Rems-Murr-Kreis

Volksbank: Wohnungsbau lässt Banken boomen

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Baustelle in Winnenden: Die neue Wohnung muss aber auch finanziert werden, was die Banken freut. © ZVW/Gaby Schneider
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Stefan Zeidler.
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Jürgen Beerkircher

Rems-Murr-Kreis.
Das Wirtschaftswachstum lag 2019 unter einem Prozent. Löhne und Gehälter stiegen allenfalls um zwei, drei Prozent. Trotz Nullzinspolitik erhöhten die sechs Volks- und Raiffeisenbanken im Rems-Murr-Kreis jedoch ihre Bilanzsumme im vergangenen Jahr um durchschnittlich sechs Prozent. Es sind vor allem der Wohnungsbau und die Baufinanzierungen, die die Genossenschaftsbanken boomen lassen.

„Das Geschäftsmodell der Volks- und Raiffeisenbanken zeigt sich auch in der Nullzinsphase sehr robust“, sagte Stefan Zeidler, Vorsitzender der Kreisvereinigung und der Chef der größten der sechs Banken, der Volksbank Stuttgart, bei einem Pressegespräch in Waiblingen. Die oftmals totgesagten Volks- und Raiffeisenbanken erhöhten auch 2019 ihre Marktanteile.

„Menschen möchten mit Menschen reden“

Zeidler und seinem Stellvertreter in der Kreisvereinigung, Jürgen Beerkircher, dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Backnang, ist vor der Zukunft nicht bang. Die Volks- und Raiffeisenbanken investieren zwar kräftig in die Digitalisierung ihres Geschäfts und schließen kleine Filialen, doch ist und bleibt der direkte Kontakt mit Kunden und Mitgliedern im Fokus. „Menschen möchten mit Menschen reden“, formulierte es Stefan Zeidler.

Vor allem ihre mehr als 260 000 Mitglieder, jeder dritte Bürger im Verbreitungsgebiet, sind den Genossenschaftsbanken lieb – und teuer. Lieb, weil Mitglieder der Bank doppelt so viele Geschäfte mit ihrer Bank abwickeln als Kunden, die keine Geschäftsanteile besitzen. Teuer, weil diese Geschäftsanteile mit drei bis fünf Prozent verzinst werden. In Zeiten, in denen das Sparbuch überhaupt keine Zinsen mehr abwirft, eine stattliche Rendite.

Nullzinspolitik der EZB: Der Staat ist der größte Profiteur

Das Gespräch mit den Chefs der beiden größten Volksbanken kreiste nicht zuletzt um die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die die Geschäfte der Banken erschwert – und das Verhältnis des Menschen zum Geld auf den Kopf zu stellen droht. Die junge Generation lasse ihre Altersvorsorge schleifen, weil das Ersparte keinen Zins mehr bringt oder durch die Inflation sogar schwindet. Ein Profiteur der EZB-Politik sei nicht zuletzt der Staatshaushalt, der um zig Milliarden Euro entlastet worden sei.

Ja, der Staat mache dank Negativzinsen mit dem Schuldenmachen sogar Gewinne. Gleichzeitig wollten Politiker jedoch den Banken untersagen, von ihren Kunden ebenfalls Aufbewahrungskosten zu verlangen, kritisierte Zeidler. Vorbildlich verhalte sich das Nachbarland Frankreich, das seinen Bürgern ein Sparbuch subventioniere, das „Livret A“, und dank positiver Zinsen so zum Sparen animiert. Das Geld wird in die Infrastruktur investiert, was auch in Deutschland dringend angesagt wäre, ergänzte Beerkircher.

An den niedrigen Zinsen ändert in absehbarer Zeit nichts

Hierzulande aber schmilzt der Zinsüberschuss in den Bilanzen, von denen Banken traditionell lebten, weiter dahin. Mittlerweile erkennen immer mehr Kunden, dass sich an den niedrigen Zinsen in absehbarer Zeit nichts ändern wird, und denken über Invests in Aktien nach. Entsprechend höher sind 2019 die Provisionsüberschüsse bei den Volks- und Raiffeisenbanken ausgefallen.

Gleichzeitig stehen die Banken auf der Kostenbremse, zeigt der Blick auf die Zahl der Beschäftigten. Sie sinkt. Allerdings nicht durch Kündigungswellen, betonten Zeidler und Beerkircher, sondern durch natürliche Fluktuation, wie das Ausscheiden von Mitarbeitern durch Stellenwechsel oder Ruhestand genannt wird.

Zusammenschlüsse seien Ergebnis eines sinnvollen Konsolidierungsprozesses

Die besondere Herausforderung bei dieser Ausgangslage sei, auch noch in die Digitalisierung zu investieren und mit der gesetzlichen Regulatorik zurechtzukommen. Mittelfristig rechnen Zeidler und Beerkircher deshalb mit weiteren Fusionen. Die Zahl der Volks- und Raiffeisenbanken sank in den vergangenen zwei Jahrzehnten von über 20 auf neun im Jahr 2016 und sechs im vergangenen Jahr.

Die Zusammenschlüsse seien das Ergebnis eines sinnvollen Konsolidierungsprozesses, der zu wirtschaftlich stärkeren Einheiten geführt und die Ertragskraft gestärkt habe. „Größe an sich ist aber kein Selbstzweck“, so Zeidler. „Bei völlig veränderten Rahmenbedingungen zählt vor allem die Anpassungsfähigkeit.“ Beerkircher sprach in diesem Zusammenhang von einer Dualität von Online- und Offline-Welt.

Bei niedrigen Bauzinsen sollte die Tilgung höher sein

Mit Blick auf die Geschäfte im noch jungen Jahr 2020 sieht Jürgen Beerkircher im Firmengeschäft eine gewisse Zurückhaltung. Im vergangenen Jahr waren bei den sechs Volks- und Raiffeisenbanken die ausgegebenen Kredite um 6,4 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro gestiegen. Von Krisenstimmung bei der Kundschaft kann jedoch keine Rede sein. Unverändert gefragt seien Baufinanzierungen, die einen Großteil des Kreditvolumens ausmachen.

Aber selbst wenn die niedrigen Zinsen unwahrscheinlich reizvoll seien, sich ins teure Abenteuer Wohneigentum zu stürzen, warnen die beiden Banker zur Vorsicht – und zu einer hohen Tilgung. Doch das, wissen Beerkircher und Zeidler, fällt Familien bei den hohen Preisen für gebrauchte wie auch neue Wohnungen schwerer denn je. Für Neubauten werden mittlerweile selbst in Backnang 5000 Euro pro Quadratmeter aufgerufen und bezahlt.

Rems-Murr-Kreis.
Das Wirtschaftswachstum lag 2019 unter einem Prozent. Löhne und Gehälter stiegen allenfalls um zwei, drei Prozent. Trotz Nullzinspolitik erhöhten die sechs Volks- und Raiffeisenbanken im Rems-Murr-Kreis jedoch ihre Bilanzsumme im vergangenen Jahr um durchschnittlich sechs Prozent. Es sind vor allem der Wohnungsbau und die Baufinanzierungen, die die Genossenschaftsbanken boomen lassen.

„Das Geschäftsmodell der Volks- und

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