Rems-Murr-Kreis

Wie streng halten sich die coronainfizierten Bürger im Rems-Murr-Kreis an ihre Quarantäne?

Quarantäne-Kontrolle
Mit Schoko-Nikoläusen und Wimmelbüchern für die Kinder versüßte Gerd Holzwarth den Alfdorfer Corona-Infizierten die Quarantäne. © Gabriel Habermann

Fast 1100 Rems-Murr-Bürger sind derzeit mit Corona infiziert – und stehen unter strikter Quarantäne. Mit den Infizierten sind schätzungsweise weitere 4000-5000 Kontaktpersonen in ihre Wohnungen verbannt. Aber halten sich die Leute an die Vorschriften? Die anhaltend hohen Infektionsraten lassen anderes vermuten.

„Guten Tag, Holzwarth vom Landratsamt“, begrüßt Gerd Holzwarth in Alfdorf die Bewohner an der Haustür. „Ich kontrolliere die Quarantäne. Ist Ihre Frau zu Hause?“ Die Reaktionen auf den Besuch sind freundlich; sie zeigen allenfalls Überraschung über die Tatsache, dass die Quarantäne überhaupt überprüft wird.

Schnell und unkompliziert kommt Holzwarth mit den Leuten ins Gespräch. Die Antworten auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ offenbaren dann aber die ganze Tragweite der Seuche, die den Rems-Murr-Kreis erfasst hat und zu einem Corona-Hotspot im Land machen. „Mir geht’s so weit gut“, sagt eine ältere Dame zwischen Tür und Angel. Haus und Garten sind weihnachtlich geschmückt. „Aber meinem Mann ...“ Er liege im Krankenhaus, erzählt sie. Es gehe ihm nicht gut ... Auch der Sohn sei mit Corona infiziert. „Frohe Weihnachten“, wie das Schild den Besuchern im Vorgarten wünscht, sehen in dieser Familie in diesem Jahr wohl etwas anders aus.

Schwerpunktkontrollen in ganz Baden-Württemberg

Seit Frühjahr haben sich mehr als 7800 Bürger zwischen Rems und Murr mit Corona angesteckt. 130 sind inzwischen an oder mit einer Covid-19-Infektion bereits gestorben. Täglich stecken sich 200 Menschen an. 14 Menschen ringen auf den Intensivstationen der Rems-Murr-Kliniken um ihr Leben. Der Kreis steht an der Schwelle zum Hotspot-Gebiet, was weitere Einschränkungen bis hin zu Ausgangssperren bedeutet. Das Innenministerium hat in dieser Woche zu Corona-Schwerpunktkontrollen aufgerufen. Das Landratsamt bot kleinen Gemeinden, die keine eigenen oder zu wenige Vollzugsbediensteten haben, Amtshilfe an.

Der Alfdorfer Bürgermeister Ronald Krötz griff gern zu, zumal das Rathaus bereits mit vielen Aufgaben ausgelastet sei, die Corona mit sich bringt. Städten und Gemeinden obliegt die Pflicht, bei Infizierten eine Quarantäne anzuordnen, Kontaktpersonen zu ermitteln und diese ebenfalls in Isolation zu schicken. Mit 86 Coronainfizierten seit dem Frühjahr ist Alfdorf beileibe kein Hotspot. Aber die kleine Gemeinde kam in die Schlagzeilen, weil der „Seehof“ am Leinecksee sich zu einem Anlaufpunkt der Coronaleugner entwickelte.

Auf der Liste von Gerd Holzwarth standen am Mittwoch fünf Haushalte mit zehn Personen, die unter Quarantäne zu stehen haben. Mit einen Schokoladen-Nikolaus versüßte Holzwarth den Besuchten die Kontrolle. Für die Kinder holte der etwas verspätete Nikolaus ein Wimmelbuch über den Schwäbischen Wald aus seinem Sack. In Alfdorf hat der Quarantänekontrolleur (fast) alle Alfdorfer, die zu Hause sein mussten, auch dort angetroffen. Bis auf eine junge Frau, die es vorzog, ihre zehntägige Quarantäne als Kontaktperson mit ihrem infizierten Freund im Remstal zu verbringen, erzählte sie Holzwarth bei einem telefonischen Rückruf. Sie wolle nicht ihre Familie anstecken. Formal ein Verstoß gegen die Quarantänevorschrift – aber für Gerd Holzwarth ein durchaus nachvollziehbarer.

Das Landratsamt leistet in kleinen Gemeinden Amtshilfe

Holzwarth ist von Haus aus kein Quarantäne-Kontrolleur. Er ist gelernter Vermessungsingenieur und seit 2019 im Landratsamt Dezernent für die Bereiche Forst, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Vermessung. Derzeit helfen seine zwölf Lebensmittelkontrolleure bei Corona aus, da während des Teil-Lockdowns beispielsweise Gaststätten geschlossen sind und etwas weniger Arbeit anfällt. Zwölf Gemeinden hat das Landratsamt Amtshilfe angeboten, fünf Gemeinden nahmen sie an.

Während Holzwarth mit der Presse im Schlepptau Alfdorf abklapperte, waren zwei seiner Kontrolleure in Aspach, Burgstetten, Auenwald und Allmersbach im Tal unterwegs und kontrollierten dort rund 90 Personen. Sechs Personen waren jedoch nicht zu Hause oder telefonisch erreichbar, weshalb ihnen am Donnerstag ein weiterer Besuch durch ihr örtliches Ordnungsamt ins Haus steht. Dies kann mehrere Hundert Euro teuer werden.

„Es gibt immer noch viel zu viele Leute, die Corona ignorieren!“

In einem Alfdorfer Neubaugebiet öffnet ein Mittvierziger die Tür. Er, seine Frau und seine beiden kleinen Kinder stehen unter Quarantäne. Gesundheitlich gehe es ihnen so weit gut, sagt er lächelnd. Er habe sich vermutlich bei einem Gedenkgottesdienst angesteckt, erzählt der Mann und ärgert sich, sich überhaupt auf den Besuch eingelassen zu haben. In der Kirche sei brav auf Abstand geachtet worden; im Anschluss ging’s eng zu. Zu eng. Für Corona-Leugner habe er kein Verständnis und habe es nie gehabt. „Es gibt immer noch viel zu viele Leute, die Corona ignorieren!“ Nun warnt er auch aus eigener Erfahrung vor Nachlässigkeiten.

Zuständig für die Anordnung der Quarantänen und deren Überwachung sind die Städte und Gemeinden. Das Landratsamt unterstützt die Kommunen dabei. Die Rathäuser sind aber längst an der Grenze der Belastbarkeit oder schon darüber hinaus. Vor-Ort-Kontrollen seien deshalb kaum möglich, schreibt beispielsweise die Stadt Schorndorf auf unsere Anfrage: „Aufgrund des hohen personellen und zeitlichen Aufwands erfolgen Kontrollen der Einhaltung der Quarantäne in der Regel stichprobenartig und überwiegend telefonisch.“ Im Rahmen der landesweiten Aktion legte Schorndorf den Schwerpunkt auf die Infizierten. Bisher seien rund 60 Personen überprüft worden. Zwei von ihnen wurden nicht angetroffen.

„Nur sehr selten ist eine mündliche Ermahnung vonnöten“

Auch in Weinstadt wird kontrolliert: Und zwar „unregelmäßig und stichprobenhaft sowohl telefonisch, als auch in Form eines Besuchs des Gemeindevollzugsdienstes.“ Die Stadt hat durchaus positive Erfahrungen bei der Quarantäne gemacht. Die Menschen hielten sich zum größten Teil sehr genau an die Quarantäneverordnungen. „Nur sehr selten ist eine mündliche Erklärung beziehungsweise Ermahnung vonnöten.“

Waiblingen schickte bei der Schwerpunktaktion drei Teams des Ordnungsdienstes los. Ergebnisse gibt es noch keine. In der Vergangenheit kontrollierte die Stadt eher nebenbei die Quarantäne. Primär geht es bei den Telefonaten darum, sich nach dem gesundheitlichen Zustand zu erkundigen. Bei fünf Personen waren aber Quarantäneverstöße nicht auszuschließen.

Wie gedankenlos manche Bürger mit Corona umgehen, zeigt der Fall, an den sich Bürgermeister Krötz erinnert. Nachdem ein Alfdorfer Corona-Symptome verspürte, ging er zum Arzt und ließ sich testen. Statt das Ergebnis abzuwarten, war er übers Wochenende jedoch fröhlich unterwegs und mit Freunden essen. Am Montag kam der positive Befund. Die Liste der Kontaktpersonen war entsprechend lang.

Fast 1100 Rems-Murr-Bürger sind derzeit mit Corona infiziert – und stehen unter strikter Quarantäne. Mit den Infizierten sind schätzungsweise weitere 4000-5000 Kontaktpersonen in ihre Wohnungen verbannt. Aber halten sich die Leute an die Vorschriften? Die anhaltend hohen Infektionsraten lassen anderes vermuten.

„Guten Tag, Holzwarth vom Landratsamt“, begrüßt Gerd Holzwarth in Alfdorf die Bewohner an der Haustür. „Ich kontrolliere die Quarantäne. Ist Ihre Frau zu Hause?“ Die Reaktionen

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