Rems-Murr-Kreis

Wie der Rems-Murr-Kreis nach der Wende zu seinem Partnerlandkreis Meißen gekommen ist

Jahrhunderthochwasser  in Meissen Partnerkreis des Remsmurr Kreis hier Menschenrettung  Foto: Joerg Schubert von der Sawechsisch
Jahrhunderthochwasser an der Elbe im Jahr 2002: Rund 100 Rettungskräfte aus dem Rems-Murr-Kreis unterstützten die Katastrophenhelfer im Partnerkreis Meißen und setzten ein Zeichen für Partnerschaft. © Jörg Schubert

Horst Lässing erinnert sich noch sehr gut an die Anfänge der Partnerschaft mit Meißen vor 30 Jahren. Im Januar 1990 hatte das Rote Kreuz Rems-Murr einen Konvoi nach Meißen geschickt, um das Meißener Krankenhaus wenige Monate nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes mit dringend benötigten Hilfsgütern zu versorgen. Es fehlte an allem, sagt Alt-Landrat Lässing, 83, wenn er heute sehr emotional an die Zeit der Wende denkt: Verbandsmaterial, chirurgische Instrumente, Betten, Wäsche ...

Spontan schloss sich der neugierige Landrat dem DRK-Konvoi an – und bahnte die Partnerschaft an, die im September 1990 bei einem Besuch einer Meißener Delegation mit der frisch gewählten Landrätin Renate Koch an der Spitze besiegelt wurde. Leben eingehaucht haben der Partnerschaft enge Kontakte der Feuerwehren und des Roten Kreuzes, vor allem aber auch die Künstler, die schon im Frühjahr 1991 das erste Mal gemeinsam in Meißen eine Ausstellung auf die Beine stellten.

„Was andre für die DDR wollen, macht der Kreis schon“

Schlagzeile im Frühjahr 1990 über den ersten Besuch einer Meißener Delegation im Rems-Murr-Kreis.

Zwei Welten prallten aufeinander. Hier der reiche Westen, dort der arme Osten. Als die erste Rems-Murr-Kreistags-Delegation im März 1991 Meißen besuchte, war sie in den karg eingerichteten Gästezimmern der einstigen LPG Krögis untergebracht – und wurde noch am ersten Abend mit den Problemen konfrontiert, die die Menschen an der Elbe beschäftigten. „Die SED-Genossen haben unsere Gemeinde betrogen!“, hieß es auf einem Transparent. Demonstranten forderten unter den Augen der Delegation von Landrätin Renate Koch Gerechtigkeit, nachdem ein SED-Bonze die Wirren der Wendemonate dazu genutzt hatte, sich billig ein Haus unter den Nagel zu reißen.

„Partnerschaftsfeier, Proteste und Penunzen“, März 1991

Mit der offiziellen Partnerschaft mit Meißen hatte Lässing gewartet, bis eine demokratisch gewählte Kommunalvertretung im Amt war. Für die Rems-Murr-Kreisräte war vieles, was sie im März 1991 in und um Meißen herum sahen und erlebten, wirklich Neuland und manchmal ein schockierendes. Allem voran das heruntergekommene Krankenhaus. Doch kein Jahrzehnt später liefen den Rems-Murr’lern die Augen schier über, als sie 1998 die frisch eröffnete Elblandklinik in Meißen besichtigten – und mit Neid an ihre im Vergleich recht schäbigen drei Kreiskrankenhäuser zu Hause dachten.

,,Nicht so tun, als wären wir schon ein Volk: Rems-Murr-Delegation feierte im Partnerlandkreis Meißen fünf Jahre deutsche Einheit und fünf Jahre Kreispartnerschaft“, 1995

Das Verhältnis zwischen West und Ost war anfangs die des reichen Onkels zur armen Verwandtschaft. Der Kreisverwaltung in Meißen fehlte es nicht nur Geld, sondern vor allem auch an Know-how. Denn mit der Wiedervereinigung galten plötzlich völlig neue Regeln und Gesetze. So entstand der erste Meißener Haushalt maßgeblich in der Kämmerei des Landratsamtes Waiblingen, erinnert sich Lässing. Vor allem mit Personal hat der Rems-Murr-Kreis den Partnerkreis unterstützt. „Wir haben nie das Gefühl vermittelt, der reiche Onkel zu sein ..., obwohl es so war.“

„Wo die Rotoren längst rotieren: Windkraft ist im Partnerkreis Meißen längst Realität“, 1999

Lässing zeigt heute, 30 Jahre nach der Wiedereinigung durchaus Verständnis für die Gefühlslage im Osten. Es sei kein Wunder, dass sich viele dort als Verlierer fühlten, nachdem zahllose Betriebe abgewickelt, die Menschen aus ihren Berufen gedrängt und ihnen ein neues Rechtssystem übergestülpt wurde. Doch Lässing erinnert sich auch an den 1. Juli 1990, als die D-Mark Einzug hielt. Die Menschen wollten von da an nur noch Westwaren, tauschten ihren Trabi gegen Opels und VWs und trugen selbst zum Untergang der DDR-Industrie bei.

Das Partnerschafts- und Freundschaftsabkommen vom 21. September 1990 zwischen dem Landkreis Meißen und dem Rems-Murr-Kreis vor 30 Jahren war die erste Kreispartnerschaft, die zwischen einem Landkreis aus Sachsen und einem aus Baden-Württemberg geschlossen wurde, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes: „Und das wenige Tage vor der Deutschen Einheit.“ Aus anfänglicher Amtshilfe von West nach Ost wurde im Laufe der Zeit ein Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe. „Die beiden Landkreise verbinden nicht nur gute Weinanbaugebiete, sondern viele ähnliche kommunalpolitische Themen und Herausforderungen. Auch in der Not hilft man sich gegenseitig: So unterstützten Feuerwehr, DRK und Verwaltung aus dem Rems-Murr-Kreis die Partner in Meißen bei den Elbe-Hochwassern 2002 und 2013.“

78 Partner-Feuerwehrler in Meißen im Einsatz: Seit Samstagabend wie auch 18 Rems-Murr-DRKler im Katastrophengebiet“, 2002

„In diesem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr konnten wir unser Jubiläum leider nicht gemeinsam in Meißen feiern“, sagt Landrat Dr. Richard Sigel über eine Partnerschaft, die etwas aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden ist. Auch „die schöne Tradition des Azubi-Austausches“ habe 2020 nicht stattfinden können. „Dennoch ist es uns wichtig, diese langjährige Freundschaft zu würdigen und den Kontakt auch in der Pandemie zu halten“, so der Landrat nach einem Telefongespräch mit der stellvertretenden Meißner Landrätin Janet Putzweiter: „Auch wenn mit Blick auf 30 Jahre Deutsche Einheit in der Bundespolitik noch immer viel über das Trennende gesprochen wird: Hier an der kommunalen Basis leben wir das Verbindende. Der ehrliche und offene Austausch bringt uns dabei entscheidend weiter - weil wir viele Herausforderungen teilen.“

„Willkommenskultur hier, Fremdenangst dort: In den Landkreisen Rems-Murr und Meißen wird sehr unterschiedlich mit den Flüchtlingen umgegangen“, 2015

Und die stellvertretende Meißner Landrätin Janet Putz betont: „Wir sind dankbar für die personelle und technische Unterstützung, die der Landkreis Meißen Anfang der neunziger Jahre aus Baden-Württemberg erhalten hat, und die stets als Hilfe zur Selbsthilfe angeboten wurde“, heißt es in der Pressemitteilung: „Auch wenn mittlerweile in den Verwaltungen ein Generationenwechsel stattfindet, wird unsere Partnerschaft aufgrund der vielen persönlichen Verbindungen intensiv weitergelebt und der Dialog auf Fachebene vertieft. Er ist nach wie vor professionell und gegenseitig sehr befruchtend. Ich hoffe sehr, dass wir uns im kommenden Jahr wieder unmittelbar zu Gesprächen und gemeinsamen Aktivitäten treffen können.“

Für unsere Zeitung bot die Partnerschaft über die Jahre des Öfteren die Chance, Ost- West-Vergleiche anzustellen. So schauten wir 2015 sorgenvoll nach Meißen, nachdem es in Sachsen zahlreiche Ausschreitungen und Übergriffe gegen Asylbewerber gegeben hatte. Wir stellten fest: „Willkommenskultur hier, Fremdenangst dort.“ Und 2017 war der Schock groß, als die AfD bei der Bundestagswahl in Meißen 32,4 Prozent der Stimmen abräumte. Der Meißener Journalist Peter Anderson analysierte zwei Jahre später drei Gründe für den Höhenflug der AfD: Schiere Arroganz der regierenden CDU, praktische Fehler und Überforderung des Staates in Zeiten des Zustroms der Flüchtlinge: „Die, die früher die CDU gewählt haben, wählen jetzt AfD.“

Horst Lässing erinnert sich noch sehr gut an die Anfänge der Partnerschaft mit Meißen vor 30 Jahren. Im Januar 1990 hatte das Rote Kreuz Rems-Murr einen Konvoi nach Meißen geschickt, um das Meißener Krankenhaus wenige Monate nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes mit dringend benötigten Hilfsgütern zu versorgen. Es fehlte an allem, sagt Alt-Landrat Lässing, 83, wenn er heute sehr emotional an die Zeit der Wende denkt: Verbandsmaterial, chirurgische Instrumente, Betten, Wäsche

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