Rems-Murr-Kreis

Warum Inzidenz der Geimpften und Impfdurchbrüche nicht dasselbe sind

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Ein geschwächtes Immunsystem, Coronavirus-Mutationen, eine nachlassende Impfwirkung und steigende Impfquoten sind Gründe für immer mehr Impfdurchbrüche. © Pixabay

Die Themen Inzidenz der Geimpften und Impfdurchbrüche treiben die Menschen um. Warum, bei wem und nach Impfung mit welchem Impfstoff geschehen wie oft Impfdurchbrüche? Und: Wie schlimm sind diese? Um vorschnelle Schlussfolgerungen und Fehlinterpretationen zu vermeiden, ist es angebracht, Hintergründe zu erhellen, Wortbedeutungen zu hinterfragen und sich die Statistiken noch einmal genauer anzuschauen. Die Datenlage ist allerdings teilweise schwierig.

Wie sieht die Datenlage aus?

„Wir haben zum Thema Impfdurchbrüche auf Kreisebene wenig belastbares Datenmaterial“, sagt Leonie Graf, Pressesprecherin des Landratsamtes. Das liege auch daran, dass Meldebögen von Ärzten und Covid-19-Patienten nicht immer genau genug ausgefüllt würden. „Was wir sagen können ist, keiner der bislang 364 im Rems-Murr-Kreis in Folge einer Covid-19-Erkrankung Verstorbenen war geimpft und niemand der gerade auf Intensivstation in den Rems-Murr-Kliniken befindlichen Corona-Patienten ist geimpft“, sagt Graf. Das hatte jüngst auch schon Dr. Torsten Ade von den Rems-Murr-Kliniken bestätigt. Die Kliniken hatten am Donnerstag (9.9.) 25 Covid-19-Patienten in Behandlung, davon neun auf der Intensivstation und davon wiederum sieben an Beatmungsgeräten (Quelle).

Ist die Inzidenz der Geimpften gleichbedeutend mit Durchbrüchen?

Nein. Das Landesgesundheitsamt (LGA) in Baden-Württemberg weist zwar seit Anfang September zwei neue Inzidenzen aus:

  • Die Sieben-Tage-Inzidenz für Ungeimpfte, nicht vollständig geimpfte Covid-19-Fälle und Fälle ohne Angaben zum Impfstatus. Diese betrug am Mittwoch (8.9.) 207,5 pro 100 000 Einwohner.
  • Die Sieben-Tage-Inzidenz für Covid-19-Fälle mit einer abgeschlossenen Impfserie. Diese betrug am Mittwoch (8.9.) 17,6 pro 100 000 Einwohner.

Das LGA betonte jedoch gegenüber dieser Zeitung, dass es sich bei der zweitgenannten Inzidenz nicht (!) um Impfdurchbrüche handelt. Als Impfdurchbrüche würden stattdessen definiert: „Fälle mit einer Zweitimpfung mit Biontech, Moderna oder Astrazeneca oder einer Impfung mit Janssen (Johnson & Johnson) und mindestens 14 Tagen zwischen der letzten Impfung und dem Symptombeginn oder – falls nicht vorhanden – dem Meldedatum.“ Genau so definiert auch das RKI Impfdurchbrüche (siehe Wochenbericht, S.18).

Das bedeutet anders gesagt: Die „Sieben-Tage-Inzidenz für Covid-19-Fälle mit einer abgeschlossenen Impfserie“ oder die „Inzidenz der Geimpften“, wie es die Stadt Stuttgart nennt, bezieht sich

  • sowohl auf Impfdurchbrüche (Geimpfte, bei denen 14 Tage nach der letztnötigen Impfung der Impfserie vergangenen waren, bevor sie sich infizierten)
  • als auch auf Geimpfte, bei denen 14 Tage nach der letztnötigen Impfung der Impfserie noch nicht vergangenen waren, bevor sie sich infizierten.

Deshalb sagt Andrea Panitz, Pressereferentin des Regierungspräsidiums Stuttgart: „Der Indikator dient der Trendbewertung, nicht der Bewertung der Impfeffektivität.“

Wie steht es um die Impfeffektivität?

Das RKI schreibt in seinem Wochenbericht vom 2. September: „Der bei weitem größte Teil der seit der 5. KW übermittelten Covid-19-Fälle war nicht geimpft. Durch einen Vergleich des Anteils vollständig Geimpfter unter Covid-19-Fällen mit dem Anteil vollständig Geimpfter in der Bevölkerung ist es möglich, die Wirksamkeit der Impfung grob abzuschätzen (sog. Screening-Methode nach Farrington)“.

Die nach dieser Methode geschätzte Impfeffektivität liege für den Zeitraum Februar bis einschließlich August für die Altersgruppen

  • 18 bis 59 Jahre bei rund 87 Prozent und
  • 60 oder älter bei rund 86 Prozent.

Diese geschätzte Impfeffektivität habe im August etwas nachgelassen und sei auf 84 beziehungsweise 83 Prozent gesunken. Dennoch schützte eine vollständige Impfung auch noch im August

  • vor dem Tod infolge einer Covid-19-Erkrankung (zu 100 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen und zu 91 Prozent bei den 60 Jahre noch älteren),
  • vor einer notwendig werdenden Behandlung auf Intensivstation wegen Covid-19 (zu 97 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen und zu 95 Prozent bei den 60-Jährigen und älter),
  • vor einer Krankenhauseinlieferung wegen Covid-19 (zu 95 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen und zu 94 Prozent bei den 60-Jährigen und älter).

Welche Altersgruppen sind besonders von Impfdurchbrüchen betroffen?

Das LGA teilte dieser Zeitung auf Nachfrage mit: Von Februar bis 7. September wurden in Baden-Württemberg 219 398 Covid-19-Fälle ab 12 Jahren (Fälle mit einer Impfempfehlung) übermittelt. Hiervon waren 6148 Fälle mögliche Impfdurchbrüche, die sich so verteil(t)en:

  • 12 bis 17 Jahre: 48
  • 18 bis 59 Jahre: 4407
  • 60 Jahre und älter: 1673

Bundesweit betrug der Anteil der Impfdurchbrüche an den symptomatischen Covid-19-Fällen von Anfang Februar bis 2. September in den Altersgruppen laut RKI:

  • 12 bis 17 Jahre: 74 456 Fälle, davon 185 wahrscheinliche Impfdurchbrüche (0,2 Prozent)
  • 18 bis 59 Jahre: 789 795 Fälle, davon 18 402 wahrscheinliche Impfdurchbrüche (2,3 Prozent)
  • 60 Jahre oder älter: 174 467 Fälle, davon 5511 wahrscheinliche Impfdurchbrüche (3,2 Prozent)

Wie alt waren die nach einem Impfdurchbruch Verstorbenen?

Unter bislang 397 Covid-19-Fällen mit Impfdurchbrüchen, die bundesweit verstorben sind, waren 319 (80 Prozent) 80 Jahre und älter, teilt das RKI mit (Stand: 2.9.).

Warum geschehen Impfdurchbrüche?

In einem „Faktenblatt“ des Science Media Centers von Anfang August werden Gründe für Impfdurchbrüche aufgezählt (und Belege gemäß internationalen wissenschaftlichen Studien geliefert):

  • Ein schwaches beziehungsweise geschwächtes Immunsystem bei älteren Menschen, Krebspatienten, Organtransplantationspatienten, Menschen mit Autoimmunerkrankungen. Verstärkt wird eine Immunschwäche auch durch bestimmte Medikamente wie Immunsuppressiva oder Chemotherapien.
  • Virusmutationen: Die vorherrschende Deltavariante mindert die Wirksamkeit der Impfstoffe.
  • Nachlassende Impfwirkung: Deshalb erhalten beispielsweise Risikopatienten und Personal des Gesundheitssystems weltweit bereits Drittimpfungen beziehungsweise Auffrischimpfungen.
  • Steigende Impfquote: Je mehr geimpft wird, desto mehr komme es auch zu Fällen von Impfdurchbrüchen.

Wie viele der Intensivpatienten im Land stehen in Zusammenhang mit Impfdurchbrüchen?

Dem LGA wurden bis 7. September 30 352 Covid-19-Fälle mit Meldedatum der vorangegangenen 28 Tage in Baden-Württemberg übermittelt. Für 1173 Fälle lag eine Angabe zu einer Krankenhauseinweisung vor. Davon waren 123 auf Intensivstation (ITS). Etwa neun Prozent der 123 übermittelten ITS-Covid-19-Fälle waren wahrscheinliche Impfdurchbrüche. So beantwortete das LGA eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung.

Wie verteilen sich die Impfdurchbrüche auf die verschiedenen Impfstoffe?

Von Anfang Februar bis 2. September wurden dem RKI 24 098 Impfdurchbrüche gemeldet nach Impfungen mit folgenden Impfstoffen:

  • 15 887 nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Biontech,
  • 3863 nach einer Impfung mit Johnson & Johnson.
  • 1729 nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Astrazeneca,
  • 1031 nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Moderna,
  • In 1588 Fällen erfolgte keine Angabe zum Impfstoff.

Setzt man diese Angaben in Beziehung zu den verimpften Impfstoffen, ist leider nur eine ungefähre Annäherung möglich. Zum einen wurden Erst- und Zweitimpfungen teilweise mit unterschiedlichen Impfstoffen vorgenommen, zum Beispiel, Astrazeneca und Biontech. Die obigen Angaben zu den abgeschlossenen Impfserien beziehen sich vermutlich auf den Impfstoff der Zweitimpfung. Zum anderen waren Verimpfungsraten nur aktuell vom 9. September zu bekommen. Es fehlt in der Betrachtung also zwischendrin eine Woche.

Laut Impfmonitoring-Tabelle des RKI wurden bundesweit bis 9. September folgende Impfstoffe verimpft

  • Biontech: 38 449 918 Erstimpfungen und 39 885 678 Zweitimpfungen, zusammengenommen also 78 335 596-mal,
  • Astrazeneca: 9 226 488 Erstimpfungen und 3 440 175 Zweitimpfungen, zusammengenommen 12 666 663-mal,
  • Moderna: 4 418 936 Erstimpfungen und 5 058 350 Zweitimpfungen, zusammengenommen 9 477 286,
  • Johnson&Johnson: 2 944 533 Impfungen.

Die nur sehr vage zu errechnenden Impfdurchbruch-Quoten je Impfstoff in Deutschland lägen damit im Falle von

  • Johnson&Johnson bei 0,131 Prozent,
  • Biontech bei 0,020 Prozent,
  • Astrazeneca bei 0,013 Prozent und
  • Moderna bei 0,010 Prozent.

Die Themen Inzidenz der Geimpften und Impfdurchbrüche treiben die Menschen um. Warum, bei wem und nach Impfung mit welchem Impfstoff geschehen wie oft Impfdurchbrüche? Und: Wie schlimm sind diese? Um vorschnelle Schlussfolgerungen und Fehlinterpretationen zu vermeiden, ist es angebracht, Hintergründe zu erhellen, Wortbedeutungen zu hinterfragen und sich die Statistiken noch einmal genauer anzuschauen. Die Datenlage ist allerdings teilweise schwierig.

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