Rems-Murr-Kreis

Wie fühlt es sich an, ein Alpaka zu sein? Besuch in der Waldmühle Waiblingen

Tiergestützte Pädagogik
Sehen verschmust aus, wollen aber gar nicht dauernd schmusen: Alpakas sind Distanztiere. © ALEXANDRA PALMIZI

In der Waldmühle geht es um Beziehung und Begegnung. Und zwar über die Artengrenzen hinweg. „Biophilie“ ist ein Wort, das ich im Gespräch mit Joy Fehm, der Gründerin und Geschäftsführerin der Waiblinger Waldmühle, kennenlerne. Es meint „Die Liebe zum Lebendigen“. Und darum geht es hier. Bei den Erwachsenen sei die intuitive Nähe und Faszination gegenüber Tieren manchmal verschüttet, bei Kindern sei sie nahezu immer da, sagt Joy Fehm.

Die Waldmühle ist ein Begegnungsraum von Mensch und Tier. Auf der Seite der Tiere gibt es vier Alpakas, die Stars der Waldmühle, außerdem Minischweine, Ziegen, Schafe, Hühner, Tauben, ein Hund, Kaninchen und Pferde. Sie alle sind Persönlichkeiten, deren Bedürfnisse und Grenzen akzeptiert werden. Das ist ein wichtiger Teil des naturpädagogischen Konzepts.

Übersetzerin und Vermittlerin zwischen Tier und Mensch

Joy Fehm ist mit der Waldmühle eng verbunden. Ihr Urgroßvater hatte sie in den 30er Jahren gekauft. Immer gab es dort auch Tiere. Früh schon kam die Idee, hier mit Tieren pädagogisch zu arbeiten. Ihr Studienfach „Soziale Arbeit“ suchte sie gezielt danach aus. Eine Weiterbildung „Tiergestützte Arbeit“ vermittelte ihr den professionellen Hintergrund.

Joy Fehm sieht sich selbst als Übersetzerin und Vermittlerin zwischen Tier und Mensch. Zu ihrer Arbeit gehört auch die Ausbildung der Tiere.

Bei meinem Besuch ist es ruhig in der Waldmühle, doch gewöhnlich ist hier viel los. Man kann hier Kindergeburtstage feiern, Schüler/-innen und Kindergartenkinder kommen zu Besuch. Es gibt eine Ferienbetreuung, und regelmäßig geht es bei Alpaka-Wanderungen raus in die Streuobstwiesen des Remstals. Manche Kinder und Erwachsene besuchen die Waldmühle auch als Einzelfördermaßnahme, zum Beispiel bei einer depressiven Verstimmung.

Gleich nebenan ist das Kinderhaus Waldmühle, mit dem es eine enge Kooperation gibt. Jedes Kind besucht pro Woche an einem bestimmten Vormittag die Tiere. Gerade hat eine neue Mitarbeiterin in der Waldmühle angefangen. Fehm plant mit ihrer Unterstützung, das Angebot zu erweitern. Auch ein Tag der offenen Tür ist geplant.

Warum tiergestützte Pädagogik? Weil es Spaß macht und den Kindern guttut? Klar, aber es steckt noch viel mehr dahinter. Hier geht es um sozial-emotionale Themen. Einander achtsam begegnen, sich akzeptieren und Ängste überwinden. Selbstwirksamkeit erleben. Vertrauen spielt eine große Rolle, und zwar auf beiden Seiten. Die Tiere müssen sich wohl und sicher fühlen. „Das Pony“, sagt Joy Fehm, „sagt zum Beispiel sehr klar, ob es Nähe will oder nicht.“

Nebenbei geht es auch um Wissen. „Warum bellen Hunde eigentlich?“ Bei der Begegnung zwischen Mensch und Tier geht es auch um den Zugang zur eigenen Natur. So grundsätzlich anders sind wir ja gar nicht. Wenn mich ein Tier anschaut, dann begegnet mir da ein anderes Welt-Erleben. Etwas sieht mich aus einem anderen Innenraum an. Wie ist es, ein Alpaka oder ein Schwein zu sein?

Welch wunderbar weiche Wolle auf dem Kopf

Nach dem Gespräch mit Joy Fehm darf ich endlich die Tiere besuchen. Die vier Alpakas sind frisch geschoren. Nur auf dem Kopf haben sie noch ihre weiche Wolle, die aussieht wie eine puschelige Fellmütze. Ihre Wolle ist sehr fein, bei diesen Tieren wird sie als Füllmaterial für warme Bettwäsche verwendet. Oder sie wird mit Kindern zu Garn versponnen oder verfilzt.

Ich bin überrascht, wie klein die mit Kamelen verwandten Tiere sind. Freundlich und irgendwie erheiternd wirken sie auf mich. „Alpakas sind Distanztiere“, erklärt Joy Fehm eine unerwartete Besonderheit. Die Tiere zeigen, ob sie berührt werden wollen. Zwei der Tiere sind eher unkompliziert, bei den anderen beiden muss man sich die Nähe „ein wenig erarbeiten“.

Alpakas bringen Kinder besonders gut runter, weiß Joy Fehm aus Erfahrung. Sie wirken unmittelbar beruhigend. Das kann ich bestätigen. In Harmonie mit den Alpakas leben Schafe. Walliser Schwarznasenschafe, um genau zu sein. Die gewundenen Hörner sind beeindruckend. Und ihre fettige Wolle fühlt sich ganz anders an als bei den Alpakas. Die Tiere genießen die Streicheleinheiten sichtlich.

„Schweine sind ähnlich intelligent wie Hunde“

Auch die Minischweine scheinen zufrieden zu sein, jedenfalls deutet das ihr gemütlich herumwedelnder Schwanz an. Was für ein Unterschied zu den Schweinen in der Massentierhaltung. „Schweine sind ähnlich intelligent wie Hunde“, sagt Joy Fehm.

Sonderbar, wie grundlegend unterschiedliche Maßstäbe wir an Tiere anlegen. Die einen werden gehätschelt, die anderen sehen wir als Bioapparate zur Fleischerzeugung.

Die Waldmühle kann sicher auch dazu beitragen, einen allgemeinen Respekt vor der Natur zu vermitteln. Hier wirken alle Tiere entspannt. Auch die schönen Bielefelder Kennhühner. Sie schlendern über das Gelände und scheinen ganz in sich zu ruhen.

Man könnte fast meinen, dass sie sich wie bei Pettersson und Findus zum Kaffee verabredet haben.

In der Waldmühle geht es um Beziehung und Begegnung. Und zwar über die Artengrenzen hinweg. „Biophilie“ ist ein Wort, das ich im Gespräch mit Joy Fehm, der Gründerin und Geschäftsführerin der Waiblinger Waldmühle, kennenlerne. Es meint „Die Liebe zum Lebendigen“. Und darum geht es hier. Bei den Erwachsenen sei die intuitive Nähe und Faszination gegenüber Tieren manchmal verschüttet, bei Kindern sei sie nahezu immer da, sagt Joy Fehm.

Die Waldmühle ist ein Begegnungsraum von Mensch und

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