Rems-Murr-Kreis

Verschwörungstheorien und soziale Nöte: Spaltet das Coronavirus den Rems-Murr-Kreis?

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Rituelle Corona-Austreibung in Schorndorf: Schamane Stephan Bergmann trommelt gegen das Virus an, das es angeblich gar nicht gibt. © Ralph Steinemann Pressefoto

Spaltet das Coronavirus unsere Gesellschaft? Die Gefahr besteht. Aber Verschwörungstheorien und Protestdemos sind dabei womöglich unser kleinstes Problem.

Coronaprotest, Hygienedemo, Verschwörungsmythen - die neue Normalität

„Ich glaube nicht an diesen Virus!“ Das verkündet der mittlerweile zu einem regionalen Guru der Corona-Protestszene aufgestiegene Stephan Bergmann bei Corona-Demos auf dem Schorndorfer Marktplatz oder dem Wasen. Seine Theorien untermauert Bergmann mit Indianergetrommel und Schamanengesang: „Ich bin schön, ich bin heil, ich bin wild, ich bin frei.“

„Ne schwere Grippe“ sei „kein Grund, die Demokratie abzuschaffen“, ätzte der Ulmer Rechtsanwalt Markus Haintz neulich in Schorndorf und raunte: Deutschland werde „vorsätzlich“ demontiert von einer „Elite aus Macht, Geld und Medien“.

Da wir Abstandsgebote wahren müssen, leben wir im „KZ BRD“, findet Heiko M., der früher den Waiblinger Reichsbürger-Verein „Freiheit für Deutschland“ bewarb.

Oliver Hilburger, Althütte, vormals Mitglied der Rechtsrockgruppe Noie Werte, heute Kopf der „alternativen Gewerkschaft“ Zentrum Automobil, behauptet: Unterm „Deckmantel des Seuchenschutzes“ werde die „linke und globalistische Weltvereinheitlichung“ vorangetrieben.

Und dann kursiert auch noch die Schauermär, dass Mächtige wie Hillary Clinton Kindern in Folterkellern den Stoff Adrenochrom abzapfen, der ewige Jugend verleiht ... Ist die Welt verrückt geworden?

Moment, einmal tief durchatmen. Dass in Pandemiezeiten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben, ist: total normal.

Beulenpest, Spanische Grippe, Coronavirus: Verschwörungstheorien gehören zu Pandemien

Als 1576 in Padua die Beulenpest spukte, hieß es, Verschwörer hätten giftige Salben auf Türgriffe geschmiert. Als in den 1830er Jahren Cholera-Ausbrüche Europa heimsuchten, witterten viele dahinter ein Regierungsprogramm, um die Zahl der Armen zu reduzieren. Als 1918 die Spanische Grippe um die Welt ging, galten in den USA Aspirin-Tabletten der deutschen Firma Bayer als Auslöser. Als in den 1980er Jahren HIV um sich griff, sahen manche darin eine Biowaffe zur Ausrottung der Homosexualität. Als 2015 das Zika-Virus grassierte, raunten manche von einem perfiden Plan globaler Eliten, um die Erde zu entvölkern.

All diese Beispiele nennt der kanadische Professor Steven Taylor in seinem Buch „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“. Erschienen ist es im Oktober 2019 – einen Monat, bevor in Wuhan die ersten Fälle einer bis dato unbekannten Lungenerkrankung auftauchten! Taylors These schon vor Corona lautete: Die nächste Pandemie kommt bestimmt – also sollten wir in die Geschichte blicken, um daraus zu lernen. Unter anderem „lässt sich davon ausgehen“, dass „Verschwörungstheorien kursieren werden“.

Eine Pandemie stürzt uns Menschen in tiefe Unsicherheit, konfrontiert uns mit einer neuen Bedrohung – und nicht einmal medizinische Koryphäen haben spontan das Patentrezept zur Hand, sondern geben widersprüchliche Ratschläge. Gegen die Desorientierung hilft ein „einfaches, verstehbares Bild“: Wer profitiert? Was steckt dahinter? Obendrein, schreibt Taylor, stärke es das „Selbstwertgefühl“, sich von den offiziellen Erklärungen ab- und alternativen Deutungsmustern zuzuwenden: Wer diesen Schritt geht, darf sich all den doofen Normopathen und Schlafschafen überlegen fühlen, die dem Staat trauen.

Eine Pandemie, die nicht von Verschwörungserzählungen umwabert würde, wäre eine weltgeschichtliche Sensation. Im Übrigen: So schräg manche Demos anmuten – ein gewisses Grundmisstrauen gegen die Staatsgewalt ist gesund. Den Regierenden genau auf die Finger zu schauen, empfiehlt sich immer; auch und erst recht in Krisenzeiten. Und dass mancher Kleinunternehmer, den die Coronakrise in Existenznot gestürzt hat, wütend und verzweifelt ist: verständlich. Insofern: Die paar Verschwörungstheorien halten wir aus. Zumal Taylors Buch noch etwas deutlich macht: Es hätte alles viel schlimmer kommen können.

Massenpanik und gekochte Pferde: Was uns in der Coronakrise erspart geblieben ist

Während der Spanischen Grippe 1918 wurden vielerorts Gottesdienste verboten – worauf Kirchengemeinden, die das nicht einsehen wollten, zu Hochburgen des gefährlichen Trotzes wurden. Hundert Jahre später im Rems-Murr-Kreis: Kirchengemeinden senden dann eben Online-Predigten oder feiern, wie neulich in Schlechtbach, Gottesdienst im Grünen, mit schriftlicher Anmeldung, Abstandsregeln, Mundschutz.

1918 in Baltimore stapelte sich der Unrat, weil die Müllabfuhr zusammenbrach. Wegen der katastrophalen Hygiene-Zustände sattelten sich weitere Krankheiten auf die Influenza-Welle. Hundert Jahre später im Rems-Murr-Kreis: Warteschlangen an AWRM-Deponien; historisch betrachtet ein astreines Luxusproblemchen.

Bei früheren Pandemien vertuschten und logen Behörden oft, dass sich die Balken bogen. 1770 leugnete Moskau noch, als bereits 4000 Menschen elend gestorben waren, die Beulenpest, aus Sorge um den Außenhandel. 1918 zur Zeit der Spanischen Grippe forderte das kanadische Verteidigungsministerium: „Die tägliche Veröffentlichung von Statistiken ist völlig unerwünscht.“ 2020 dokumentiert das Landratsamt Rems-Murr selbstverständlich die Infektionszahlen: vorbildlich. Auch wenn das dann wieder manche für „Panikmache“ halten.

Bei Pandemien, schreibt Taylor, sei mit Massenpaniken, Ausschreitungen, Plünderungen zu rechnen. Was aber hatten wir bisher im Rems-Murr-Kreis? Hier einen Streit zwischen jemandem, der sich penibel an die Maskenpflicht hält, und einem, der den Mund bedeckt, die Nase aber frei lässt; da einen Zwist in der Supermarktschlange zwischen jemandem, der streng auf Abstand pocht, und einem, der das spießig findet. Und in Stuttgart gab es zwar eine Krawallnacht – aber sie war ein Klacks gegen die Exzesse nach dem Pockenausbruch in Wisconsin 1894: Auf der Suche nach Sündenböcken bewaffneten die Leute sich damals mit Baseballschlägern und Kartoffelstampfern und gingen auf Sanitäter los, der Mob übergoss Pferde, die Krankenwagen zogen, mit kochendem Wasser.

Verblüffend an den deutschen Corona-Zuständen 2020 sind nicht die Streitereien, vereinzelten Eruptionen und Verschwörungs-Storys; im historischen Maßstab bemerkenswert ist, wie vernünftig, besonnen, gelassen es insgesamt zugeht. Wenn wir also über die Spaltung der Gesellschaft nachdenken, sollten wir uns Wichtigerem zuwenden.

Zum Beispiel der Frage: Wer sind die Verlierer in der Coronakrise – und wer geht als Gewinner aus ihr hervor?

Deutschland ist nicht gerecht - das war schon vor der Coronakrise so

Ob es sich um Vermögen handelt, Einkommen oder Bildungschancen: In Deutschland geht es nicht gerecht zu. Im internationalen Vergleich zählt es zu den Ländern mit der höchsten Ungleichheit. Die Vermögen befinden sich in noch weniger Händen, als bislang angenommen – das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jüngst herausgefunden. Die oberen zehn Prozent der Deutschen besitzen 67 Prozent des Gesamtvermögens. Die untere Hälfte hat 1,4 Prozent. Reichtum ist übrigens eines der bestgehüteten Geheimnisse im Land. Während jedes Ringelschwänzchen in der Statistik gezählt wird, kennt niemand das wahre Ausmaß der Vermögen. Denn es gibt in Deutschland keine Vermögenssteuer, für die der Reichtum erfasst werden müsste. Auch die DIW-Zahlen stammen lediglich aus einer Umfrage.

Corona hat zu einer epochalen Wirtschaftskrise geführt. Nur: Ende Februar brachen die Aktienkurse zwar gewaltig ein – mittlerweile aber haben sie sich erholt, der DAX liegt mit fast 13 000 Punkten sogar über dem Vorjahr. Auch die Logik am Immobilienmarkt, der Eigentümern im vergangenen Jahrzehnt wundersame Vermögenszuwächse bescherte und den Mietern enorme Kostensteigerungen aufbürdete, wurde von Corona nicht ausgehebelt.

Allein im Rems-Murr-Kreis sind mehr als 60 000 Beschäftigte in Kurzarbeit. In der Automobilindustrie droht ein Kahlschlag sondergleichen. Die Sorgen in den Belegschaften um die Arbeitsplätze wachsen. Schon vor Corona war jedes achte Kind im Rems-Murr-Kreis von Armut bedroht. Mehr als 18 000 Menschen waren auf Hartz IV angewiesen. Wer also die Spaltung der Gesellschaft fürchtet, sollte seine Empörung nicht exklusiv auf Verschwörungstheorien zu Corona richten: Womöglich sind sie nur ein Symptom; Ventil für eine tiefer liegende gesellschaftliche Unruhe.

Bildung, ungerecht: Corona und die wahre Spaltungsgefahr

Bei Armut dreht es sich nicht nur um Geld und Vermögen. Armut bedeutet, weniger Chancen zu haben. Armut macht krank. Armut wird vererbt. Das deutsche Bildungssystem schafft es seit Jahrzehnten nicht, gleiche Bildungschancen für alle zu ermöglichen. Im Gegenteil. „Der berufliche und soziale Status der Eltern bleibt der wichtigste Faktor, der die Teilnahme an Bildung sowie wirtschaftlichen und sozialen Erfolg beeinflusst.“ Dieser bedrückende Befund ging 2018 aus dem OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ hervor.

Und Corona? Man braucht kein Hellseher zu sein oder auf eine wissenschaftliche Studie zu warten, um zu erkennen: Kinder und Jugendliche aus armen, bildungsfernen Familien wurden beim Home-Schooling erneut und noch weiter abgehängt. Vielen fehlte zu Hause ein Laptop oder Tablet, manche vermissten einen Internetzugang und hatten kaum Hilfe bei ihren Hausaufgaben.

Selbst wenn das Coronavirus irgendwann besiegt sein wird – die soziale Spaltung ist und bleibt virulent. Gerechte Gesellschaften sind stabiler, die Menschen leben in ihnen zufriedener und sind glücklicher; Ungerechtigkeit gehört zu den Ursachen, weshalb sich immer mehr Menschen von der Gesellschaft abwenden, von der sie nichts mehr erwarten. Das ist der Nährboden, auf dem Verschwörungstheorien gedeihen.

Spaltet das Coronavirus unsere Gesellschaft? Die Gefahr besteht. Aber Verschwörungstheorien und Protestdemos sind dabei womöglich unser kleinstes Problem.

Coronaprotest, Hygienedemo, Verschwörungsmythen - die neue Normalität

„Ich glaube nicht an diesen Virus!“ Das verkündet der mittlerweile zu einem regionalen Guru der Corona-Protestszene aufgestiegene Stephan Bergmann bei Corona-Demos auf dem Schorndorfer Marktplatz oder dem Wasen. Seine Theorien untermauert Bergmann mit

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