Rems-Murr-Kreis

Warum darf BayWa noch offen verkaufen, aber Baumärkte wie Toom, Obi und Globus nicht?

Baumarkt Toom
Weihnachtsbäume im Freien verkaufen dürfen sie noch, die Baumärkte. „Aber die Leute fragen vor allem derzeit auch noch Dinge des täglichen Bedarfs wie Gas, Brennholz und Briketts nach“, sagt der Schorndorfer Toom-Marktleiter Christoph Sugg (rechts). Links: Verkäufer Jörg Höflacher, © ALEXANDRA PALMIZI

BayWa hat trotz Lockdowns weiter bestimmte Verkaufsbereiche für den Kundenverkehr geöffnet. In Schorndorf zum Beispiel können auch Privatkunden noch vor Ort kaufen: „Tiernahrung, Futtermittel und Zubehör, Wintervogelfutter, Lebensmittel, Getränke, Wein sowie Brennstoffe (Gas, Holz, Kohle, Briketts) und Streugüter“, bestätigt Catherina Tamler, Sprecherin der Dortmunder Hellweg-Gruppe, zu der die BayWa-Garten- und Baumärkte gehören. Das befeuert in Lockdown-Zeiten eine Gerechtigkeitsdiskussion rund um die Auslegung der Landes-Corona-Verordnung in der Bevölkerung, bei Baumarkt-Betreibern, aber auch in den Stuben der Ordnungsämter.

„Großer Frust“ auch bei den Baumarkt-Kunden

„Wir mussten als Baumarkt komplett schließen, können nur noch den Weihnachtsbaumverkauf im Freien für Kunden offen lassen, Warenabholung durch Handwerker und Bauarbeiter mit Gewerbeschein anbieten und einen Warenlieferservice für Privatkundenbestellungen“, sagt Christoph Sugg, Leiter des Toom-Marktes in Schorndorf. „Click&Collect ist dem gesamten stationären Einzelhandel in Baden-Württemberg anders als in anderen Bundesländern verboten worden.“

Christoph Sugg berichtet von „großem Frust“ allenthalben, nicht nur bei den Baumarkt-Betreibern, sondern auch bei den Kunden: „Es gibt halt doch sehr viele Leute, mehr als man vielleicht allgemein so denkt, die holen sich regelmäßig Gas, Holz und Briketts in den Baumärkten und so auch bei uns, beim Toom in Schorndorf. Die rufen hier an und machen sich Sorgen, wo sie diese Dinge des täglichen Bedarfs, vor allem jetzt im Winter, noch herkriegen sollen. Sie verstehen nicht, warum sie diese so wichtigen Warensortimente nicht mehr in ihrem Baumarkt kaufen dürfen.“

Ansteckungsgefahr in Discountern höher als in Baumärkten?

Auch könne er nicht nachvollziehen, warum die während einer Pandemie so wichtige Schutzkleidung, „wir haben 150 000 Masken im Verkauf“, nicht mehr offen verkauft werden dürfe, sagt Sugg. An-die-Haustür-Lieferungen seien vielen Privatkunden zu teuer. „Die gehen dann halt in die Drogerien oder zum Aldi oder Lidl. Es ist eh ungerecht, dass die Discounter im Lockdown auch weiter Werkzeug verkaufen dürfen.“

„Ich wage zu behaupten, dass das Corona-Ansteckungspotenzial in einem Discounter höher ist als in einem Baumarkt. Baumärkte sind flächenmäßig viel größer, da verteilt sich die Kundschaft und hängt nicht so eng aufeinander wie bei einem Netto, Norma, Aldi oder Lidl“, so Sugg. Im Toom in Schorndorf habe er seit Beginn der Pandemie im Frühjahr bis heute (Stand: 22.12.), „toitoitoi“, keinen einzigen Corona-Fall innerhalb seiner 75-köpfigen Belegschaft gehabt. „Aber wir achten auch penibel auf die Hygiene und die AHA-Regeln in unserem Toom.“

Vorschläge zur Entzerrung der Kundenströme

Damit spricht Christoph Sugg dem Vernehmen nach den Marktleitern der anderen Baumärkte im Rems-Murr-Kreis, etwa des Toom in Fellbach, des Obi in Waiblingen und Winnenden oder des Globus in Weinstadt, aus dem Herzen. Der Handelsverband Heimwerken, Bauen, Garten (BHB) überlege rechtliche Schritte gegen die Ungleichbehandlung der einzelnen Einzelhandels-Segmente während des Lockdowns, sagt Sugg.

„Wir denken aber erst einmal an ein Gesuch an Ministerpräsident Kretschmann und wollen nach Weihnachten ihm Vorschläge unterbreiten, wie man die Kundenströme entzerren könnte. Zum Beispiel könnte man nur noch Einzelkunden den Zugang erlauben und auch die Öffnungszeiten verlängern.“ Ziel müsse natürlich sein, keine langen Kunden-Schlangen vor Baumärkten entstehen zu lassen.

Er habe beim Ordnungsamt nachgefragt, warum BayWa noch Brennstoffe verkaufen dürfe, Toom, Globus, Obi & Co dies aber nicht mehr dürften, sagt Christoph Sugg. „Die signalisierten uns Diskussionsbereitschaft und dass es womöglich an der Ausformulierung der Landes-Corona-Verordnung liege und daran, dass wir als Baumärkte der bloßen Definition nach nicht zu den sogenannten Mischwaren-Betrieben gehören.“

Der Schorndorfer Ordnungsamtsleiter Jörn Rieg bestätigt: „Diese Frage treibt uns tatsächlich gerade um. Wir haben über den Städtetag beim Landes-Sozialministerium nachgefragt und warten noch auf Antwort.“ Es sei im Bereich des Möglichen, dass die Corona-Verordnung in diesem Bereich noch überarbeitet werde und genauere Definitionen folgen, so Rieg.

„Offenbar liegt es daran, dass der Paragraf 1d als Ausnahmen von den lockdownbedingten Schließungen ausdrücklich Verkaufsstätten für Tierbedarf und Futtermittelmärkte aufführt, Bau- und Gartenmärkte aber nicht. Und die BayWa, aus dem Landhandel heraus entstanden, dem Futtermittelbedarf zugeordnet werden kann“, erläutert Rieg.

Im Paragrafen 1d steht auch: „Wenn Mischsortimente angeboten werden, dürfen Sortimentsteile, deren Verkauf nicht gestattet ist, verkauft werden, wenn der erlaubte Sortimentsteil überwiegt; diese Stellen dürfen dann alle Sortimente vertreiben, die sie gewöhnlich auch verkaufen. Wenn bei einer Stelle der verbotene Teil des Sortiments überwiegt, darf der erlaubte Teil allein weiterverkauft werden, wenn eine räumliche Abtrennung möglich ist.“

Allerdings werden gesondert von dieser Passage an späterer Stelle die Baumärkte explizit als komplett zu schließende Teile des Einzelhandels genannt. Was gilt also nun? „Richtig schlüssig ist die Verordnung in Bezug auf die Baumärkte nicht. Hier ist noch einiges rechtlich in der Schwebe, was von der Landesregierung geklärt werden müsste“, sagt Ordnungsamtsleiter Jörn Rieg.

Dieser Einschätzung jedoch widerspricht Heiko Brendel, ein Sprecher des Landessozialministeriums. Er erläuterte dieser Zeitung am Dienstag (22.12.): „Außer Weihnachtsbaumverkauf (im Freien) und Lieferdiensten sind für Privatkunden von Baumärkten keine weiteren Ausnahmen vorgesehen.“

BayWa hat trotz Lockdowns weiter bestimmte Verkaufsbereiche für den Kundenverkehr geöffnet. In Schorndorf zum Beispiel können auch Privatkunden noch vor Ort kaufen: „Tiernahrung, Futtermittel und Zubehör, Wintervogelfutter, Lebensmittel, Getränke, Wein sowie Brennstoffe (Gas, Holz, Kohle, Briketts) und Streugüter“, bestätigt Catherina Tamler, Sprecherin der Dortmunder Hellweg-Gruppe, zu der die BayWa-Garten- und Baumärkte gehören. Das befeuert in Lockdown-Zeiten eine Gerechtigkeitsdiskussion

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