Rems-Murr-Kreis

Winnendens pfiffigste Baustelle: Wie an der Klinik im Blitztempo die Infektionsstation gegen Corona & Co entsteht

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Infektionsstatio
Der Weg zur Winnender Infektionsstation: Die Module stehen sauber gestapelt bei der Klinik, nachdem ... © Benjamin Büttner
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Cadolto
... sie per Kran in Winnenden abgeladen worden sind. Zuvor ... © Cadolto Modulbau GmbH
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Cadolto
... waren sie vom Betriebshof der Firma Cadolto im Fränkischen auf die Reise geschickt worden. Zunächst aber ... © Cadolto Modulbau GmbH
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Cadolto
... waren sie in der Cadolto-Werkshalle gefertigt und vorbereitet worden. © Cadolto Modulbau GmbH

Falls jemand dieser Tage nachts draußen war – aus „triftigen Gründen“ – könnten ihm die gewaltigen, von Polizeistreifen begleiteten Schwertransport-Konvois aufgefallen sein, die aus dem Raum Nürnberg in den Rems-Murr-Kreis gerollt sind. Sie belieferten eine Baustelle der Superlative im Kampf gegen Corona: die neue Infektionsstation am Klinikum Winnenden. Die Zahlen und technischen Details zum Projekt sind staunenswert.

32 Transportfahrzeuge insgesamt, acht Nächte lang: Sie kamen aus Cadolzburg im Landkreis Fürth. Dort hat die Cadolto Modulbau GmbH ihren Sitz. Sie errichtet an der Winnender Klinik einen Interimsbau – er soll voraussichtlich fünf Jahre lang genutzt werden, zunächst als Infektionsstation speziell für Corona-Patienten. Der isolierte Bereich soll komplett entkoppelt sein vom regulären Klinikbetrieb. Da das Gebäude auch in der Zeit nach der Covid-19-Pandemie verfügbar bleibt, läuft das letztlich auf eine Art Klinikerweiterung hinaus.

Entstehen werden zwei Etagen mit jeweils etwa 2000 Quadratmetern Fläche – 36 Zweibettzimmer, Platz also für maximal 72 Patienten. Kosten: etwa sechs Millionen Euro. Im November begannen die Arbeiten auf der Baustelle, die Klinikleitung hofft, dass der Trakt bereits im Februar bezugsfertig ist. Wie geht das so schnell?

Die Antwort in Kürze: Modul-Bauweise. Die längere Variante geht folgendermaßen  ...

Von Elefanten und Boliden: Modulbau im großen Stil

„Wir fertigen unsere Raummodule und Raumzellen industriell im Werk“, teilt das Unternehmen aus dem Fränkischen mit – „witterungsunabhängig und unter ständiger Qualitätskontrolle, mit einem Vorfertigungsgrad von bis zu 90 Prozent und hoher Planungssicherheit.“

Sprich: Während an der Klinik die Tiefbau- und Fundamentierungsarbeiten liefen, wurden in Cadolzburg bereits die Module vorbereitet, die dann zur Endmontage nach Winnenden kamen, wo aktuell rund zehn Leute damit beschäftigt sind, sie zusammenzufügen.

Besonderer Dreh: Die Module für die Interims-Bettenstation wurden teilweise von Provisoriumsgebäuden, die Cadolto andernorts hochgezogen hatte, wieder abgebaut, in der Werkshalle der Firma umgerüstet für den neuen Einsatzort, um nun in Winnenden wiederverwendet zu werden.

Auf der Firmen-Homepage heißt es dazu: „Während 70 Prozent der über 750 von Cadolto errichteten Gebäude heute noch an ihrem ersten Standort stehen, werden 30 Prozent an anderer Stelle erneut genutzt. Module haben einen sehr langen, nahezu unbegrenzten Lebenszyklus, und nur sehr selten wird etwas verschrottet – dann lassen sich allerdings sämtliche Baustoffe wiederverwenden. Aufgrund der integrierten Planung gibt es kaum Materialverschnitt.“ Das senkt die Kosten für den Bauherrn.

Die Winnender Infektionsstation wird aus 30 Modulen zusammengefügt, erklärt Laura Tyrach aus der Marketingabteilung bei Cadolto – die kleinsten sind mehr als fünf Meter lang, rund 4 Meter breit und fast vier Meter hoch, die größten mehr als 17 Meter lang; das leichteste wiegt zehn, das schwerste fast 40 Tonnen.

Jeder einzelne der 32 Transporter, die nach Winnenden rollten, brachte – Fahrzeug- und Ladegewicht zusammengezählt – 50 bis 65 Tonnen auf die Waage. Durch den Rems-Murr-Kreis sind also wohl fast 1800 Tonnen gerollt. Das entspricht einer Herde von 350 afrikanischen Elefanten, einem Konvoi von mehr als 2300 Formel-I-Boliden oder rund 24 000 Menschen; dem kompletten Publikum eines Bundesligaspiels im ausverkauften Freiburger Stadion.

Cadolto ist auf solche Projekte spezialisiert. Erst jüngst im November hat das Unternehmen neue Covid-19-Intensivstationen am Universitätsklinikum Düsseldorf schlüsselfertig übergeben. Aktuell in Arbeit: ein Anbau an der Universitätsmedizin Göttingen. Vom Klinikum Fürth bis zum Kaiser-Franz-Josef-Spital Wien – überall trifft man auf Cadolto-Module.

Von Berlin bis Paris: Modulbau in der Klinikbranche

Noch spektakulärer: 2019 stand, nach einem Jahr Bauzeit, an Europas größter Universitätsklinik, der legendären Charité in Berlin, ein Modulbau mit rund 9000 Quadratmetern Nutzfläche und 360 Betten. Weil der Bettenturm des Klinikums saniert werden muss, der Betrieb derweil aber ohne Einschränkungen weiterlaufen soll, entstand dieses viergeschossige Interimsgebäude aus 158 Modulen; es wird drei bis vier Jahre im Einsatz sein. Ein Tunnel verbindet die OP-Säle im Altbau mit dem Modulbau auf der anderen Straßenseite.

Vollends zum Staunen ist das Centre Hospitalier d’Argenteuil in Paris. Auf ein in konventioneller Bauweise errichtetes Erdgeschoss nebst Keller packte Cadolto mit insgesamt 330 Raummodulen drei Etagen. Gesamtfläche: 13 000 Quadratmeter, so viel wie zwei Fußballfelder. Fertig war die Modul-Aufstockung innerhalb eines Jahres und kostete 25 Millionen Euro. Angesichts dieser recht niedrigen Summe fragt man sich, ob die Winnender Klinik vielleicht für deutlich weniger als 300 Millionen Euro hätte errichtet werden können, wenn modulare Anteile integriert worden wären.

Die Firma nimmt für sich in Anspruch: „Cadolto kann im Durchschnitt die Zeit vom Auftragseingang bis zur Schlüsselübergabe gegenüber konventionellen Bauweisen in der Regel mehr als halbieren.“ Auf der Baustelle selber gebe es weniger Lärm und Staub – und die einige Nächte rollenden Transportkonvois sind zwar mächtig; danach aber gibt es kaum noch Baustellenverkehr. Das bringe eine „deutliche Reduzierung bei den Emissionen“.

Falls jemand dieser Tage nachts draußen war – aus „triftigen Gründen“ – könnten ihm die gewaltigen, von Polizeistreifen begleiteten Schwertransport-Konvois aufgefallen sein, die aus dem Raum Nürnberg in den Rems-Murr-Kreis gerollt sind. Sie belieferten eine Baustelle der Superlative im Kampf gegen Corona: die neue Infektionsstation am Klinikum Winnenden. Die Zahlen und technischen Details zum Projekt sind staunenswert.

32 Transportfahrzeuge insgesamt, acht Nächte lang: Sie kamen aus

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