Rems-Murr-Kreis

Wahl zum Landrat im Rems-Murr-Kreis: Darf Richard Sigel noch mal? Und will er?

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Landrat Richard Sigel: Wird er sich 2023 um die Wiederwahl bewerben? © Gaby Schneider

Im Jahr 2023 endet die Amtszeit von Landrat Dr. Richard Sigel – hätte er im Kreistag eine Mehrheit für eine Wiederwahl? Und will er überhaupt noch mal? Frage eins lässt sich sagenhaft leicht beantworten. Bei Frage zwei wird es etwas schwieriger ...

Fünf Fraktionen im Kreistag: Was halten sie von Richard Sigel?

Alle acht Jahre wählt der Kreistag den Landrat, den Chef der Landkreis-Verwaltung, einst auch „Kreisfürst“ genannt; wobei das zu Sigels durch und durch unfeudalem Stil so gar nicht passen will. Sigel wurde 2015 gekürt. Fragen wir die Kreistags-Fraktionsvorsitzenden: Würden Sie ihn 2023 unterstützen – oder hätten Sie gern einen andern?

Die Antwort der grünen Christine Besa (um die es unlängst Schlagzeilen aus anderen Gründen gab): schallendes Gelächter. Sigel habe sein Versprechen, im Umgang mit dem Kreistag „Transparenz leben“ zu wollen, wahr gemacht. „Man kann einfach Dinge mit ihm klären. Ist schon top, muss ich sagen.“

Klaus Riedel, SPD: „Er ist sehr empathisch bei der Arbeit. Man spürt auch, dass er die jungen Leute in der Verwaltung fördert und fordert, damit sie vorankommen. Der Rems-Murr-Kreis könnte froh sein, wenn er eine zweite Amtsperiode hinlegt.“

Die FDP? „Wir sind hochzufrieden mit seiner Arbeit“, sagt Ulrich Lenk. Sigel wirke „unheimlich ausgleichend“, habe „Gräben zwischen dem Altkreis Backnang und der Remstalschiene“ zugeschüttet.

„Wir hoffen natürlich, dass er wieder antritt“, bestätigt Armin Mößner, CDU, Bürgermeister in Murrhardt. „Wir halten ihn für einen hervorragenden Landrat.“

Und Maximilian Friedrich, Freie Wähler: „Wir würden es sehr begrüßen“, wenn Sigel eine zweite Runde dreht. „Wir schätzen sowohl seine Fachlichkeit als auch seine menschlichen Züge.“

Wer ist Richard Sigel? Ein kurzer Abriss

Richard Sigel, verheiratet, zwei Kinder, war 38 Jahre alt, als er 2015 Landrat wurde. Das Fingerspitzengefühl für die kernige schwäbische Kommunalpolitik brachte er von zu Hause mit, als Sohn des Ulmersteiner Bürgermeisters am Rande der Alb. Sigels weiterer Weg zeugt aber auch von Weltoffenheit: Nach dem Abitur studierte er Jura in Heidelberg, mit Uni-Stationen in Cambridge, Uppsala/Schweden und Budapest.

Seine Berufslaufbahn startete er bei der LBBW, im Bankenwesen. 2010 wechselte er in die Verwaltung: Bis 2013 war er Dezernent für Verkehr, Recht, Ordnung, Verbraucherschutz im Landratsamt Waiblingen – schon damals fiel er mehreren Kreispolitikern ausgesprochen positiv auf. Vor der 2015er-Wahl sammelte Sigel weitere Erfahrung während zweier Jahre in Böblingen.

Er machte sich von niemandem abhängig im damaligen Landratswahlkampf; warf keiner Partei ein Bonbon hin, um sich Stimmen zu sichern; schwor keinem Oberbürgermeister Treue, um sich eine Mehrheit zu basteln, häufte bei keinem Meinungsführer Schulden an, sagte zu keinem Strippenzieher: Wenn du mir hilfst, hast du was gut. Er sei nur „der Sache verpflichtet“, sagte er.

Damals mochte das manchen wie eine Plattitüde klingen. Aber Sigel meinte es, wie sich zeigen sollte, radikal ernst.

Flüchtlinge, Klinik, Corona: Eine Krise nach der anderen in Sigels Landratszeit

Als er am 4. August 2015 sein neues Büro betrat, blieb ihm am ersten Arbeitstag als Landrat nicht einmal „Zeit, den Schreibtisch einzuräumen“ – denn dies war das Allererste, was er zu hören bekam: Es fehlen 700 Betten, um Flüchtlinge unterzubringen!

Bereits bei seinem Start fiel zweierlei auf: die Bereitschaft, auf der Suche nach sinnvollen Lösungen über den bürokratischen Tellerrand zu schauen; und eine angstfreie Offenheit. Einen Mitarbeiter der Kfz-Behörde mit türkischen Wurzeln, hilfreichen Sprachkenntnissen und Einfühlungsvermögen in das Schicksal von Zugewanderten ordnete Sigel flugs ab in den Flüchtlings-Krisenstab. Und unserer Zeitung erlaubte er, uns eine volle Woche lang in der frisch bezogenen Notunterkunft in der Ameisenbühl-Turnhalle zu tummeln. Wir fragten damals, ob er sich nicht sorge, dass wir bei so freiem Zugang ja auch alles, was schiefläuft, hautnah mitbekommen. Sigel winkte ab: Ach, es sei in solch einer turbulenten, von Improvisation geprägten Situation doch normal, dass nicht immer alles organisatorisch reibungslos flutscht – das dürfe die Öffentlichkeit ruhig erfahren.

Als im Frühjahr 2016 die Winnender Chefärzte anregten, das Krankenhaus Schorndorf drastisch zu verkleinern oder gar ganz zu schließen, drängten viele zornentbrannt: Sigel möge sich bitte gefälligst sofort glühend zum Erhalt der Klinik bekennen. Der Landrat aber, wenngleich noch recht neu im Amt, ließ sich nicht treiben. Er „mache keine Standortzusagen“ ins Blaue rein, sagte er, das „wäre unseriös“.

Nachdem er sich aber gründlich in die Materie vertieft hatte, sah er eine gute Zukunftsperspektive für Schorndorf – seither steht sein Ja zum Standort umso verlässlicher. (Mittlerweile gibt es gar beeindruckende Neubaupläne ...)

Während der Corona-Krise grummelte es in vielen Landkreisen: Es sei wahnsinnig umständlich, einen Impftermin zu ergattern! Sigel begnügte sich nicht damit, Klage zu führen – er ließ im eigenen Haus eine digitale Anmeldeplattform für den Rems-Murr-Kreis programmieren. (Sie wollen sich impfen lassen? Hier geht's lang ...)

Was sagt Sigel selber? Vorerst noch gar nichts

Einen Riesenhaken aber hat Sigels gute Arbeit: Sie blieb andernorts nicht unbemerkt. Man muss wohl davon ausgehen, dass er schon Anfragen aus der freien Wirtschaft bekommen hat. Und seit längerem munkelt es hartnäckig, dass sogar das Stuttgarter Staatsministerium mal versucht habe, ihn abzuwerben.

Nein, sagt Richard Sigel, er werde sich momentan noch nicht äußern. Ob er wieder antritt, will er nicht im Ältestenrat verkünden, nicht in kleiner Runde ausplaudern, nicht ein paar Leuten vorab stecken, nicht über die Medien rausblasen – er werde das „als Erstes“ dem Kreistag sagen; so gehöre sich das; „eine Stilfrage“.

Das große Gremium mit allen Kreisräten aber tritt nach der Sommerpause erstmals wieder am 17. Oktober zur Sitzung zusammen. An diesem Tag, sagt Sigel, werde es eine „klare Ansage“ geben.

Im Jahr 2023 endet die Amtszeit von Landrat Dr. Richard Sigel – hätte er im Kreistag eine Mehrheit für eine Wiederwahl? Und will er überhaupt noch mal? Frage eins lässt sich sagenhaft leicht beantworten. Bei Frage zwei wird es etwas schwieriger ...

Fünf Fraktionen im Kreistag: Was halten sie von Richard Sigel?

Alle acht Jahre wählt der Kreistag den Landrat, den Chef der Landkreis-Verwaltung, einst auch „Kreisfürst“ genannt; wobei das zu Sigels durch und durch unfeudalem Stil

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