Rems-Murr-Kreis

Was ist der beste Weg durch die Corona-Krise? Ein Vergleich des Rems-Murr-Kreises mit Schweden und Sachsen gibt Aufschluss

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Lockdownsport
Tristes Bild: Ein Lockdown ist wie ein Hammerschlag. © Joachim Mogck
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neuen Corona-Verordnungen
Tristes Bild: Ein Lockdown ist wie ein Hammerschlag. © ALEXANDRA PALMIZI

Wer die Corona-Lage im Rems-Murr-Kreis vor einem breiteren, deutschlandweiten, gar kontinentalen Horizont betrachtet, kommt zu erstaunlichen Befunden. Besonders frappierend: Schweden steht auch in der zweiten Welle wieder schlechter da; und im Rems-Murr-Partnerlandkreis Meißen, Sachsen, ist die Not dramatisch. Woran liegt das? Erklärungsversuche.

Hammer und Tanz: Corona, anhand eines Bildes erklärt

Das berühmteste Bild, um die Infektionsdynamik dieser Pandemie zu veranschaulichen, ist das von Hammer und Tanz: Schon, wenn die Ansteckungswelle gerade erst zu steigen beginnt, müssen wir, bevor sie sich zur Woge türmt, den Hammer schwingen und sie mit schnellen, wuchtigen, für die ganze Gesellschaft schmerzlichen Schlägen wieder nach unten treiben. Danach aber können wir auf der nun fast eben verlaufenden, nur sanft gekräuselten Linie tanzen, also zu milderen, sozial und wirtschaftlich leichter erträglichen Maßnahmen übergehen. Das Virus bleibt zwar gefährlich, ist aber nun einigermaßen gebändigt.

Deutschland ist das im Frühjahr staunenswert gut geglückt. Anfang März mehrten sich die Infektionsmeldungen – noch tief im selben Monat griffen entschlossene Gegenmaßnahmen: Hammer. Schon ab dem 20. Juni gab es im Hof der Schorndorfer Manufaktur wieder Konzerte für bis zu 200 Besucher: Tanz.

Wenn die Reaktion schnell und hart kommt, muss sie nicht von langer Dauer sein: Leider hatten wir bis zum Herbst diese Lehre aus dem Frühjahr bereits wieder vergessen (persönliche Anmerkung – auch ich selber dachte noch Mitte Oktober: Ach, so schlimm wie im März, April wird’s schon nicht noch mal werden). Sehr schwacher Trost: Es gibt kein großes Land in Europa, das es besser hingekriegt hat. Die Kurven sind im Herbst allerorten hochgeschwappt.

Kipp-Moment: Wann der Hammer gegen Corona kommen muss

Warum ist es wichtig, den Hammer früh zu schwingen? Zum Verständnis hilft ein anderes Phänomen: der Klimawandel. Wird es wärmer, schmelzen die Gletscher; dadurch reflektiert die Erdoberfläche weniger Sonnenlicht; wodurch es noch heißer wird; worauf noch mehr Eis taut; ein sich beschleunigendes System, eine Kettenreaktion.

Ähnlich ist es bei Corona: Wenn die Infektionszahlen steigen, wird es schwerer, alle Kontaktketten nachzuverfolgen; wenn die Kontaktverfolgung nicht mehr schnell genug gelingt, schießen die Ansteckungen sprunghaft weiter empor; was die Nachverfolgung vollends zusammenbrechen lässt.

Wenn dieses Schwungrad sich dreht, wird es schmerzhaft, ihm in die Speichen zu greifen. Selbst drastische Lockdowns, die am Anfang locker gereicht hätten, entfalten jetzt nur noch mühsam ihre Wirkung.

Der von der Politik definierte Kipp-Punkt liegt bei einer Inzidenz von 50 – also 50 Neu-Infektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen. Diese Marke wurde im Rems-Murr-Kreis bereits Mitte Oktober gerissen; ein halbherziger Teil-Lockdown folgte erst am 2. November.

50: Viel wurde über diesen Wert diskutiert: Es sei Panikmache, ihn so niedrig anzusetzen, hieß es. Im Nachhinein sehen wir: Er war klug gewählt. Wir hätten ihn ernst nehmen sollen.

Corona-Eskalation in Meißen - oder: Wie konnte das passieren?

Inzidenz: 216. Corona-Todesfälle seit März pro 100 000 Einwohner: 39. Das waren, Stand 17. Dezember, die Werte im Rems-Murr-Kreis.

Inzidenz: 528. Corona-Todesfälle seit März pro 100  000 Einwohner: 88. Das waren, Stand 17. Dezember, die Werte im Rems-Murr-Partnerlandkreis Meißen, Sachsen.

Allein am 18. Dezember wurden im Kreis Meißen 330 Neu-Infektionen gemeldet – bei rund 242 000 Einwohnern. Sollte sich diese Tendenz sieben Tage lang fortsetzen, ergäbe das eine Inzidenz von fast 1000!

Warum ist die Lage dort derartig aus dem Ruder gelaufen?

Die Frage ist momentan kaum zu beantworten. Eine Auffälligkeit aber gibt es, und wenn wir sie hier erwähnen, mag das den einen plausibel, den anderen boshaft vorkommen. Die einzige größere deutsche Partei, die so etwas wie Grundsatz-Trotz gegen die Corona-Maßnahmen entwickelt hat, war die AfD; nirgendwo bei einer deutschen Landtagswahl aber hat die AfD je mehr abgeräumt als 2019 in Sachsen: 27,5 Prozent. Dieser Zuspruch für eine Partei, die in ihrer sächsischen Ausprägung besonders auf Fundamentalopposition gebürstet ist, dürfte ein Symptom sein für ein weit verbreitetes Staatsmisstrauen. Und in Pandemiezeiten, in denen weithin einmütige gesellschaftliche Disziplin bei der Einhaltung vorgegebener Kontaktregeln gefragt ist, könnte das womöglich fatale Folgen haben.

Aber wir sollten uns vor allzu flotten Schlüssen hüten; vielleicht spielt auch schlicht die Nähe zum stark belasteten Tschechien eine entscheidende Rolle.

Immer wieder Schweden - oder: Corona erlaubt keinen Sonderweg

Muss man wirklich den Hammer schwingen? Die Schweden tun das doch auch nicht, bei denen läuft alles lockerer ...

Wie oft hat man das im Frühjahr gehört! Das Land aber zahlte für seinen Sonderweg einen teuren Preis: Es gab dramatisch mehr Corona-Todesfälle als bei den skandinavischen Nachbarn; und weit mehr auch als in Deutschland.

Dennoch blieb eine wichtige Frage zunächst offen: Könnte es sein, dass der schwedische Kurs sich langfristig doch noch auszahlt? Wenn sich in der ersten, steilen Welle mehr Menschen anstecken, wird die zweite nämlich vielleicht flacher verlaufen als andernorts, weil es ja schon eine höhere Grundimmunität in der Bevölkerung gibt ...

Diese Debatte hat sich erledigt: Schweden wurde auch von der zweiten Welle voll erwischt.

Todesfälle nach Infektion im Dezember (Stand: 17. 12.): 1212. Bei 10,33 Millionen Einwohnern ergibt das rund 12 Todesfälle pro 100 000 Einwohner. Deutschland im selben Zeitraum: 8333 Todesfälle – bei 83,17 Millionen Einwohnern ergibt das 10 pro 100 000. Vor allem aber: Schweden meldete vom 3. bis zum 16. Dezember rund 82 500 Neu-Infektionen – das wäre, wie wenn sich in Deutschland innerhalb derselben 14 Tage fast 665 000 Menschen angesteckt hätten! Es waren aber nur 306 000.

Die schwedische Tanz-Hoffnung hat getrogen, der deutsche Hammer im März war richtig. Das zeigt sich mittlerweile deutlich.

Corona, aktuelle Zahlen: Die Situation im Rems-Murr-Kreis, 18. Dezember 2020

Drei weitere Todesfälle nach Corona-Infektion hat das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises am Freitag gemeldet – die Gesamtzahl erhöht sich damit von 168 auf 171.

Der Monat mit den meisten Todesfällen ist momentan noch der April (62 Menschen starben nach Infektion) – allein an den ersten 18 Dezembertagen aber wurden bereits 36 Todesfälle gemeldet; und zusätzlich Sorge bereitet, dass die Auswirkungen des seit dem 9. Dezember über der 200er-Inzidenz-Marke liegenden Infektionswellengipfels noch gar nicht in ihrem genauen Ausmaß absehbar sind. Sie werden sich wohl erst ab Weihnachten offenbaren.

1264 aktuell Infizierte befinden sich momentan in Isolation; die meisten, jeweils 158, in Schorndorf und in Waiblingen.

Die Inzidenz – Neu-Ansteckungen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen – lag am Freitag bei 209 und ist damit gegenüber dem Rekordwert vom Dienstag (240) weiter gefallen. Die Lage in den Rems-Murr-Kliniken: In den Intensivstationen liegen aufgrund schwerer Covid-Krankheitsverläufe 21 Menschen, neun von ihnen müssen invasiv beatmet werden.

Wer die Corona-Lage im Rems-Murr-Kreis vor einem breiteren, deutschlandweiten, gar kontinentalen Horizont betrachtet, kommt zu erstaunlichen Befunden. Besonders frappierend: Schweden steht auch in der zweiten Welle wieder schlechter da; und im Rems-Murr-Partnerlandkreis Meißen, Sachsen, ist die Not dramatisch. Woran liegt das? Erklärungsversuche.

Hammer und Tanz: Corona, anhand eines Bildes erklärt

Das berühmteste Bild, um die Infektionsdynamik dieser Pandemie zu

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