Rems-Murr-Kreis

Verunreinigt? Giftig? Faktencheck zu Gerüchten um Corona-Impfstoff von Biontech

Covid Impfung
In drei unterschiedlichen Zulassungen auf dem europäischen Markt: der Covid-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer. © Gabriel Habermann

Verschiedene Chargen der mRNA-Impfstoffe, insbesondere Comirnaty von Biontech/Pfizer, hätten eine unterschiedliche Toxizität (Giftigkeit). So lautet eine Behauptung, die seit einiger Zeit nicht nur in internationalen Impfgegner-Kreisen kursiert, sondern auch bei schon Geimpften Ängste weckt und Skepsis gegenüber der vierten Impfung (zweiter Booster) verstärkt. Die Behauptung kommt mit angeblich wissenschaftlichem Fundament daher. Ein Faktencheck.

Das Gerücht zurückverfolgt bis zu seinen Urhebern

Ein Faktencheck sollte stets mit einer Quellenkritik beginnen. Und eine Quellenkritik beinhaltet, das ist wissenschaftlicher Brauch, die kritische Betrachtung der Urheberschaft.

Die Hauptquelle für die Behauptung der unterschiedlichen „Giftigkeit“ von Impfstoffchargen ist wohl eine Auswertung der US-amerikanischen VAERS-Datenbank, auf die sich wiederum eine der Galionsfiguren der deutschen Impfgegner bezieht: Wolfgang Wodarg, ehemals SPD-Bundestagsabgeordneter und Europaratsmitglied, Internist und Gesundheitspolitiker, neuerdings für die Partei Die Basis aktiv.

„Wie schlimm ist deine Charge?“ betitelte die der Querdenkerszene nahe stehende Online-Plattform „2020 News“ einen Artikel von Wolfgang Wodarg schon im Januar 2022. Darin berichtete Wodarg von einer Auswertung der – ebenso wie er selbst in Ungnade der Schulmedizin gefallenen (Anmerkung der Redaktion) – beiden britischen Wissenschaftler Craig Paardekooper (laut eigenen Angaben ein Pharmazeutik-Student an der Londoner Kingston University) und Prof. Dr. Michael Yeadon (Pharmakologe im Ruhestand, ehemals wissenschaftlicher Direktor bei Pfizer). Die Zeitung The Times bezeichnete Yeadon als „Held der Covid-Verschwörungstheoretiker“. Sowohl über Paardekooper als auch Wodarg lassen sich mühelos ähnliche Beschreibungen ausfindig machen.

Der Vorwurf des gentechnischen Großversuchs am Menschen

In Wodargs Artikel auf „2020 News“ steht das Fazit gleich zu Beginn: Es habe sich herausgestellt, „dass die einzelnen Chargen der sogenannten Impfungen eine extrem unterschiedliche Toxizität aufweisen. Bei einigen Chargen ist die Toxizität um bis zu 3000-fach erhöht. Die Impfentscheidung wird dabei zum russischen Roulette.“

Die Abweichungen in einzelnen Chargen seien so extrem, dass es sich dabei nicht um zufällige oder anwendungsbedingte Toxizitätsschwankungen handeln könne, behauptet Wodarg. „Es spricht vielmehr einiges dafür, dass derzeit im Schutze der behaupteten Notlage gentechnische Großversuche an der breiten, ahnungslosen Bevölkerung durchgeführt werden und dass dies durch die rechtlich-politische Vorarbeit und Mithilfe der Regierungen und Behörden ermöglicht, gar befördert worden ist.“

Das in Deutschland für die Überprüfung der Sicherheit und Qualität von Impfstoffen verantwortliche Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weist diese Darstellung zurück. Schon der zitierte erste Absatz des Wodarg-Artikels stelle „eine reine Behauptung dar, die nicht mit Fakten belegt wird. Lediglich mit weiteren, nicht belegten, Behauptungen“, erwidert PEI-Sprecherin Dr. Susanne Stöcker auf einen Fragenkatalog dieser Zeitung.

Auswertungen der Datenbank VAERS taugen nicht zu Pauschalurteilen

„Das Vaccine Adverse Event Reporting System (VAERS) ist das US-amerikanische Meldesystem für Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen von Impfstoffen des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und der Food and Drug Administration (FDA)“, erläutert Dr. Susanne Stöcker. In diese Datenbank können medizinische Fachkreise und Öffentlichkeit Meldungen von Verdachtsfällen eintragen.

Jedoch: „Die CDC weisen ausdrücklich darauf hin, dass VAERS alleine nicht geeignet ist, um zu bestimmen, ob eine unerwünschte Reaktion in ursächlichem Zusammenhang mit einem bestimmten Impfstoff auftritt“, sagt Susanne Stöcker. Ebenso wenig erlauben diese Daten Berechnungen oder Aussagen über Häufigkeiten von einzelnen Nebenwirkungen. „Diese Aussage gilt generell für alle Auswertungen, zu denen diese Daten herangezogen werden.“ (Quelle: https://vaers.hhs.gov/data.html).

Haben/hatten Impfstoff-Chargen eine unterschiedliche Toxizität?

Klare Antwort von Dr. Susanne Stöcker: „Nein. Die Behauptung stimmt nicht. Toxisch wirkende Chargen würden zudem keine Freigabe erhalten. Eine Erklärung/Begründung muss von denen kommen, die so etwas behaupten.“ Belege und Beweise hätten Wodarg & Co aber nicht geliefert.

„Es gibt keine Unterschiede zwischen Chargen eines Impfstoffs – genau das wird bei der staatlichen Chargenfreigabe überprüft“, sagt Stöcker. Allerdings gebe es beispielsweise bei dem Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer inzwischen drei Versionen der Zulassung für unterschiedliche Altersgruppen, die sich aber nur in Dosierung und Zusammensetzung des Puffers unterscheiden – „was jeweils vom Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) bei der EMA überprüft und von der EU-Kommission genehmigt wurde.“

Die drei Zulassungen des Biontech-Impfstoffes sind:

  • „ Comirnaty für Personen ab 12 Jahren (violette Kappe): 30µg pro Dosis; Konzentrat zur Herstellung einer Injektionsdispersion (Verdünnung mit Natriumchlorid/Kochsalz); sonstige Bestandteile.
  • „ Comirnaty für Personen ab 12 Jahren (graue Kappe): 30µg pro Dosis; gebrauchsfertig; enthält kein zusätzliches Kochsalz; sonstige Bestandteile.
  • „Comirnaty 10µg pro Dosis für Kinder von 5 bis 11 Jahren (orangefarbene Kappe); Konzentrat zur Herstellung einer Injektionsdispersion (Verdünnung mit Natriumchlorid/Kochsalz); sonstige Bestandteile.

Sonstige Bestandteile: Das Beispiel Comirnaty von Biontech/Pfizer

In allen drei Comirnaty-Zulassungen (violett, grau, orange) kommen an sonstigen Bestandteilen laut Angaben der EMA synthetische Lipide (ALC0315, ALC0159 und DSPC) sowie das „natürliche“ Lipid Cholesterol zum Einsatz, um die mRNA in Nanopartikeln einzuhüllen beziehungsweise zu binden. Diese Lipide lösen sich jedoch rückstandslos und schnell im Körper auf, betont das PEI.

„Die Lipid-Nanopartikel (LNP) ähneln den Liposomen (Fettkörperchen), die als Träger für Arzneistoffe in der Medizin schon seit über 20 Jahren eingesetzt werden“, heißt es in einem Beitrag auf der PEI-Homepage, und weiter: „... es ist davon auszugehen, dass sie im Körper ähnlich wie Nahrungslipide enzymatisch abgebaut werden und weitgehend in den körpereigenen Fettstoffwechsel eingehen. Die mögliche Toxizität jeder dieser neuartigen Impfstoffzubereitungen wurde vor der Zulassung in präklinischen Toxizitätstests geprüft.“

Die „violette Zulassung“ (Konzentrat) enthielt/enthält die Salze Kaliumchlorid, Natriumchlorid, Kaliumdihydrogenphosphat und Natriummonohydrogenphosphat Dihydrat; zudem das Soda Natriumhydroxid (zur pH-Einstellung); Salzsäure (zur pH-Einstellung). Alle kommen auch in herkömmlichen „Kochsalzlösungen“ für Injektionen und Infusionen beziehungsweise Augentropfen, Cremes oder Emulsionen vor. Ähnlich unproblematisch waren/sind die anderen zwei Bestandteile aller drei Zulassungen, nämlich: der Zucker Sucrose sowie Wasser.

Die graue und die orangefarbene Zulassung enthalten, weil vorab dosiert und gebrauchsfertig, keine der genannten Salze und der pH-Wert-Einsteller, sondern stattdessen Trometamol und Trometamolhydrochlorid als Puffer. Trometamol wirkt leicht basisch, Trometamolhydrochlorid wiederum ist ein Salz. Beide kommen ebenfalls in allen möglichen kosmetischen und medizinischen Produkten (auch in Infusionen und Augentropfen) seit Jahren zur Anwendung.

Gesundheitsministerium antwortet auf Anfragen der AfD mit vielen Neins

Schon am 1. Dezember 2021 betonte das Bundes-Gesundheitsministerium in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von AfD-Bundestagsabgeordneten: „Gemäß den regulatorischen Anforderungen dürfen die in Deutschland zugelassenen Covid-19-Impfstoffe keine undeklarierten Bestandteile enthalten.“ Zudem:

  • „Metallische Bestandteile sind in Impfstoffen nicht zu erwarten. Für die Erfordernisse der Prüfung von Impfstoffen zum Beispiel auf Partikel wird auf die rechtlich verbindlichen Vorgaben des Europäischen Arzneibuchs verwiesen.“
  • „In den staatlich geprüften Chargen wurden keine Verunreinigungen festgestellt.“

Auf eine weitere AfD-Anfrage zu angeblichen Verunreinigungen und unterschiedlichen Toxizitäten verschiedener Impfstoffchargen antwortete die Bundesregierung am 14. Februar 2022 mit vielen Neins. Und zum Beispiel so: „Die Bundesregierung hat im letzten Jahr Kenntnis zu produktionsbedingten Verunreinigungen einer Charge des Covid-19-Impfstoffs von Moderna in Japan erhalten. Die betroffene Charge war in Europa nicht im Verkehr. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hatte die zuständigen nationalen Behörden darüber informiert, dass sie nicht davon ausgeht, dass die Verunreinigung zu einem erhöhten Risiko von Patientinnen und Patienten in Japan geführt hätte.“

Welche Toxizitätstets gab es beim Biontech-Impfstoff?

Für alle drei Zulassungen des Biontech-Impfstoffes gab es laut EMA Toxizitätstests. Es gibt keinen wissenschaftlichen Anlass, eine dauerhafte Gefährdung der Fruchtbarkeit durch eine Impfung zu befürchten. Die EMA betont bei allen dreien gleichlautend: „Nichtklinische Daten zeigten auf der Grundlage konventioneller Studien zur Toxizität bei wiederholter Verabreichung sowie zur Reproduktions- und Entwicklungstoxizität keine besondere Gefahr für den Menschen.“

Allerdings gibt die EMA für alle drei Zulassungen unumwunden zu: „Es wurden weder Genotoxizitäts- noch Karzinogenitätsstudien durchgeführt.“ Es werde aber nicht erwartet, „dass die Bestandteile des Impfstoffs (Lipide und mRNA) ein genotoxisches Potenzial haben“.

So gut wie gleichlautende wissenschaftliche Erkenntnisse ließen sich zum mRNA-Impfstoff von Moderna zusammentragen.

Verschiedene Chargen der mRNA-Impfstoffe, insbesondere Comirnaty von Biontech/Pfizer, hätten eine unterschiedliche Toxizität (Giftigkeit). So lautet eine Behauptung, die seit einiger Zeit nicht nur in internationalen Impfgegner-Kreisen kursiert, sondern auch bei schon Geimpften Ängste weckt und Skepsis gegenüber der vierten Impfung (zweiter Booster) verstärkt. Die Behauptung kommt mit angeblich wissenschaftlichem Fundament daher. Ein Faktencheck.

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