Rems-Murr-Kreis

Wo sie irrten: Die Crash-Propheten Matthias Weik, Marc Friedrich im Crash-Test

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Marc Friedrich (links) und Matthias Weik bei einem ZVW-Redaktionsbesuch 2016. © Ralph Steinemann Pressefoto

Prognosen pflastern ihren Weg: Die Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik aus Waiblingen wurden berühmt als „Crash-Propheten“. Wie gut sind ihre Vorhersagen gealtert? Wo lagen sie goldrichtig? Wo grottenfalsch? Schauen wir näher hin. Spoiler-Alarm: Der Crash hat Dauer-Verspätung. (Und was die beiden selbst dazu sagen, finden Sie am Textende.)

Das Duo - Rückblende: Wie Weik und Friedrich durchstarteten

Vor zehn Jahren stieg ein Wirtschaftssachbuch, verfasst von zwei bis dato unbekannten Autoren, auf der Spiegel-Bestseller-Liste sensationell steil nach oben: „Der größte Raubzug der Geschichte“. Die beiden hatten akupunkturgenau den Nerv einer von der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 aufgewühlten Gesellschaft getroffen. Das Werk ist bis heute lesenswert: Laienverständlich und pointiert beschreibt es Auswüchse und Abgründe des Finanzsystems.

Und sie legten nach: ein Erfolgsbuch nach dem anderen. Als Vortragsredner füllten sie Hallen, auf Phoenix diskutierte Friedrich mit Peer Steinbrück und Hans-Werner Sinn. Matthias Weiks Präzision, Marc Friedrichs Schwung, der Datenguru und der Charmeur: ein Duo von hohem Unterhaltungswert. Frappierend aber war vor allem, mit welch unantastbarem Selbstbewusstsein sie die Zukunft vorhersagten. Der Crash ist nahe, der Zusammenbruch mindestens des Euro-, wenn nicht des ganzen Finanz- oder gar Wirtschaftssystems: Das war der Glutkern ihrer Botschaft.

Manchmal begehrten Zuhörer auf: Das sei zu düster gezeichnet. Weik und Friedrich antworteten freundlich: Nein, sie seien nicht pessimistisch – sie seien realistisch. Und als in Maybrit Illners Show Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ätzte, das habe „nichts mit Fakten zu tun“, sondern sei „einfach nur Schwarzmalerei“, konterte Marc Friedrich lächelnd: „Lesen Sie mein Buch, dann lernen Sie noch was.“

Die Korrekturen: Gesammelte Crash-Prognosen von Weik und Friedrich

„Keine vier Jahre“ gebe Marc Friedrich „dem System mehr Zeit“: So zitierten wir ihn im Juli 2012 in dieser Zeitung. Crash-Termin also: vor Sommer 2016.

September 2012, Weik/Friedrich zur Stuttgarter Zeitung: „Der Crash kommt auf jeden Fall – nur wann, das können wir nicht sagen. Es kann noch zwei Wochen dauern, zwei Monate oder zwei Jahre.“ Crash-Termin demnach: spätestens Herbst 2014.

Im Februar 2015 modifizierten sie: „Wer das Faktenpuzzle zusammenfügt, erkennt, dass 2015 das Potenzial hat, das ganze Gebilde zum Kollabieren zu bringen.“

2016 bei einem vom ZVW veranstalteten Auftritt – alle bisherigen Fristen waren verstrichen – justierten sie nach: „Ende der Dekade haben wir ein neues Geldsystem.“ Dann eben 2019.

Ende 2016 drehten sie weiter am Schräubchen: „In spätestens fünf Jahren wird das Notenbankexperiment Euro Geschichte sein.“ Vielleicht also erst 2021.

Ende 2017 schrieben sie: „Mehr denn je wird ersichtlich, dass der Euro Europa trennt, anstatt es zu einen, folglich ist ein Ende der Eurozone absehbar. Wir gehen von drei bis fünf Jahren aus.“ Deadline: 2022.

Ende 2018 schrieben sie: „Mehr denn je wird ersichtlich, dass der Euro Europa trennt, anstatt es zu einen, folglich ist ein Ende der Eurozone absehbar. Dies wird bis spätestens 2023 der Fall sein.“ (Siehe auch hier.)

2020 trennte sich das Erfolgsduo. Weik hat sich seither mit öffentlichen Äußerungen zurückgehalten; Friedrich wirbelt auf Twitter, postet auf Youtube unermüdlich Videos, gehört bei Bild-TV zu den Stammgästen, spart nicht mit Schlagzeilen („Ein Land im Niedergang: Deindustrialisierung schreitet voran“, „Krieg gegen das Bargeld: Droht die digitale Diktatur?“) und hat 2020 und 2021 in Sachen Crash nachgelegt. „Spätestens 2023 ist Schicht im Schacht.“

Jetzt aber wirklich! Oder schon wieder nicht? Wir werden sehen. Das Jahr ist ja noch lang.

Merkels Ende, Macrons Niederlage: Politik-Prognosen von Weik und Friedrich

Eine Zeit lang veröffentlichten Weik und Friedrich jeweils am Jahresende einen „Ausblick“. Ende 2016 schrieben sie unter anderem: „Wir gehen davon aus, dass die Ära Merkel 2017 ein Ende findet.“ Und: „Wir gehen gegenwärtig von einer rot-rot-grünen Regierung aus.“

Bei der Bundestagswahl 2017 gewann Merkels Union mit 32,9 Prozent. SPD, Grüne und Linke kamen nicht mal annähernd auf eine Mehrheit. Es folgten Jamaika-Verhandlungen – diese Möglichkeit hatten Weik/Friedrich nicht erwähnt. Wer dann aber im Dezember 2017 den nächsten „Ausblick“ las, ohne diese Vorgeschichte zu kennen, konnte meinen, sie hätten genau das prognostiziert; da stand nämlich: „Wie von uns letztes Jahr vorhergesagt, befinden wir uns am Ende der Ära Merkel. Die sogenannte Jamaika-Koalition ist nach endlosen Sondierungsgesprächen erwartungsgemäß krachend gescheitert.“ Die Vorstellung, dass Schwarz, Gelb, Grün sich zusammenraufen, „erschien uns doch auch mehr als grotesk“.

Die Prognosen für 2018: „Wir gehen von einer Minderheitsregierung aus“, denn die SPD habe zu viel Angst vor einer „weiteren Großen Koalition.“ Angela Merkel aber „wird dann in ein bis zwei Jahren, vielleicht zur Europawahl, ihren Hut nehmen“.

Es kam zur Großen Koalition unter Merkels Führung – worauf Weik/Friedrich in ihrem nächsten „Ausblick“ im Dezember 2018 schrieben: „Wie 2017 vorhergesagt, befinden wir uns am Ende der Ära Merkel.“ Die Europawahl 2019 werde „für die Volksparteien ein Desaster werden. Wir gehen davon aus, dass Angela Merkel nach einem verheerenden Wahlergebnis bei der EU-Parlamentswahl gegangen wird.“ Falls die SPD aber „nicht ihre gesamte Führungsmannschaft“ austausche, werde sie „in der Bedeutungslosigkeit versinken“.

Merkel regierte bis 2021. Danach wurde Olaf Scholz Kanzler; nicht direkt ein Neuling in der SPD-Führungsmannschaft.

Auch außenpolitisch pokerten sie hoch. Ende 2018 schrieben sie: Sollte Macron bei der nächsten französischen Präsidentschaftswahl noch einmal antreten, „wird er diese keinesfalls gewinnen“. Er gewann.

AfD und Nullzinsen: Teilweise lagen Weik und Friedrich richtig

Moment: Sie hatten auch recht! Weil Weik/Friedrich – kluge Köpfe alle beide – sehr viele Materialien sichteten und Daten auswerteten, hörten sie oft das Gras wachsen: Früh kündigten sie das Erstarken der AfD an; früh prognostizierten sie Null- und Negativzinsen. Und dem Bitcoin sagten sie schon, als viele noch kaum wussten, was das sein soll, eine steile Karriere voraus.

Nur fällt bei den Thesen, die sie daraus ableiteten, ein Muster auf: So scharf ihr Auge für aufkeimende Tendenzen war – die beiden verlängerten, was sie in der Gegenwart entdeckten, oft einfach in die Zukunft. Krisensymptome dachten sie weiter zu Untergangsszenarien, Aufwärtstrends zu Erfolgsgeschichten. Aber nicht jede Fehlentwicklung mündet in eine Katastrophe; und nicht jeder Triumph hat Ewigkeitswert. In Wahrheit folgt auf runter oft wieder rauf und auf rauf runter. Aktion und Reaktion.

Folgerichtig sagten sie nicht voraus, dass die AfD ab 2020 in Bund und Ländern bei neun von zehn Wahlen ihr vorheriges Ergebnis nicht würde halten können.

Anstatt sich mit der allgemeinen Warnung vor Null- und Negativzinsen zu begnügen, legte Marc Friedrich 2019 im TV-Duell gegen Marcel Fratzscher (zu sehen bei Youtube) nach: Es werde „nie wieder steigende Zinsen im Eurosystem“ geben. Damals prognostizierten die beiden gar Negativzinsen zwischen minus 4 und 7 Prozent: „Genau das wird bald eintreten.“ Der Schwabe nennt das: übergaigeln.

Zu konkret ist gefährlich: Marc Friedrich, der Bitcoin und Trump

Friedrich – mittlerweile solo – tat es auch beim Bitcoin: Im April 2021 fragte ihn ein Interviewer, ob die Kryptowährung, die gerade ein Hoch erlebte, auch wieder unter 20.000 Dollar fallen könne. Friedrich belehrte seinen Gesprächspartner milde: „Nein, lieber Manuel“, es werde „eher in den nächsten Wochen schon sechsstellig werden“, und „wir werden nie wieder unter 30, 35 000 Euro gehen.“

Sechsstellig ist der Bitcoin-Kurs bis heute nicht geworden. Etwa ein Jahr nach Friedrichs „nie wieder“ fiel er unter 30.000 Euro, einige Monate später auf etwa 16.000. Derzeit erholt er sich und liegt bei gut 21.000.

Im November 2016 aber landete Marc Friedrich einen Coup: Bei NTV sagte er Donald Trumps Wahlsieg voraus.

Klappt es einmal, klappt es zweimal? Im November 2020 erklärte er in einem Video: Er glaube „mit aller Wahrscheinlichkeit“, dass Trump „wiedergewählt werden wird“; vermutlich sogar „mit einem großen Vorsprung“. Trump wurde abgewählt; er verlor mit großem Rückstand: 232 zu 306 Wahlmännerstimmen und sieben Millionen Kreuzchen weniger als Joe Biden.

Hellseher: Zwei Bücher und ein Schlusswort

Dieses Frühjahr wird jeder der beiden ein neues Werk vorlegen. Das von Matthias Weik heißt „Die Abrechnung: Das einzige Buch, das Ihr Erspartes vor Umverteilung und Krisen rettet“. Marc Friedrich lässt nach „Der größte Crash aller Zeiten“ und „Die größte Chance aller Zeiten“ im Mai „Die größte Revolution aller Zeiten“ folgen.

An diese Titel ließen sich moralische Überlegungen zur Tugend der Bescheidenheit oder buchmarktökonomische zur Notwendigkeit von Marktschreierei knüpfen, aber das würde hier zu weit führen. Begnügen wir uns mit einem Schlusswort zu Sinn und Unsinn von Vorhersagen – es findet sich in einem berühmten Sachbuch.

Ein präzise spöttisches Kapitel darin heißt „Hellseher“ und fragt: „Können Banker wirklich in die Zukunft sehen?“ Es folgt eine entlarvende Aufzählung; ob der Staranalyst von Salomon Smith Barney, der ehemalige Commerzbank-Boss oder der Deutschland-Chef von McKinsey, ob Ifo, Weltbank oder DIW: Sie alle lagen schon daneben. Subtil sarkastisches Fazit: „Wie Sie sehen, kann niemand in die Zukunft sehen – weder ein Banker noch Politiker noch die nette Dame, die die Karten legt.“

So ist es wohl. Das Zitat stammt aus: „Der größte Raubzug der Geschichte“ von Matthias Weik und Marc Friedrich.

Lesen Sie hier, was Weik und Friedrich selber dazu sagen:

Prognosen pflastern ihren Weg: Die Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik aus Waiblingen wurden berühmt als „Crash-Propheten“. Wie gut sind ihre Vorhersagen gealtert? Wo lagen sie goldrichtig? Wo grottenfalsch? Schauen wir näher hin. Spoiler-Alarm: Der Crash hat Dauer-Verspätung. (Und was die beiden selbst dazu sagen, finden Sie am Textende.)

Das Duo - Rückblende: Wie Weik und Friedrich durchstarteten

Vor zehn Jahren stieg ein Wirtschaftssachbuch, verfasst von

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