Rems-Murr-Kreis

Wannseekonferenz: Was der Nazi Georg Leibbrandt mit Unterweissach zu tun hat

Germany House of the Wannsee Conference
Hier fand 1942 die Wannseekonferenz statt - 15 hochrangige Nazis befassten sich mit der "Endlösung der Judenfrage". Einer von ihnen, Georg Leibbrandt, fasste nach dem Krieg Fuß in Unterweissach. © Michael Sohn

Vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, tagten am Wannsee führende Fanatiker und Bürokraten des Nazi-Verbrecherregimes und besprachen die systematische Ausrottung der Juden. Zu den 15 Auserwählten, die in diesem exklusiven und elitären Zirkel saßen, gehörte Dr. Georg Leibbrandt - nach dem Krieg stieg er, als wäre nichts gewesen, zu einem Berater Adenauers und Stahl-Manager auf. Eine Leibbrandtsche Lebensspur führt nach Unterweissach.

Georg Leibbrandt: eine biografische Skizze

Leibbrandt wurde 1899 geboren in der Ukraine in einem Ort mit dem schönen Namen Hoffnungstal als Nachfahre deutscher Auswanderer. Bevor er neben Leuten wie Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann oder Roland Freisler zu einem der 15 Konferenz-Strategen der Endlösung wurde, legte er eine spektakuläre Bildungslaufbahn hin und sprach Deutsch, Russisch, Ukrainisch, Französisch und Englisch. Seinen Doktor-Titel erwarb er 1927, damals promovierte Leibbrandt mit einer Arbeit über die schwäbische Auswanderung nach Russland im frühen 19. Jahrhundert; eine der führenden Personen dieser Auswanderungsbewegung war einst sein Großvater gewesen. Wir sollten das im Hinterkopf behalten, denn Leibbrandts ahnenforscherische Hingabe wird später noch eine Rolle spielen.

Schon damals, schrieb 2017 die Zeitung "Die Welt", habe Leibbrandt "seine nationalistische, später dezidiert völkische, schließlich rassenbiologische Sicht auf die deutsche Siedlungsgeschichte" entwickelt ."Leibbrandt war der Ansicht, dass Deutsche in allen Regionen die Verhältnisse geprägt und ihre ,kolonisatorischen Fähigkeiten' bewiesen hätten, und leitete daraus ab, dass eine deutsche Herrschaft in diesen Regionen legitim sei. Damit lieferte Leibbrandt schon früh eine ideologische Begründung für die Blut-und-Boden-Theorie und schließlich Hitlers Eroberungspolitik." 

Bereits 1933 schloss Leibbrandt sich der NSDAP an und legte dort eine steile Karriere hin. An der Wannseekonferenz nahm er teil in seiner Funktion als Ministerialdirektor und „Reichsamtsleiter im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“. Auf der mit dem Vermerk "Geheime Reichssache" gestempelten Teilnehmerliste zur "Besprechung über die Endlösung der Judenfrage" steht Leibbrandts Name an zweiter Stelle. Da die Namen nicht alphabetisch sortiert sind, lassen sich durchaus Rückschlüsse auf Leibbrandts Rolle ziehen.

Auch bei einem weiteren Treffen einige Tage später, als es die feineren Details zur „Endlösung der Judenfrage“ zu besprechen galt, war Leibbrandt dabei. Es ging unter anderem darum, wer überhaupt als Jude zu gelten habe. Leibbrandts Reichsministerium empfahl: Man solle den Juden-Begriff nicht „zu eng“ definieren. Im Oktober 1942 unterzeichnete Leibbrandt ein Schreiben: Die „Regelung der Judenfrage“ sei „so rasch wie möglich herbeizuführen“.

Karriere-Knick und Neuanfang

Es folgte ein Karriereknick. Von 1945 bis 1949 saß Leibbrandt in alliierter Haft und wollte mit dem millionenfachen Morden nichts zu tun gehabt haben: Intern habe er schon früh erklärt, dass er „diesen Wahnsinn“ mit der Judenvernichtung „nicht teile“.

Ein Ermittlungsverfahren wegen mehrfachen Mordes versandete, das Urteil des Entnazifizierungshauptausschusses Kiel gegen – oder besser: für – Leibbrandt lautete: „unbelastet”; und Karrierist Leibbrandt startete bald wieder durch: 1955 fungierte er als Berater von Bundeskanzler Konrad Adenauer, als es darum ging, deutsche Soldaten aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimzuholen. Auch sonst fiel Leibbrandt, nach seinem jäh unterbrochenen Aufstieg als Stratege der ordnungsgemäßen Durchführung der Endlösung der Judenfrage, beruflich weich: Er wurde ein hochrangiger Manager beim Stahlkonzern Salzgitter AG.

„In der Nachkriegszeit“ aber, steht lapidar auf Wikipedia, „wohnte Leibbrandt in Unterweissach in Baden-Württemberg“, hier bei uns. Sozusagen in seiner alten Stammesheimat.

Im "Dienst am Nächsten", im "Auftrag Gottes"

Im Internet dokumentiert findet sich heute noch ein ahnenforscherischer Aufsatz eines „Dr. Georg Leibbrandt, Ministerialdirektor a. D.“ über den „russland-deutschen Zweig“ der Leibbrandts. Es heißt darin: Die Nachkommen der aus Württemberg in viele Länder, unter anderem eben gen Osten, ausgewanderten Leibbrandts hätten mit „durch die Stammesgeschichte wiederholt festzustellenden Charaktereigenschaften wie Pioniergeist und Gemeinschaftsbewusstsein“ geglänzt. Es sei ihnen nicht nur um die „materielle Seite des Lebens“ gegangen, sondern auch darum, „den Menschen zu helfen und im Dienst am Nächsten den Auftrag Gottes durchzuführen“.

Betagt und nach einem, wie man so sagt, reichen und erfüllten Leben starb Georg Leibbrandt im Jahre 1982.

Vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, tagten am Wannsee führende Fanatiker und Bürokraten des Nazi-Verbrecherregimes und besprachen die systematische Ausrottung der Juden. Zu den 15 Auserwählten, die in diesem exklusiven und elitären Zirkel saßen, gehörte Dr. Georg Leibbrandt - nach dem Krieg stieg er, als wäre nichts gewesen, zu einem Berater Adenauers und Stahl-Manager auf. Eine Leibbrandtsche Lebensspur führt nach Unterweissach.

Georg Leibbrandt: eine biografische

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