Rems-Murr-Kreis

Wäre das rechtens? Privatunterricht ohne Masken und Tests für Backnanger Waldorfschüler?

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Symbolbild. © Pixabay.com / coyot

Privatunterricht in einer „freien Klasse“ ohne Tests und Masken soll rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse der Freien Waldorfschule Backnang bekommen. Durch einen „querdenkenden“, die Kinder gegen die Coronamaßnahmen einnehmenden Elternlehrer. Das angeblich einmal pro Woche. Stimmt das? Und: Wäre dies rechtens?

Derweil hat Landesgesundheitsminister Manfred Lucha am Dienstag (15.6.) angekündigt, dass die Maskenpflicht „im Unterricht in allen Schulformen“ wegfallen soll, sofern die Inzidenz in einer Region unter 35 liegt und es zwei Wochen an der Schule keinen Corona-Ausbruch gab.

Klare Regeln für die Abmeldung vom Präsenzunterricht

„Zu dem Geschilderten, dass Unterricht für Schüler der Freien Waldorfschule Backnang durch Eltern oder Elternlehrerinnen oder -lehrer daheim erfolgen soll, liegen weder dem Regierungspräsidium noch dem Schulamt Backnang Informationen vor. Wir möchten klarstellen, dass es bei einer Abmeldung von Präsenzunterricht klare Regeln gibt“, sagt Stefanie Paprotka, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart (RP).

Eltern hätten grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Kinder vom Präsenzunterricht abzumelden: „Die Schülerinnen und Schüler kommen ihrer Schulpflicht dann nach, indem sie am Fernunterricht teilnehmen, den die Schule ihnen anzubieten hat. Dabei ist die Schule in der Wahl der Mittel weitgehend frei, dies kann via Online-Tools erfolgen oder zum Beispiel durch Ausgabe von Arbeitsblättern durch die Schule und Lehrkräfte, was häufig in der ersten Klasse der Fall ist. Eine Betreuung durch Eltern oder sonstige Dritte wäre hingegen kein Unterricht“, erläutert Stefanie Paprotka.

Zählten also lediglich die Kontaktbeschränkungen?

Das RP dokumentiere nicht die Zahl der in diesem Sinne abgemeldeten Schülerinnen und Schüler einer Schule, da sie der Schulpflicht per Fernunterricht nachkommen. „Ob ein Verstoß gegen die Corona-VO allgemein vorliegt, wenn Personen bei sich zu Hause oder anderswo eine Gruppe von Kindern versammeln, ist abhängig von der jeweils geltenden Corona-VO, von der Größe der Gruppe, der Zahl der Haushalte, aus denen diese stammen, und der zu diesem Zeitpunkt im jeweiligen Kreis geltenden Öffnungsstufe. Für Kontrollen hinsichtlich Verstößen gegen die Corona-VO sind die örtlichen Behörden (zum Beispiel Polizeibehörde) zuständig“, so Paprotka.

Waldorfschule: „Nur noch vier Erstklässler im Fernunterricht“

„Endlich erfüllt wieder Kinderlachen die bunten Gebäude unserer Schule“, sagt Katrin Walker, Elternrätin in der Schulführung. Von den 439 Schülerinnen und Schülern der Freien Waldorfschule Backnang seien „so gut wie alle“ seit 10. Juni zurück im Präsenzunterricht. Ausnahmen: die Neun- bis Elftklässler, die sich gerade in Praktika, und die 12- und 13-Klässler, die sich in Prüfungsvorbereitungen befänden.

„In den Klassenstufen eins bis acht ist der Großteil im Präsenzunterricht. In Klasse vier zum Beispiel sind gerade einmal zwei Schüler im Fernunterricht.“ Und auch die Behauptung, die Hälfte der Erstklässler sei vom Präsenzunterricht abgemeldet, stimme nicht: „Wir haben 36 Schülerinnen und Schüler in der ersten Klasse. Davon werden nur vier im Fernunterricht betreut.“

Richtig sei, dass während der Schulschließung in der Corona-Verordnung Schule geregelt war, dass Unterricht in Fünfer-Kleingruppen für „abgehängte“ Schüler stattfinden durfte. „Inwieweit es Privatunterricht ohne Masken gab, der außerhalb des Schulgeländes von Eltern auf Privatinitiative organisiert wurde, ist uns nicht bekannt.“ Und wenn sich jetzt weiter Erstklässler zum zusätzlichen Privatunterricht bei einem Elternlehrer zu Hause treffen würden, „dann wäre dies ihre Privatangelegenheit und läge nicht im Verantwortungsbereich der Schule“.

Die Behauptung, dass ein Lehrer ständig gegen die Coronamaßnahmen wettere und die Kinder negativ beeinflusse, stimme ebenso nicht. „Gerade an der Waldorfschule, wo das Klassenlehrer-Modell herrscht und die Schüler in der Regel einen konstanten Klassenlehrer in den ersten acht Jahren als feste Bezugsperson haben, nehmen die Lehrer eine Vorbildfunktion ein. Die Lehrer führen ihre Schüler pädagogisch durch diese besondere Zeit und vermitteln die entsprechenden Corona-Maßnahmen. Unsere Lehrer wurden zum Beispiel vom DRK als geschulte Dritte ausgebildet, um die angeleiteten Corona-Selbsttests der Schüler zu begleiten und zu dokumentieren.“

In der Tat brächten die tiefgreifenden Einschnitte der Corona-Maßnahmen inklusive Masken- und Testpflicht Unmut mit sich, sagt Katrin Walker. „Unsere Lage unterscheidet sich in diesem Punkt daher nicht von anderen Schulen, deren Schulalltag in den vergangenen Monaten komplett auf den Kopf gestellt wurde. Wir haben als Schule einen Bildungsauftrag und tragen eine große Verantwortung in der Erziehung der uns anvertrauten Schüler.“

Die Corona-Maßnahmen dienten und dienen dazu, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Deshalb würden an der Freien Waldorfschule Backnang alle Regelungen aus der Corona-Verordnung der Landesregierung durch die Verwaltung und die Lehrkräfte eins zu eins umgesetzt. „Dabei sind die Haltungen, die Lehrer oder Eltern privat einnehmen, in diesem Zusammenhang nicht relevant, da auf dem Schulgelände die Corona-Maßnahmen gleichberechtigt für alle gelten“, so Walker. „Wenn Fehlverhalten oder Unsicherheit über die jeweils aktuell gültige Regelung besteht, sprechen wir die Person direkt darauf an und achten auf die Regeleinhaltung.“

Zur konkreten Umsetzung der Corona-Maßnahmen sei eine spezielle Corona-Delegation gebildet worden, die aus Personen des Vorstandes, der Geschäftsführung, Verwaltung, Lehrer- und Elternschaft bestehe.

Nur Atteste von Ärzten oder Psychotherapeuten

Grundsätzlich wollten Eltern immer das Beste für ihr Kind. Wenn Schüler aus gesundheitlichen Gründen keine Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) tragen könnten, hätten die Eltern die Möglichkeit, ein ärztliches Attest vorzulegen. „Die Anforderungen, die ein ärztliches Attest erfüllen muss, sind genau definiert und das Attest wird von uns diesbezüglich formal und inhaltlich geprüft. Wenn es unseren Anforderungen entspricht, entscheidet die Corona-Delegation über die Möglichkeit einer zeitlich befristeten Befreiung von der MNB-Pflicht“, sagt Walker. „Wir akzeptieren nur Atteste von niedergelassenen Ärzten oder approbierten Psychotherapeuten.“

Weniger als ein Drittel in der ersten Klasse hätten eine Befreiung von der MNB-Pflicht. „In Klasse vier ist es ein Schüler von 31, in Klasse drei sind es zwei von 35, in Klasse zwei sind es zwei von 34“, sagt Walker.

Privatunterricht in einer „freien Klasse“ ohne Tests und Masken soll rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse der Freien Waldorfschule Backnang bekommen. Durch einen „querdenkenden“, die Kinder gegen die Coronamaßnahmen einnehmenden Elternlehrer. Das angeblich einmal pro Woche. Stimmt das? Und: Wäre dies rechtens?

Derweil hat Landesgesundheitsminister Manfred Lucha am Dienstag (15.6.) angekündigt, dass die Maskenpflicht „im Unterricht in allen Schulformen“

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