritten

Und jetzt? Vor kurzem haben Imker aus Brandenburg eimerweise Honig vor dem Landwirtschaftsministerium in Berlin ausgeschüttet. Mehr als vier Tonnen des wertvollen Nahrungsmittels seien wegen zu hoher Glyphosat-Belastung ein Fall für den Müll, hieß es. Es sei eine bis zu 152-fache Überschreitung des Grenzwertes gemessen worden. Deshalb dürfe der Honig nicht verkauft werden.

Honig ist ein Nahrungsmittel, das bei vielen Menschen regelmäßig auf dem Frühstücksbrot landet. Das Brot wird üblicherweise aus Mehl gebacken. Manche Landwirte besprühen Getreidefelder, übrigens auch Kartoffeläcker, kurz vor der Ernte mit Glyphosat. Denn dann reifen die Ackerfrüchte schneller. „Sikkation“ sagt der Fachmann dazu. Haben wir tagtäglich Unkrautvernichter auf dem Teller?

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Fellbach untersucht für ganz Baden-Württemberg Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs, also Obst, Gemüse, Getreide, Kartoffeln, auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Die Proben werden nach etwa 750 Stoffen abgesucht, auch nach Glyphosat. „Seit 2010“, schreibt Dr. Florian Hägele, „wurden insgesamt etwa 17 000 Proben aus konventionellem und ökologischem Anbau auf Glyphosat untersucht.“ Bislang wurden aber nur bei 76 Proben Glyphosatrückstände festgestellt. Und nur bei 27 Proben lagen die Messwerte über dem jeweiligen „Rückstandshöchstgehalt“. Will sagen: Bei 27 Proben war so viel Glyphosat nachzuweisen, dass das Lebensmittel wie jetzt der Honig vor das Landwirtschaftsministerium geschüttet hätte werden müssen.

Akute Gesundheitsgefahr nicht gegeben

Auffallend häufig wiesen, so Hägele, Buchweizen, Hirse, Leinsamen und Linsen zu hohe Glyphosatwerte auf. Den Grund dafür sieht Hägele in der „Sikkation“, also dem Aufbringen von Glyphosat kurz vor der Ernte. Kartoffeln allerdings, auch immer wieder reifgesprüht, seien unauffällig: Von etwa 400 untersuchten Proben „wies keine Probe Glyphosat-Rückstände oberhalb der Bestimmungsgrenze oder des Höchstgehalts auf. Bei 15 Kartoffelproben wurden lediglich Spurengehalte festgestellt.“

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt kommt daher zu dem Schluss: Eine akute Gesundheitsgefahr durch Glyphosat sei nicht gegeben.

Das Landwirtschaftsamt des Rems-Murr-Kreises führt regelmäßig Kontrollen durch, bei denen Boden- und Pflanzenproben untersucht werden. Es geht um die Frage, ob verschiedenste Pflanzenschutzmittel im jeweiligen Fall überhaupt zugelassen sind und ob sie in der richtigen Menge verwendet wurden. Auf den Einzelwirkstoff Glyphosat werde nicht im Rahmen von Verordnungen, sondern „nur bei Bedarf im Einzelfall im Rahmen von Umweltmeldungen“ kontrolliert. Es habe bislang „keine nennenswerten Beanstandungen“ gegeben.

Keine lokalen Studien

Das Trinkwasser im Kreis wird regelmäßig von den Wasserversorgungsunternehmen auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersucht. Die Wasserversorger werden ihrerseits wieder vom Gesundheitsamt kontrolliert. Im Jahr 2018, so das Landratsamt, wurde laut Jahresbericht der Lebensmittelüberwachung in Baden-Württemberg im Rahmen eines Sonderprogramms Trinkwasser auf Glyphosat und andere Wirkstoffe untersucht. Die Proben waren sauber.

Es scheint alles gut zu sein im Kreis. Leben wir auf einer Insel der Glyphosat-Verschonten? Wie kommt es dann in Deutschland zu so hohen Glyphosatwerten im menschlichen Urin? Und wie sieht der Rems-Murr-Urin eigentlich aus?

Beim Gesundheitsamt des Rems-Murr-Kreises gibt es keine lokalen Studien zu dem Thema – keine älteren und auch keine neuen. Dasselbe gilt für das Landesgesundheitsamt, für das Landwirtschaftsministerium, für das Sozialministerium und für das Umweltministerium des Landes. Und: „Zu Glyphosat-Gehalten in Blut und Urin von Mensch oder Tier können wir Ihnen leider keine Informationen bereitstellen“, heißt es aus dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt aus Fellbach. Solche Proben werden dort nicht untersucht.

Waiblingen.
Lassen Sie nur mal Ihren Urin auf Glyphosat untersuchen – Sie werden sehen, dass auch Sie den Wirkstoff schon im Körper haben. Sinngemäß so stand’s in einer Leserzuschrift. Und tatsächlich: Das Umweltinstitut München, parteiunabhängig und als gemeinnützig anerkannt, veröffentlichte schon 2016 die Ergebnisse der „Urinale“. Über 2000 Menschen aus Deutschland hatten Urinproben auf Glyphosat untersuchen lassen, bei 99,6 Prozent der

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