Rems-Murr-Kreis

Winnender, Berglener und Rudersberger bitten um Hilfe zur Rettung von Straßenhunden, die sonst jämmerlich krepieren könnten

„Tierhilfe Hoffnung – Hilfe für Tiere in Not e.V.“: v.l. Gerlinde Müller, Maximilian Friedrich mit Hündin Keyla ,Beate Iris Müll
Alle eint die Tierliebe und das Verantwortungsgefühl für rumänische Straßenhunde (von links): Gerlinde Müller, Maximilian Friedrich mit Hündin Kayla, Beate Iris Müller, Doreen Herter, Gerlinde Klumpp-Braun, Daniel Petschenig mit Hündin Hannah und Edith Heilenmann. © Benjamin Beytekin

Neugierig, aber auch etwas ängstlich schaut Mischlingshündin Hannah mit ihren braunen Augen unter der Sitzbank zwischen den Beinen ihrer Besitzer hervor. „Sie ist bei Fremden immer noch vorsichtig, aber mittlerweile hat sie wieder Vertrauen zu Menschen gefasst“, sagt Daniel Petschenig und krault Hannah den Kopf. Hannah wagt sich nun hervor. Ihre Vorderläufe sind ein wenig nach außen deformiert, das Fell schwarz, die Pfoten weiß, was die Putzigkeit noch verstärkt.

Die großen Ohren gespitzt, schaut Hannah hinauf zu Petschenig und seiner Lebensgefährtin Edith Heilenmann. „Vielleicht ist ja eine Fledermaus mit drin“, scherzt Petschenig über die Ohren der Mischlingshündin und tätschelt erneut ihren Kopf. Das Paar aus Hößlinswart hat Hannah vor zwei Jahren aus einem Tierheim zu sich genommen. „Sie ist ein rumänischer Straßenhund. Sie war anfangs schon merklich traumatisiert. Wir hatten vorher einen aus Spanien, der ist aber altersbedingt gestorben. Hannah erinnerte uns an ihn, auch wenn sie ganz anders ist“, sagt Edith Heilenmann. „Es hat gefunkt zwischen uns und Hannah, als wir sie im Tierheim gesehen haben“, so Petschenig.

Hannah wurde vom Förderverein Tierhilfe Hoffnung – Hilfe für Tiere in Not e. V. nach Deutschland gebracht. Hund, Herrchen und Frauchen sind für ein Pressegespräch auf Gerlinde Müllers Terrasse in Birkmannsweiler zusammengekommen, rund um deren Tochter Beate Iris Müller. Diese engagiert sich in dem Förderverein, der in Rumänien das weltgrößte Tierheim Smeura in Pitesti betreibt und Tiere in ein neues Zuhause auch nach Deutschland vermittelt.

Moralische Unterstützung bringt an diesem noch warmen Herbsttag zudem der Berglener Bürgermeister Maximilian Friedrich mit. Dabei hat er die rumänische Straßenhündin Kayla, wahrscheinlich ein Berner-Sennenhund-Mischling, den er und seine Familie vor zwei, drei Jahren aufgenommen haben. „Es ist sehr, sehr schade, dass Tierschutz bei der großen Politik so selten Thema ist. In Berglen habe ich mich dafür eingesetzt, dass wir als erste Kommune in Baden-Württemberg eine Katzenschutzverordnung erlassen haben“, sagt Friedrich. „Der Tierschutz hängt sehr viel am Ehrenamt. Jeder kann seinen Beitrag leisten.“

So wie Doreen Härter (15) aus dem Winnender Schelmenholz. Sie hilft seit zwei Jahren im Förderverein Tierhilfe Hoffnung mit: „Ich bin mit Hunden aufgewachsen und fasziniert von den Tieren und habe selbst zwei kleine Hunde. Es ist so schön, sie als Partner der Menschen zu haben. Beate habe ich im Tierschutzverein Winnenden kennengelernt und helfe, wo ich kann, zum Beispiel bei Futter-Spendenaktionen.“

„Qualvoll getötet, ertränkt, vergiftet und in Massengräbern verscharrt“

Dass es in Rumänien so viele Straßenhunde gibt, hat historische Gründe, erläutert Beate Iris Müller. „In den 80er Jahren, zur Zeit von Nicolae Ceauşescu, wurden die kleinen Häuser abgerissen und die Leute in Wohnblocks umgesiedelt. Ihre Hunde durften sie nicht mitnehmen, so landeten diese auf der Straße und vermehrten sich exponentiell.“ Da die Lage der rumänischen Straßenhunde immer prekärer wurde und die Behörden und auch ein Teil der Bevölkerung mit Unverständnis und Brutalität reagiert habe, wurden Tierschützer auf das Leid der Tiere aufmerksam. So entstand zur Jahrtausendwende der Förderverein Tierhilfe Hoffnung in Dettenhausen bei Tübingen.

Beate Iris Müller engagiert sich seit langem für den Verein und das von diesem 2005 im rumänischen Pitesti gegründete, laut Guinnessbuch der Rekorde „größte Tierheim der Welt“ namens Smeura. Pitesti hat rund 200 000 Einwohner und liegt circa 120 Kilometer von Bukarest entfernt.

„Auf dem Gelände der Smeura war früher eine Fuchsfarm zur Pelzherstellung. Diese wurde 1989 geschlossen, und der Bürgermeister von Pitesti nutzte das Gelände, um Straßenhunden systematisch den Garaus zu machen. Sie wurden qualvoll getötet – ertränkt, vergiftet und in Massengräbern verscharrt. 2005 konnte der Verein Tierhilfe Hoffnung das Gelände erwerben und das Tierheim aufbauen“, sagt Beate Iris Müller.

In der Smeura bekommen die Hunde Sicherheit, Pflege und ärztliche Versorgung. Zudem werden die Rüden kastriert. 71 Tierpfleger und sieben Tierärzte arbeiten in der Smeura. Insgesamt seien bis dato bereits 175 000 Kastrationen vorgenommen worden, vor allem bei Rüden, aber auch bei Katern. Denn die Smeura beherbergt neben 5500 Hunden und 550 Welpen auch 220 Katzen, elf Hühner und zwei Gänse, so Müller schmunzelnd.

Allein in der Stadt Pitesti konnte durch das Einfangen, Kastrieren und Wiederfreilassen – abgesichert durch eingerichtete Futterstellen – innerhalb von 13 Jahren bis 2013 der Bestand der Straßenhunde von über 33 000 freilebenden Tieren auf nachweislich 4000 kastrierte Hunde in der Stadt reduziert werden. Viele Hunde konnten über 120 Partner-Tierheime weitervermittelt werden nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich und an tierliebende Besitzer, sagt Beate Iris Müller. „Seit 2000 sind rund 38 000 Hunde in unsere Partner-Tierheime gebracht worden.“

Seit 2013 habe sich die Situation der Straßenhunde in Rumänien aber erneut verschlechtert. Die Verabschiedung eines Straßenhunde-Tötungsgesetzes im September 2013 warf die bis dahin mühsam aufgebaute Tierschutzarbeit um Jahre zurück. Das Gesetz wurde wider besseren Wissens durchgepeitscht. Es wurde mit dem Tod eines vierjährigen Jungen in Bukarest begründet, der von Straßenhunden angegriffen und tödlich verletzt worden sei. „Die Wahrheit ist aber, dass es Wachhunde und keine Straßenhunde waren“, sagt Beate Iris Müller. Der Junge sei unter einen Zaun hindurch auf ein Firmengelände gekrochen, das von Hunden bewacht wurde.

Da war das Gerücht von den blutrünstigen Straßenhunden aber schon in der Welt und die Bevölkerung aufgehetzt. „60 Prozent der rumänischen Bevölkerung sind gegen unsere Arbeit“, sagt Müller. Da das Gesetz den jeweiligen Städten und Gemeinden erlaubt, freilebende Tiere einfangen zu lassen und sie tierschutzwidrig in städtischen Tierheimen („das sind Tötungsstationen“) einzupferchen und – sofern sie nach 14 Tagen nicht adoptiert werden – umzubringen. Die Tötungen würden brutal vollzogen: durch Erschlagen, Injizieren von Frostschutzmitteln oder durch Stromschläge. Horrende Summen von Fang-, Beherbergungs- und Tötungspauschalen flössen „in die Taschen der städtischen, korrupten Betreiber“ der Tötungsstationen.

EU-Gelder für tierschutzwidrige brutale Tötungen von Hunden?

Der Verein Tierhilfe Hoffnung engagiert sich seither auch politisch mit Hilfe des Deutschen Tierschutzbundes und den Politikerinnen Annette Kramme und Ute Vogt. Von der Smeura fahren Hunde-Kastrations-Mobile durchs Land, die die Bevölkerung über das Leid der Hunde und die Wichtigkeit von Kastrationen aufklären und ihre Hilfe anbieten. Aber seit dem Tötungsgesetz von 2013 stehe das Wiederfreilassen kastrierter Hunde unter Strafe. „Deshalb beherbergen wir alle Tiere in unserer Smeura, um nicht Zeuge von Mord und Totschlag in rumänischen Tötungsstationen zu werden“, sagt Müller. Sie findet es empörend, dass offenbar für diese tierschutzwidrigen Tötungsstationen EU-Gelder nach Rumänien fließen. Nach Recherchen des Vereins über 72 Euro pro Hund. „Von der EU-Politik werden wir und die Hunde bis zum heutigen Tage im Stich gelassen.“

Neugierig, aber auch etwas ängstlich schaut Mischlingshündin Hannah mit ihren braunen Augen unter der Sitzbank zwischen den Beinen ihrer Besitzer hervor. „Sie ist bei Fremden immer noch vorsichtig, aber mittlerweile hat sie wieder Vertrauen zu Menschen gefasst“, sagt Daniel Petschenig und krault Hannah den Kopf. Hannah wagt sich nun hervor. Ihre Vorderläufe sind ein wenig nach außen deformiert, das Fell schwarz, die Pfoten weiß, was die Putzigkeit noch verstärkt.

Die großen Ohren

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