Rems-Murr-Kreis

Warum Corona die Reichen noch reicher macht - ein Interview mit dem Volkswirt Dr. Oliver Zwiessler

Dr. Oliver Zwiessler
Dr. Oliver Zwiessler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Volkswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim. Sein Spezialgebiet ist Wachstum und Verteilung. © Gabriel Habermann

Eine neue Untersuchung belegt: Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist in Deutschland größer als bisher angenommen. Die Corona-Pandemie wird die ungleiche Vermögenverteilung sogar noch verstärken, sagt Dr. Oliver Zwiessler. Der Volkswirt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Wie gerecht oder ungerecht geht es in Deutschland zu?

Deutschland ist neben Österreich Spitzenreiter im europäischen Vergleich hinsichtlich Vermögensungleichheit. Zudem besteht eine hohe Interdependenz zwischen Vermögen und den Einkommensströmen, so dass sich gegenseitig verstärkende Effekte bilden. So sind Bezieher hoher Einkommen doppelt bevorteilt, da sie aus laufenden Einkommen einfacher Vermögen aufbauen können und umgekehrt ihre Vermögen höhere Einkommensströme abwerfen.

Was versteht man unter einer „gerechten“ Vermögensverteilung?

Der Begriff „Gerechtigkeit“ an sich ist jedoch gar nicht so leicht zu definieren. Mitunter versteht jeder Mensch auch etwas anderes darunter, was „gerecht“ ist. Einer Verteilung entsprechend der erbrachten Leistung stehen Aspekte wie Bedarfsgerechtigkeit oder Chancengerechtigkeit gegenüber. So ist eine Entlohnung entsprechend der erbrachten Leistung ein wichtiger Motor für Wachstum und Innovation für die gesamte Volkswirtschaft. Denn das Prinzip setzt Anreize und Motivation für Arbeitnehmer und Unternehmer gleichermaßen, da Leistung auch entsprechend gewürdigt und entlohnt wird. Jedoch besteht die Notwendigkeit, auch Bedarf, Chancen und weitere soziale Aspekte in die Frage einer „gerechten“ Verteilung einzubeziehen.

Welche Fragen stellen sich für einen Volkswirt beim Thema Gerechtigkeit?

Ist es „gerecht“, wenn durch ungleiche Startchancen nur bestimmte Menschen Zugang zu höherer Bildung haben und damit höhere Einkommen und Vermögen generieren können? Wie geht man mit unterschiedlichem finanziellen Bedarf um, wenn zum Beispiel durch Krankheit, Kinder etc. die finanziellen Mittel knapper sind als beim kinderlosen Ehepaar? Ist es „gerecht“, dass ein Großteil des Vermögens in Deutschland über Vererbung weitergegeben wird, ohne dass hierfür aktiv etwas geleistet wird? Wäre es „gerecht“, die Lasten der Corona-Pandemie entsprechend der Leistungsfähigkeit oder unabhängig von dieser, also „gleichmäßig“ zu schultern? Wäre es zudem gerecht, dass man Menschen, die durch Sparverhalten zukünftigen Konsum dem gegenwärtigen Konsum präferieren, für ein solches Verhalten bestraft, indem man ihren Vermögensaufbau besteuert?

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Vermögensverteilung und Demokratie?

Vermögenskonzentration konzentriert politische Macht. Vermögen ermöglichen Einflussnahme beziehungsweise Repräsentation der eigenen Interessen, zum Beispiel über Lobbyismus. Wohingegen zunehmende Politikverdrossenheit bei Gesellschaftsgruppen entsteht, die sich nicht in der Lage sehen, aktiv das eigene Schicksal im politischen Diskurs zu beeinflussen. Mit zunehmender Vermögensungleichheit entsteht daher auch ein moralisches Problem, da ungleiche Teilhabemöglichkeiten am politischen Prozess dem Demokratieverständnis widersprechen. Studien zeigen zudem, dass politische Beteiligung stark mit dem Einkommens- und Bildungsniveau korreliert und durch ungleiche Partizipation negative Auswirkungen auf die „Volksherrschaft“ erkennbar sind.

Gefährdet wachsende Ungleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Ähnlich wie bei der Gefahr für die Demokratie sorgt Ungleichheit jedweder Art für zunehmende Spannungen in und Spaltungen der Gesellschaft. Studien zeigen einen solchen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und sozialen Spannungen. Dies liegt nicht nur am oft zitierten Argument des „Futterneids“, sondern auch daran, dass immer mehr Menschen in Deutschland an oder unter die Armutsgrenze rutschen.

Wird Deutschland ärmer?

Armut in entwickelten Gesellschaften wie Deutschland ist als relative Armut zu messen, also in Relation zu einem sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Einkommen - und nicht als absolute Armut, sprich, unter dem Aspekt des physischen Überlebens. Armut grenzt bestimmte Gesellschaftsgruppen von der Teilhabe am Sozialleben aus, was wiederum eine Spaltung der Gesellschaft vorantreibt.

Wie groß sind die Chancen, sich aus der Armut zu befreien?

Ein Aspekt, der vor allem in Deutschland das Problem noch verstärkt, ist die geringe soziale Mobilität. Die gesellschaftliche Schicht und Zugehörigkeit wird in vielen Fällen „geerbt“, was eine herrschende Ungleichheit zementiert. Kinder treten also immer noch häufig in die Fußstapfen der Eltern, was den sozialen Stand betrifft. Hier ist die Politik gefragt, um durch Verbesserung von „Startchancen“, zum Beispiel durch hochqualitative freie Bildung, sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Vermögen sind eine „Black Box“. Es gibt nur wenige verlässliche Daten, wie die Vermögen in Deutschland verteilt sind. Warum eigentlich?

Durch regelmäßige Befragungen des Sozioökonomisches Panel des DIW Berlin wird versucht, die Verteilung des Vermögens darzulegen. Bisher bestand das Problem, dass vor allem die „reichen“ Bevölkerungsgruppen beziehungsweise Haushalte in diesen Befragungen unterrepräsentiert waren. Dies lag neben dem Aspekt der Diskretion auch daran, dass speziell bei diesen Gesellschaftsschichten Vermögen in Formen gehalten werden, die eine marktnahe Bewertung erschweren, zum Beispiel Unternehmensanteile, Immobilien oder ähnliches.

Der DIW hat im Sommer neuere Daten veröffentlicht, die zeigen, dass die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung noch reicher sind als bisher angenommen.

Mit einer ergänzenden Studie hat das SOEP versucht, diese Datenlücke zu schließen. So verteilt sich aktuell circa 35 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland auf die reichsten ein Prozent der Bevölkerung und circa 65 Prozent auf die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Die ärmsten 50 Prozent wiesen hierbei nur ein geringes Vermögen auf, oftmals zudem negatives Vermögen, also Verschuldung. Eine durchaus kontrovers diskutierte Vermögenssteuer hätte zumindest den Vorteil, dass sich hierdurch die Datenlage verbessern würde, da für die Bemessung der Steuerlast vorab eine Vermögensberechnung herangezogen werden müsste.

Verändert die Corona-Krise die Vermögenverteilung?

Mit Sicherheit wird durch die Corona-Pandemie die Ungleichverteilung noch verstärkt werden. Zwar erleiden Vermögensbesitzer temporär Verluste, da Vermögen oftmals in Finanzanlagen gebunden sind und diese mit Kursverlusten verbunden waren. Mittelfristig wird sich die „Schere zwischen Arm und Reich“ noch weiter öffnen. Vermögen ermöglicht es, den Menschen und auch Unternehmen von Reserven zu zehren, so dass Krisenzeiten damit leichter überbrückbar werden. Da die Staatsschuld auch immer gleichzeitig die Forderungen des privaten Sektors bedeuten, profitieren Anleger damit auch von einer verstärkten Verschuldung des öffentlichen Sektors. Ein weiterer Grund für eine Zunahme der Vermögensungleichheit ist die Interdependenz mit dem Einkommen. Derzeit befinden sich viele Arbeitnehmer in Kurzarbeit oder laufen Gefahr, ihren Job zu verlieren, so dass aus den laufenden Arbeitseinkommen weniger Vermögen gebildet werden können.

Welche Faktoren spielen darüber hinaus noch eine Rolle bei der Umverteilung von Vermögen?

Der durch die Krise beschleunigte Digitalisierungsschub führt zu einer Veränderung der Qualifikationsanforderungen an die Arbeitnehmer, was Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die damit verbundenen Einkommen hat. Auch hier lässt sich eine zunehmende Polarisierung feststellen, also eine Erosion der mittleren Qualifikationsschicht. Dies hat auch unmittelbar Auswirkungen auf Einkommens- und Vermögensungleichheit beziehungsweise verstärkt diese zusätzlich. Bestimmte Branchen sind zudem stärker betroffen als andere.

Zeichnen sich bestimmte Verliererbranchen ab?

So sind beispielsweise im stark gebeutelten Gastro- und Kultursektor viele Geringverdiener anzutreffen, ebenso in der Hotellerie. Diese Sektoren haben durch die Corona-Verordnungen einen besonders schweren Stand, so dass die damit verbundenen – und meiner Meinung nach notwendigen – Maßnahmen zur Eindämmung des Virus die Einkommens- und Vermögensverteilung weiter zementieren.

Kann, soll oder muss der Staat eine wachsende Vermögensungleichheit regulieren?

Eine durchaus kontroverse Frage, auch da sie eine grundlegende, über das Verständnis des Funktionierens einer Ökonomie stellt. Expansive, wohl überlegte und sinnvoll ausgerichtete Maßnahmen des Staates sind jedoch - erst recht im Zuge einer derartigen Herausforderung wie der Corona-Pandemie - unzweifelhaft der richtige Weg. Es geht weniger um das ‚Ob’, sondern vielmehr um das ‚Wie’? Wie kann eine möglichst effiziente Mittelverwendung gewährleistet sein, die einerseits für mehr soziale Gerechtigkeit sorgt und andererseits möglichst effektiv für einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Krisensituation sorgt?

Konkret?

Einerseits hemmt ein hohes Maß an Vermögensungleichheit wirtschaftliche Entwicklung und trägt zu einer potenziellen gesellschaftlichen Schieflage bei. Einkommen und Vermögen stellen vornehmlich die Basis für private Ausbildungsinvestitionen dar. Bleiben diese aus, reduziert sich dadurch auch das gesamtwirtschaftliche Humankapital und erschwert „soziale Mobilität“ weiter, was vor allem langfristig negative Folgen für die Gesamtwohlfahrt hat.

Und andererseits?

Andererseits muss man außer Anreizaspekten auch die Vermögensverwendung berücksichtigen. Laut einer Studie des DIW werden mehr als 50 Prozent des Vermögens der „Reichen“ produktiv im Wirtschaftsprozess eingesetzt, zum Beispiel als produktives Betriebsvermögen oder durch die Bereitstellung von Wohnraum. Eine potenzielle Regulierung, zum Beispiel durch eine Vermögenssteuer, wäre also in diesem Bereich mit Einbußen für die gesamte Ökonomie verbunden. Diese wären beispielsweise eine verminderte Investitionsbereitschaft, potenzielle Abwanderung von Unternehmen ins Ausland oder die generelle Verschiebung von Vermögen ins Ausland.

Was spricht für oder gegen eine Erbschafts- oder Vermögenssteuer?

Erbschafts- und Vermögenssteuer müssen unter mehreren Gesichtspunkten betrachtet werden. Dafür steht ganz klar der soziale Gedanke, um vor allem in Krisenzeiten die wirtschaftlichen Kosten gleichmäßig zu schultern. Getreu dem Motto: wer mehr beitragen kann, sollte dies auch tun. Jedoch widerspräche dies, vor allem im Rahmen der Vermögenssteuer dem Leistungsprinzip, wonach Motivation und Anreiz für zukünftiges Verhalten der Wirtschaftsakteure Schaden nehmen könnten. Auch entstehen bei der Umsetzung einer Erbschaftssteuer hohe, administrativ bedingte Transaktionskosten und eventuell „Ausweichmanöver“, so dass der eigentliche Effekt „verpuffen“ könnte.

Was spricht eigentlich aus Ihrer Sicht gegen eine Vermögenssteuer für Reiche?

Kapital der Vermögensbesitzer ist oftmals als Produktivkapital gebunden, so dass dessen Besteuerung negative Folgen für den gesamten Produktions- und Entwicklungsprozess einer Ökonomie hätte - dies wäre mit geringerer wirtschaftlicher Entwicklung in Deutschland und schärferen Bedingungen am Arbeitsmarkt verbunden.

Welche Möglichkeiten hat der Staat dann?

Alternativ böte es sich an, entweder über eine veränderte Besteuerung des Einkommens für weniger Ungleichheit zu sorgen, quasi als Umweg über die Interdependenz zum Vermögen, oder auch über verbesserte Rahmenbedingungen staatliche Anreize für den privaten Vermögensaufbau zu setzen beziehungsweise diesen zu subventionieren, zum Beispiel staatlich geförderte private Altersvorsorge, Förderung privaten Immobilienbesitzes, Förderung zu individuellen Bildungsinvestitionen.

Wer bezahlt die Corona-Krise, für deren Bewältigung der Staat sich mit Hunderten Milliarden Euro verschuldet?

Prinzipiell stellen die Schulden des Staates die Forderungen der Privathaushalte dar. Deutschlands Gläubiger sind jedoch nicht zu 100 Prozent im Inland zu finden, sondern nur zu circa 40 Prozent. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ökonomien statt mit Ausgaben und Steuersenkungen vor allem mit Garantien und Bürgschaften reagiert. Diese sind bisher nur sogar teilweise in Anspruch genommen worden. Letztendlich kann die Staatsschuld auch durch Austeritätspolitik, das heißt Sparpolitik, reduziert werden. Die Staatsschuld kann und muss entweder von zukünftigen Generationen zurückgezahlt werden oder ihr kann durch eine Steigerung der Wirtschaftsleistung entgegengewirkt werden.

Ist Sparen in der Krise wirklich clever?

Deutschland hat sich die letzten Jahre über einen gewissen „Puffer“ geschaffen. Die Schuldenstandsquote sank knapp unter die vorgegebenen 60 Prozent in Relation zum BIP. Der coronabedingte Anstieg wird sich nach aktuellen Schätzungen, und unter der Prämisse keiner weiteren zweiten schweren „Welle“, auf 75 bis 80 Prozent belaufen, so dass aktuell eine Sparpolitik die falsche Politik wäre. Sie würde die coronabedingte Rezession weiter verschärfen, Arbeitsplätze aufs Spiel setzen und dringend benötigten öffentlichen Investitionen einen Riegel vorschieben. Kann die Politik für einen raschen Ausweg aus der Krise sorgen, so kann sie zudem in Zukunft durch die gestiegene Wirtschaftsleistung wieder leichter konsolidieren.

Dieses Interview ist bereits am 10. Dezember 2020 in der ZVW-Beilage "Solidarität - So stark ist der Rems-Murr-Kreis" erschienen.

Eine neue Untersuchung belegt: Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist in Deutschland größer als bisher angenommen. Die Corona-Pandemie wird die ungleiche Vermögenverteilung sogar noch verstärken, sagt Dr. Oliver Zwiessler. Der Volkswirt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

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