Rems-Murr-Kreis

"Wir sind die Neuen": Wie Corona den Berufseinstieg erschwert

Einstieg ins Berufsleben zu Corona-Zeiten
Der Einstieg ins Berufsleben und auch noch zu Corona-Zeiten, ist für Franziska Göttlicher (links) und Sophie Smakici (rechts) nicht immer einfach gewesen. © Franziska Göttlicher/Sophie Smakici

Als Berufseinsteiger stellt man sich Unmengen an Fragen: Ist das der richtige Job für mich, bin ich überhaupt gut genug? Werde ich mich mit meinen Kollegen verstehen? Wen darf ich duzen, wen muss ich siezen? Der Weg ins Berufsleben ist für viele der erste große Schritt in Richtung Erwachsenwerden. Seine alten Brücken abbauen und einen neuen, hoffentlich auch richtigen Weg einschlagen. Oft breitet sich dabei ein Gefühl von Unsicherheit aus – durch Corona wird das Ganze nicht leichter.

Mit dieser Geschichte starten wir eine kleine Serie: Wie haben wir von der sogenannten Generation Y und Generation Z, der Generation Corona (Durch)Starter, die heutigen Twens, die jungen Menschen zwischen 18 und 27 die Pandemie erlebt? Sind wir das ein oder andere mal nicht alle völlig lost (deutsch: verloren) gewesen? Und was muss jetzt passieren, damit wir mit den Folgen fertigwerden? Wir wollen mit möglichst vielen Gleichaltrigen ins Gespräch kommen und ihren Anliegen Gehör verschaffen. Aber den Start machen wir selbst: Wie es uns - Franziska Göttlicher, 24 Jahre und Sophie Smakici, 27 Jahre, Volontärinnen beim Zeitungsverlag Waiblingen - ergangen ist ...

Zukunftspläne junger Leute wurden über den Haufen geworfen durch Corona. Als ob das nicht genügen würde, nimmt vieles im Moment auch noch einen faden Beigeschmack an. Bestimmte Dinge lassen sich eben doch nur einmal erleben, in einem bestimmten Alter. Aufgrund der momentanen Lage aber ist das in vielen Bereichen nicht möglich. Reisen nach dem Abi. Das Leben als frischgebackener Student. In eine andere Stadt ziehen und neue Leute kennenlernen. Oder aber: den ersten richtigen Job richtig antreten. Corona hat uns allen viel abverlangt.

Der Beginn von etwas Neuem – mit Corona

Mitten im zweiten Lockdown haben wir, Sophie und Franzi, unser Volontariat beim Zeitungsverlag Waiblingen gestartet. Zunächst einmal total euphorisch, haben auch wir gemerkt, dass uns Corona nicht nur im Alltag, sondern auch im Arbeitsleben in verschiedenen Situationen einen Strich durch die Rechnung macht.

Sophie Smakici: Ich habe mich gefreut – nein, ich habe tatsächlich gejubelt – als ich meine Chance bekommen habe, mich zu beweisen. Voller Vorfreude und ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, wie das während Corona ablaufen soll, kam ich in die Redaktion. Und dann, der kleine Schock: Maskenpflicht, ein fast leeres Haus und 1,5 Meter Abstand zu jedem halten. Nach nur ein paar wenigen Tagen Redaktionsluft schnuppern hieß es für mich und meine Mit-Volontärin: „Ab ins Homeoffice mit euch!“

Franziska Göttlicher: Mit dem Einstieg ins Berufsleben hat sich bei mir das Gefühl eingestellt, so richtig erwachsen zu sein – Studentenleben ade. Jetzt beginnt der Ernst des Lebens, dachte ich mir, verband damit aber nichts Negatives. Journalistin zu sein, war schon lange mein Traumberuf. Trotzdem haben sich Zuversicht und Zweifel, je nach Stimmungslage, abgewechselt. Als Berufseinsteiger wünscht man sich einmal mehr, seinen eigenen Erwartungen und denen der anderen gerecht zu werden. Und dann kam auch noch die Frage hinzu, was mich während Corona erwartet und wie ich es schaffe, mich im Homeoffice zu motivieren.

Einstieg ins Berufsleben zu Corona-Zeiten
Manchmal fällt einem schier die Decke auf den Kopf und manchmal arbeitet man fast liegend. © Franziska Göttlicher/Sophie Smakici

Eine gute Kommunikation ist das A & O

Die meiste Zeit unter der Woche verbringt man unter normalen Umständen mit seinen Kollegen, doch das blieb uns bis auf Weiteres verwehrt. Bis heute ist für uns schwer vorstellbar, wie das Redaktionsleben ohne Corona überhaupt aussieht. Es fehlen die alltäglichen Kleinigkeiten: Gespräche zwischen Tür und Angel, der Austausch in der Mittagspause, ein kurzes „Schwätzchen“ zwischendrin.

Ohne zu wissen, wie der Redaktionsalltag abläuft, richteten wir uns zu Hause unser „Büro“ ein. Die Angst, den frisch angetretenen Job nicht richtig machen zu können, war groß. Schließlich war niemand da, der einem mal kurz über die Schulter schauen konnte oder einem mit ein paar wenigen Handgriffen zeigte, wie etwas gemacht werden musste. Als Berufseinsteiger und neu im Team, fehlt die gewisse Routine im Arbeitsalltag. Diese haben wir nun zum Teil erlangen können, aber unter deutlich anderen Umständen als üblich.

Während unseren ersten paar Wochen im Homeoffice haben wir mit unseren neuen Kollegen in Zweierteams zusammengearbeitet – wir waren somit nicht komplett auf uns allein gestellt. Regelmäßige Telefonate und Videoanrufe ließen einen da zwischenzeitlich sogar fast vergessen, dass man eigentlich isoliert in einem Raum vor sich hin werkelte. Einige Kollegen haben wir bis heute ausschließlich hinter den Bildschirmen kennengelernt. Das erste persönliche Zusammentreffen wird hoffentlich keine seltsame Mischung aus Befremdlichkeit und Freude.

Erst vor Ort, dann doch wieder daheim

Einmal im Monat findet seit Ende März ein „Volo-Jour-Fixe“ statt: ein Meeting zwischen allen Volontären und der Chefredaktion. Was zu Beginn ein Präsenz-Meeting war, ist heute nur noch eine Online-Konferenz. Hat man sich noch vor einigen Wochen darüber gefreut, ins Büro kommen zu dürfen, starrt man an diesen Tagen nur noch länger auf zum Teil schwarze Bildschirme.

Franziska Göttlicher: Man hat sich fast wie ein Schulkind, das auf Klassenausflug darf, gefühlt. Mit dem Zug fahren, früher aufstehen und später nach Hause kommen – alles Dinge, die man sonst eher als lästig empfindet, habe ich gerne in Kauf genommen. Zu Hause ist man schließlich gerade oft genug.

Sophie Smakici: Ich habe mich bereits Tage im Voraus gefreut, endlich unter fast normalen Umständen das Haus verlassen zu können. Diese leichte Nervosität, die sich einschlich: Erwischt man den Bus noch? Fällt die ausgesuchte Verbindung womöglich durch eine Signalstörung ins Wasser? Die kleinen Dinge, denen normalerweise wenig Beachtung geschenkt wird, gaben mir ein Gefühl von Normalität.

Ablenkungen wohin das Auge sieht

Während es in der Redaktion wenige bis gar keine Ablenkungen gibt, ist es Zuhause nicht immer einfach, den Fokus zu behalten: Die Familie um einen herum, die Bauarbeiten des Nachbarn, das eigene Handy und die schlichte Tatsache, dass man in den eigenen vier Wänden ist. Außerdem muss man sich mit Dingen wie einem schlecht funktionierenden Mikrofon, einer nicht immer stabilen Internetverbindung und Mitbewohnern, die ungefragt ins Zimmer platzen, herumschlagen.

Bereits zu Beginn unseres Volontariats hatten wir unser Einführungsseminar in der Kunst des journalistischen Arbeitens. Statt, wie normal üblich, eine Präsenzveranstaltung in Filderstadt, erwartete uns auch hier ein Online-Seminar über „Zoom“. Zwei Wochen am Stück, sieben Stunden am Tag.

Weder die Teilnehmer noch die Referenten konnten wir persönlich kennenlernen. Es ist tatsächlich nicht gerade einfach, ein Gespräch mit lauter Fremden über die Webcam zu starten. Bei den ersten Gruppenarbeiten verfolgte uns stets peinliche und unangenehme Stille. Spätestens jetzt hatte sich bei uns das Gefühl eingeschlichen, durch Corona etwas zu verpassen.

Sophie Smakici: Zu Hause rede ich, wenn es schlecht läuft, während der Arbeitszeit so gut wie kein Wort. Warum auch – die Kommunikation findet schließlich größtenteils über Chats statt. Obwohl wir uns alle nicht an einem Ort aufhalten und unsere Mimik und Gestik nicht immer sehen können, funktioniert die Zusammenarbeit erstaunlicherweise gut – Emojis sei Dank.

Franziska Göttlicher: Der Arbeitsplatz vor Ort ist noch fremd, obwohl ich schon ein gutes halbes Jahr hier arbeite. Naja, wenn man es genau nimmt, eben nicht wirklich hier. Wenn wir im Verlag irgendwo außerhalb unseres Schreibtisches hinmüssen, stehen wir meist ziemlich ratlos da, verfehlen ein Stockwerk oder können uns die Wegbeschreibung nicht merken. An dieser Situation hat sich durch die Homeoffice-Pflicht bisher auch nichts geändert. Man kommuniziert mit Kollegen – sei es per Mail oder per Telefon - ohne sie jemals gesehen zu haben. Selbst das kann Fragen aufwerfen: Duzen, Siezen oder lieber Sätze bilden, die die Anrede mal mehr, mal weniger geschickt umgehen?

Homeoffice hat auch seine Vorteile

Der Berufseinstieg zu Corona-Zeiten hat seine Tücken und doch können wir dem Ganzen sogar etwas Gutes abgewinnen: Wir erleben das Homeoffice, über das bereits jahrelang debattiert wird, live und in Farbe und vor allem dauerhaft – zumindest im Moment. Nach Feierabend sind wir direkt zu Hause; Der Kühlschrank ist in der Nähe und man kann sich so oft Kaffee und Snacks holen, wie man möchte; Wenn die Post klingelt, sind wir sofort an Ort und Stelle und der Nachbar muss keine Pakete bei sich horten; braucht man etwas Bewegung, tigert man in der Wohnung auf und ab; hat man keine Lust auf „normale“ Kleidung, arbeitet man einfach in Jogginghose. Der wohl größte Pluspunkt: der nicht existente Arbeitsweg.

Mittlerweile sind wir ziemlich zuversichtlich, dass es nicht mehr lange dauert, bis wir uns wieder beschweren können, dass wir erst so spät zu Hause sind, um gleichzeitig festzustellen, was uns im Homeoffice eigentlich entgangen ist: Beim Mittagessen unsere Kollegen persönlich an einem Tisch und ohne Abstand nach Monaten kennenlernen zu können und sich jeden Tag aufs Neue Gedanken um sein Outfit machen zu müssen. Für die einen mag es banal klingen, für uns ist es ein Start, der schon längst fällig gewesen wäre. Bis es tatsächlich soweit ist, machen wir es uns Zuhause in unserem „Büro“ gemütlich und freuen uns auf eine bessere Zeit.

Und Ihr? Bitte meldet Euch!

Wie ist es euch im Homeoffice ergangen? Seid ihr während Corona ins Berufsleben gestartet oder habt etwas anderes Einschneidendes erlebt, das eure Zukunft betrifft? Welche Verzicht-Leistungen musstet ihr bringen? Und was müsste die Politik, die Gesellschaft, die Mehrheit der Alten jetzt für euch tun?

Ihr seid zwischen 18 und 27 Jahre alt und habt Lust, uns eure persönliche Geschichte zu erzählen? Dann schreibt uns gerne eine Nachricht über Instagram (@zeitungsverlag_waiblingen), Facebook (Zeitungsverlag Waiblingen) oder direkt eine E-Mail an: sophie.smakici@zvw.de und franziska.goettlicher@zvw.de