Rems-Murr-Kreis

Weihnachten, Ausgangssperre, Einsamkeit: Die Telefonseelsorger im Rems-Murr-Kreis sind rund um die Uhr im Einsatz

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Eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge. © Ralph Steinemann Pressefoto

„Ich hätte nie im Leben daran gedacht, dass ich einmal bei der Telefonseelsorge landen würde.“ Beate - mehr als ihren Vornamen möchte sie der Öffentlichkeit nicht preisgeben - war bis zu ihrem 45. Lebensjahr bei einer weltweit agierenden Fluggesellschaft beschäftigt. Dann beendete eine ärztliche Diagnose nicht nur ihre berufliche Laufbahn, sondern beraubte sie aller Zukunftsperspektiven. „Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren dabei und habe hier in diesem Ehrenamt meine Erfüllung gefunden“, erzählt Beate. „Es gibt nichts Spannenderes als das Leben, und bei dieser Tätigkeit steht man mittendrin.“

Die Corona-Pandemie hat eine neue Form der Angst in die Arbeit der Telefonseelsorge gebracht, berichtet Beate. Die Menschen würden sich etwas Bedrohlichem, nicht Greifbarem ausgesetzt sehen, ohne dass ihnen eine Strategie angeboten werden könne, wie diese Bedrohung überwunden werden könne.

Freude und Vorfreude, Existenzangst und Horror

Eine „neue Dimension der Einsamkeit“ hätten auch die seit März von den Behörden verhängten Maßnahmen gebracht, ergänzt Gabriele Stark, ihres Zeichens Psychologin und Psychologische Therapeutin sowie seit Mitte September Leiterin von „Ruf und Rat“, der katholischen psychologischen Beratungsstelle für Erwachsene für Ehe-, Familie- und Lebensfragen und Telefonseelsorge. Ältere fühlten sich einsam und vergessen, jüngere Menschen eingesperrt und von ihren sozialen Kontakten abgeschnitten. In beiden Fällen würden sich dann schon latent vorhandene Probleme zu Lebenskrisen verschärfen. Viele Menschen, die sowieso schon von Ängsten geplagt seien, hätten Schwierigkeiten, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Nun habe sich auch noch Weihnachten 2020 in ein ambivalentes Fest verwandelt, bei dem Freude, Vorfreude, Existenzangst und Horror einhergingen.

Anstatt in Kindheitserinnerungen neue Kraft zu finden und Lebensenergie zu schöpfen, sehe man sich nun einem neuen Lockdown und verschärften Beschränkungen ausgesetzt. Weihnachten, meint dazu die Diplom-Sozialpädagogin Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge in Stuttgart, sei jedes Jahr über Wochen hinweg ein besonderes Thema bei der Telefonseelsorge. Kein Fest sei mit so hohen Erwartungen befrachtet, und wenn man es nun unter Corona-Bedingungen nicht mit der Familie wie gewohnt feiern könne, seien auch Frust und Depression nicht weit.

Das Leben von Beate hing an einem seidenen Faden. Es sei überhaupt nicht klar gewesen, ob sie überleben würde, erzählt sie. Nachdem sie sich aus dieser Lebenskrise herausgearbeitet hatte, musste sie ihren persönlichen Weg neu definieren und zu sich selbst finden. Sie habe sich mit sehr viel Begeisterung bei der Telefonseelsorge beworben und entdeckt, „das ist mein Ding!“

„Die Ratsuchenden dürfen anonym bleiben“

Im Unterschied zu anderen Regionen gibt es in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zwei Einrichtungen, die mit der Telefonseelsorge befasst sind, ergänzt Gabriele Stark: eine als Verein organisierte evangelische Telefonseelsorge und eine katholische, die direkt der Diözese Rottenburg-Stuttgart angegliedert ist. Dies habe sich so eingebürgert, als die Telefonseelsorge 1959/60 eingerichtet wurde, und so habe man es seitdem beibehalten.

Für die hilfesuchenden Anrufer mache es letztendlich keinen Unterschied, welche Nummer sie anwählten, es handle sich stets um einen für sie kostenlosen, von den Kirchen finanzierten, gewollt niedrigschwelligen Dienst am Mitmenschen. „Die Ratsuchenden dürfen anonym bleiben. Wenn sie den ersten Schritt unternommen und sich an die Telefonseelsorge gewandt haben, werden sie von unseren Mitarbeitern in der Situation abgeholt, in der sie sich gerade befinden.“ Es sei deren Kunst, Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen gefordert, so Stark, um in ein Gespräch einzusteigen, mit dem das Gegenüber, bei dem es sich ja letztendlich um eine Stimme handle, etwas anfangen könne und das ihm weiterhelfe.

„Niemand wird nach einer Diagnose oder Überweisung gefragt, nicht nach seiner Religion oder Weltanschauung, und es braucht auch kein Krankenkassenkärtle“, ergänzt Rudolph-Zeller, „ältere Menschen wenden sich bevorzugt über Telefon an uns, jüngere wählen den Chat oder E-Mail. Aber jeder finde einen Ansprechpartner, egal wie unterschiedlich das Thema sei, das er mitbringe.

Im Grunde genommen, sinniert Bernd Müller, würden sich die Anliegen der Ratsuchenden gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. So breit das Spektrum der Anliegen auch sei, letztendlich gehe es darum, Einsamkeit zu besiegen und Ängste zu überwinden. Selbst aus Krankenhäusern heraus würden Menschen anrufen, sozusagen auf der Suche nach einer dritten Diagnose. Dies stelle die Mitarbeiter vor die Herausforderung, gut damit umzugehen, aber auch die Dinge, denen sie ausgesetzt seien, gut zu verarbeiten.

„Jedes Gespräch ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen“

Sie wisse sich in dieser Hinsicht gut aufgehoben, betont Beate. Die Betreuung lasse keine Wünsche offen. Es fänden regelmäßig Gespräche mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern statt, in deren Verlauf man alles vorbringen könne, was einen bedrücke, womit man nicht gut zurechtkomme und was einen über den Dienst hinaus belaste oder verwirre. Zudem gebe es regelmäßig Fortbildungen, bei denen neu auftretende Formen von Psychosen, Ängsten und Depressionen zur Sprache kämen, „das ganze Spektrum des menschlichen Lebens“. Sie fühle sich gut gewappnet für den Dienst am Mitmenschen, sie wisse sich gut ausgebildet und könne den Anforderungen standhalten. „Wir lernen unentwegt, jedes Gespräch ist eine Uraufführung“, begeistert sich Beate, „es gibt keine Routine. Das ist spannend und macht Spaß. Und jedes Gespräch ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, bei dem man mehr zurückbekommt, als man einbringt. Man ist im Austausch mit Mitmenschen, die unterwegs sind auf dem Lebensweg, wie wir alle, Fragende und Suchende, wie jeder von uns.“

Info

Die Telefonseelsorge ist über Festnetz oder übers Handy kostenlos unter 08 00/11 10 111 oder 08 00/11 10 222 erreichbar. 

Es besteht auch die Möglichkeit, sich online mit der Telefonseelsorge in Verbindung zu setzen: https://online.telefonseelsorge.de/

„Ich hätte nie im Leben daran gedacht, dass ich einmal bei der Telefonseelsorge landen würde.“ Beate - mehr als ihren Vornamen möchte sie der Öffentlichkeit nicht preisgeben - war bis zu ihrem 45. Lebensjahr bei einer weltweit agierenden Fluggesellschaft beschäftigt. Dann beendete eine ärztliche Diagnose nicht nur ihre berufliche Laufbahn, sondern beraubte sie aller Zukunftsperspektiven. „Mittlerweile bin ich seit zehn Jahren dabei und habe hier in diesem Ehrenamt meine Erfüllung gefunden“,

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