Rems-Murr-Kreis

Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis im Schockzustand: Welche Wege führen aus der Talsohle?

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IHK PK Ausbildung
Die Wirtschaft ist auf Talfahrt, demonstriert Claus Paal anhand des IFO-Geschäftsklimaindexes beim Pressegespräch mit Christine Käferle. Foto: © Gabriel Habermann
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IHK PK Ausbildung
Arbeitsagentur-Chefin Christine Käferle appelliert an junge Leute, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz am Ball zu bleiben. Foto: © Gabriel Habermann

Christine Käferle und Claus Paal taten ihr Bestes, um etwas Optimismus zu verbreiten. „Wir versuchen, den Blick nach vorn zu richten“, sagte Paal zu Beginn des gemeinsamen Pressegesprächs der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr und der Arbeitsagentur Waiblingen zur Lage auf dem Arbeits- und Lehrstellenmarkt. Dennoch: Die Situation ist dramatisch. Und zu beschönigen gibt es nichts, nachdem die Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie eine Vollbremsung sondergleichen hinlegte und ein Absturz ins Bodenlose folgte. Mit diesen drastischen Worten beschrieb IHK-Bezirkskammerpräsident Paal die aktuelle Situation. Fast alle Branchen seien betroffen. Für einige wie Messebauer, Caterer oder Schausteller sei die gesamte Geschäftsgrundlage weggefallen.

Ein Fünftel der Betriebe befürchtet Umsatzeinbruch von 50 Prozent

Ein Fünftel der vom baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag befragten Unternehmen befürchtet einen Umsatzeinbruch von mehr als 50 Prozent; ein Viertel der Firmen rechnet in diesem Jahr mit 25 bis 50 Prozent weniger Umsatz; 40 Prozent haben ihre Investitionspläne auf den Prüfstand gestellt, was Auswirkungen auf Dienstleister und Zulieferer haben wird. Dass mehr als ein Drittel der Betriebe auch massiv in die Digitalisierung investieren, ist für Paal ein kleiner Lichtblick und bedeute eine Chance.

Der wirtschaftliche Einbruch spiegelt sich in den Zahlen auf dem Arbeitsmarkt wider. Kurzarbeit sei jedoch nicht in dem Ausmaß gestiegen, wie Aufträge und Umsatz zurückgingen, sagte Christine Käferle, Chefin der Arbeitsagentur Waiblingen. Eine Eintrübung auf dem Arbeitsmarkt habe sich bereits vor einem Jahr abgezeichnet. Im April und Mai machte die Arbeitslosigkeit einen Sprung um mehr als 50 Prozent auf 10 700 Menschen ohne Job und auf eine Quote von 4,4 Prozent. Mit Blick nach Ostdeutschland oder bundesdeutsche Krisenregionen sei dies immer noch ein guter Wert. Von der Arbeitslosigkeit betroffen sind Arbeitnehmer aus so gut wie allen Branchen und sämtliche Personengruppen: Alt und Jung, Hoch- und Geringqualifizierte. Junge Arbeitslose behalte die Arbeitsagentur besonders im Blick, sagte Christine Käferle. Sie sollten durch die Corona-Krise nicht aus dem Tritt geraten beziehungsweise nach der Schule nahtlos in Ausbildung und Beruf einsteigen können.

Appell an junge Leute: Bewerben, bewerben, bewerben

In der Krise haben sich viele Betriebe zwangsläufig auf die Bewältigung der aktuellen Probleme konzentriert. So manche Bewerbung um einen Ausbildungsplatz sei liegengeblieben und nicht bearbeitet worden. An der grundsätzlichen Ausbildungsbereitschaft der großen Mehrzahl der IHK-Betriebe ändere sich aber nichts, betonte Claus Paal. Mit rund 580 Ausbildungsverträgen hinke die Bezirkskammer derzeit zwar hinter dem Vorjahr (rund 800) hinterher. Doch rechnet Paal mit einer Aufholjagd in den nächsten Wochen und Monaten bis zum Ausbildungsbeginn im September. Der Bund hat eine Ausbildungsprämie angekündigt und zahlt kleinen und mittleren Unternehmen, die ihr Ausbildungsplatzangebot 2020 im Vergleich zu den drei Vorjahren nicht verringern, für jeden neuen Ausbildungsvertrag eine einmalige Prämie in Höhe von 2000 Euro bzw. 3000 Euro für zusätzliche Ausbildungsverträge.

„Es gibt noch gute Chancen“, appellierte Christine Käferle an die jungen Leute, die Flinte nicht ins Korn zu werfen, bloß weil ihre Bewerbungen noch nicht beantwortet wurden. An die Arbeitsagentur haben sich rund 2400 Bewerber gewandt. Rund die Hälfte von ihnen hat aktuell noch keine Lehrstelle. Es seien aber auch mehr als 1100 Ausbildungsplätze im Rems-Murr-Kreis noch nicht besetzt, betonte Käferle. In der Region seien es noch knapp 8000 Lehrstellen. Trotz Krise halten die meisten Betriebe an der Ausbildung fest, sagte Käferle. Nur ganz wenige Firmen haben ihre Stellenangebote zurückgezogen.

Nachteilig wirkt sich aus, dass seit einem Vierteljahr die Berufsberatung nur eingeschränkt läuft. Wegen der Corona-Krise konnten die Berufsberater die Schüler nicht vor Ort in den Klassen informieren und betreuen. Zudem mussten die Berufsberater die Lücken in der Agentur füllen, die die Kurzarbeit riss. Sie wurden zu Sachbearbeitern für Kurzarbeit umgeschult.

Seit April wird die Arbeitsagentur mit Anträgen zur Kurzarbeit überschwemmt. Mehr als 4400 Betriebe haben für rund 60 000 Arbeitnehmer Anträge auf Kurzarbeitergeld angezeigt. Christine Käferle rechnet damit, dass 80 bis 90 Prozent dieser Anzeigen tatsächlich auf Kurzarbeit hinauslaufen. Ein Wert, der deutlich über dem der Krisenjahre 2008/2009 liegt, als nur rund 40 Prozent der Anzeigen zu Kurzarbeit führten.

Kurzarbeitergeld: Im Mai zahlte die Agentur 18,5 Millionen Euro aus

Das Instrument Kurzarbeit verhindert Arbeitslosigkeit, betonten Käferle und Paal mit Blick ins Ausland, wo in den Krisen die Erwerbslosigkeit in die Höhe schnellt. Sie kostet jedoch auch eine Menge Geld. Nachdem die Agentur im April noch rund drei Millionen Euro Kurzarbeitergeld ausgezahlt hatte, waren es im Mai bereits 18,5 Millionen.

Kurzarbeit ist jedoch eine Chance, wenn die Wirtschaft wieder Fuß fasst und aus der Talsohle herauskommt. Die Betriebe haben die benötigte Mannschaft an Bord und können schnell Gas geben, wenn die Aufträge kommen. Ein klarer Wettbewerbsvorteil, so Paal, von dem die deutsche Wirtschaft schon nach der Finanzkrise profitiert hatte.

Christine Käferle und Claus Paal taten ihr Bestes, um etwas Optimismus zu verbreiten. „Wir versuchen, den Blick nach vorn zu richten“, sagte Paal zu Beginn des gemeinsamen Pressegesprächs der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr und der Arbeitsagentur Waiblingen zur Lage auf dem Arbeits- und Lehrstellenmarkt. Dennoch: Die Situation ist dramatisch. Und zu beschönigen gibt es nichts, nachdem die Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie eine Vollbremsung sondergleichen hinlegte und ein Absturz ins

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