Rems-Murr-Kreis

Waiblinger Stadtwerke-Chef Schöller warnt vor Preis-Eskalation bei Strom und Gas

Frank Schöller ist neuer Chef der Stadtwerke Waiblingen
Frank Schöller, Chef der Stadtwerke Waiblingen. © Gabriel Habermann

Das Zuhören wurde zum Horrortrip, man grapschte unwillkürlich nach dem Geldbeutel in der Hosentasche – ist er noch da? Der Waiblinger Stadtwerke-Chef Frank Schöller hielt im Verwaltungsausschuss des Kreistags eine Brandrede, dass es qualmte. Warnte vor einer nie da gewesenen Preis-Eskalation bei Strom und Gas. Und schloss Versorgungszusammenbrüche nicht aus. „Wir reden hier von einer nationalen Notlage.“

Düstere Sitzungsvorlage: Womit Verbraucher rechnen müssen

Schon die Sitzungsvorlage der Kreisverwaltung ließ Düsteres ahnen: „Aktuell besteht eine starke Abhängigkeit Deutschlands von Energielieferungen aus dem Ausland.“ In der „breiten Öffentlichkeit“ werde „noch nicht wahrgenommen“, dass „in den kommenden Monaten“ mit „teils explosionsartigen Kostensteigerungen für Verbraucher gerechnet werden muss“. Auch „Versorgungslücken“ könnten drohen. Dafür müsse „frühzeitig sensibilisiert“ werden.

Für die Details hat die Kreisverwaltung Frank Schöller eingeladen, quasi als Gast-Brandredner, der brachial wachrüttelnd auf schwere Zeiten einschwört – der Stadtwerke-Chef wird dieser Rolle mit finsterer Wucht gerecht. Seine Powerpoint-Präsentation wirkt zwar eilig zusammengenagelt aus schwer lesbaren Folien mit Schaubildern voller Kleinstgedrucktem – die Kernbotschaft aber ist unmissverständlich.

Tsunami mit Verzögerung: Warum das schneckenfette Ende erst noch kommt

Um Preisschwankungen zu vermeiden und Planungssicherheit zu haben, kaufen die meisten Energieversorger, auch die Stadtwerke Waiblingen, Strom und Gas langfristig ein; „drei Jahre im Voraus“, wie Schöller sagt. Wenn heute der Großhandelspreis steigt, schlägt das also nicht sofort auf den Kunden durch – wer aber schaut, was derzeit zum Beispiel die Stadtwerke zahlen müssen, blickt in die Glaskugel: sieht darin den Tsunami, der von Ferne her auf die Kunden zurollt und 2023, ‘24, ‘25 ankommt.

Was mit dem Preis seit September, Oktober geschehe, „ist ein Wahnsinn“, sagt Schöller. „Jeden Tag geht’s hoch. Jeden Tag ein neuer historischer Höchstwert. Nicht, dass wir das jemals kannten – und es hört nicht auf!“ Strom, Großhandelspreis für die Megawattstunde: im Januar 2021 etwa 50 Euro, im Januar 2022 etwa 100, im Mai 2022 bereits 200. Gas: in anderthalb Jahren ein Anstieg um „400 bis 600 Prozent“.

Für Schöller ist das alles eine riesengroße Fehlsteuerung. „Was definitiv klar ist, und zwar seit zehn, zwölf Jahren, und zwar jedem, der in der Energiewirtschaft ist“, aber „man durfte es nicht sagen“: „Ohne Kernkraft, ohne Steinkohle, ohne Braunkohle“ auskommen und „alles abschalten“ zu wollen, das funktioniere nicht. Erneuerbare allein? Schöller glaubt überhaupt nicht daran. „Die Logik ist immer dieselbe: Fotovoltaik am Tag – ja. Aber was machen wir nachts oder wenn die Sonne nicht scheint?“ Die „Krönung“ aber sei: „Wir haben auf billigstes russisches Gas gesetzt, damit nicht so auffällt, dass die Energiewende sonst noch viel teurer wäre“ – und „jetzt schalten wir das auch noch ab?! Und zwar freiwillig?!“

Zur Not würde Schöller die Strombörse dichtmachen

So weit die Bestandsaufnahme, die einer Abrechnung gleichkommt – immerhin, er hat auch Lösungsvorschläge.

Erstens: „Aussetzung der Strombörse bei exponentiellen Anstiegen“. Man könne dann die Preisentwicklung nicht mehr dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen. „Bevor wir alle die Hypotheken der Zukunft haben, machen wir die Börse zu!“

Zweitens: „Kein CO2-Handel an der Börse“. Das Hin- und Her-Dealen von europäischen Emissionszertifikaten hat sich zum Milliardengeschäft entwickelt, unter anderem für Hedge-Fonds, erhöht in der Krise aber die Unberechenbarkeit gewaltig. Das sei eine „Mega-Spekulation“ – aber mit dem CO2 sei es wie mit „der Nahrung: Das gehört nicht an die Börse!“

Drittens: Speicher und Leitungen bauen, „Beschleunigung der notwendigen Genehmigungen“ – das müsse jetzt „schlagartig“ geschehen. Wobei Schöller da pessimistisch ist: Eine dicke Leitung von Ost nach West oder Nord nach Süd, das dauere Jahre und Jahre. „Nur dezentral werden Lösungen schnell möglich sein“; weshalb Schöller dann doch wieder für Fotovoltaik „hier auf dem Dach“ wirbt.

Viertens: Aufbau einer nationalen „energetischen Notreserve“, über die der Staat die Versorger „zu Festpreisen“ beliefert. Denn was sich hier anbahne, sei nun einmal eine „nationale Notsituation“.

Vielleicht stellt sich irgendwann die Frage: „Wer geht zuerst vom Netz?“

Die Stadtwerke Waiblingen werden dem Trend nicht widerstehen können, das räumt Schöller brutal offen ein. „Wir haben keine nennenswerten Speicher.“

Wir werden uns, glaubt er, nicht nur auf Verteuerungen einstellen müssen, sondern auch auf Engpässe und Ausfälle. Klar, „wir haben Notstromaggregate“ bei den Stadtwerken. Aber die „funktionieren ein paar Tage. Auf Dauer haben wir definitiv keine Lösung.“ (An Notstromaggregaten scheint es übrigens auch andernorts zu fehlen.)

Für den äußersten Fall gelte es nun, „Abschaltkaskaden“ zu definieren: „Wer geht zuerst vom Netz“, wer darf noch etwas länger dranbleiben, wer gilt als „systemrelevant“ und wer guckt in die Röhre?

Das Zuhören wurde zum Horrortrip, man grapschte unwillkürlich nach dem Geldbeutel in der Hosentasche – ist er noch da? Der Waiblinger Stadtwerke-Chef Frank Schöller hielt im Verwaltungsausschuss des Kreistags eine Brandrede, dass es qualmte. Warnte vor einer nie da gewesenen Preis-Eskalation bei Strom und Gas. Und schloss Versorgungszusammenbrüche nicht aus. „Wir reden hier von einer nationalen Notlage.“

Düstere Sitzungsvorlage: Womit Verbraucher rechnen müssen

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