Rems-Murr-Kreis

Wohnungsmangel im Rems-Murr-Kreis: Was tun?

Symbolfotobaukran
Symbolbild. © Gaby Schneider

Unternehmen rollen diversen Fachkräften den roten Teppich aus. Wer potenziellen Arbeitskräften zu einer Wohnung verhelfen kann, hat ein zusätzliches As im Ärmel: Der Wohnraummangel gilt längst als Hemmschuh für die Wirtschaft. Gutes Personal lockt man schwer in die Region, sofern die Menschen keine Wohnung finden oder die Miete ihr halbes Einkommen auffrisst.

Als die schlichte Folge eines „Wohlstandsdproblems“ hat Architektenkammerpräsident Markus Müller die Wohnungsnot speziell in Baden-Württember mal klassifiziert. Der Rems-Murr-Kreis steuert seit längerem gegen, baut selbst Hunderte Wohnunen, hat beim Winnender Krankenhaus Appartmenthäuser für Pflegekräfte und Ärzt/-innen hingestellt – allein, es gibt noch viel zu tun.

Per Livestream verbunden mit der Welt

Als „sehr angespannt“ beschreibt Landrat Dr. Richard Sigel die Wohnungssituation an Rems und Murr, wie er am Montagabend beim virtuellen Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr sagte: Es reicht halt nicht, bloß über Schlagworte zu reden, und dass man neuerdings Bauanträge digital einreichen kann, hilft auch nicht weiter: Diese kleine Spitze richtete sich gegen Nicole Razavi, Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen in Baden-Württemberg. Sie saß neben IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal und Axel Ramsperger vom Verband Immobilienwirtschaft Stuttgart ebenfalls auf dem Podium. Per Livestream sandte die IHK Rems-Murr die Diskussion in die Welt: ein Novum, und innovativ noch dazu, wie Moderator Michael Antwerpes betonte.

Freiburg geht gegen "illegalen Leerstand" vor

Die Suche nach innovativen Lösungen fürs Wohnungsproblem dürfte unterdessen ein bisschen schneller vonstattengehen. Andernorts greift man tief in eine Trickkiste. Von der Freiburger Trickkiste war zwar beim IHK-Empfang in keiner Weise die Rede – zum Thema hätte die Freiburger Herangehensweise aber gut gepasst: Zum „Handlungskonzept bezahlbar wohnen“ zählt in Freiburg konsequentes Vorgehen gegen „illegalen Leerstand“, wie es in einer Mitteilung der Stadt heißt. Freiburg setzt bereits seit 2014 ein „Zweckentfremdungsverbot“ um. Das bedeutet, unter bestimmten Voraussetzungen kann die Stadt Immobilienbesitzer/-innen quasi zwingen, eine leerstehende oder illegal als Ferienwohnung genutzte Wohnung dem Mietwohnungsmarkt zur Verfügung zu stellen. Ein eigenes Referat für bezahlbares Wohnen kümmert sich in Freiburg um diese für Bürger/-innen existenziellen Fragen. Im Gesamtkonzept „Bezahlbar wohnen 2030“ führt Freiburg eine Vielzahl von Bausteinen zusammen, um den Wohnraummangel nachhaltig in den Griff zu bekommen. Es geht darum, Grundstücke effizienter zu nutzen, den geförderten Wohnungsbau zu stärken, genossenschaftliches Wohnen zu fördern, eine digitale Wohnungstauschbörse zu nutzen – und, und, und.

"Qualitativ ansprechend" wohnen

Beim IHK-Empfang war der Fokus eher darauf gerichtet, Schwierigkeiten zu benennen. Von einer „Herkulesaufgabe“ sprach Ministerin Razavi. Menschen sollen „adäquat“ und „qualitativ ansprechend“ leben können, findet die CDU-Politikerin. Ihre Antwort: mehr Angebot schaffen. Also bauen, bauen, bauen. Ferner Aufstockungen möglich machen, etwa auf flachen, flächenverbrauchenden Supermärkten. Oder für die Enkel in sehr ferner Zukunft reservierte Bauplätze jetzt zwischennutzen mit Modulbauhäuschen, die man später wegtransportieren kann. Vor allem aber: die Genehmigungsverfahren beschleunigen. Ferner „ist uns jede Idee willkommen“, verspricht die Ministerin; „die Türen stehen da weit offen.“

„Wir brauchen schon den großen Wurf“

Die Bauwirtschaft wird allzu oft ausgebremst, beklagt Axel Ramsperger: Ämter blockieren sich gegenseitig, Bürgerinitiativen verhindern Ansiedlungen, Verordnungen überregulieren die Dinge, und in der Region Stuttgart seien die Landkreise nicht gut genug ÖPNV-vernetzt. Hinzu kommt, so Ramsperger: „Viele Gemeinden wollen gar keinen Zuzug.“ Sein Fazit mit Blick aufs Wohnungsproblem: „Wir brauchen schon den großen Wurf.“ – „Ich bin nicht so optimistisch.“

Architektenkammerpräsident Markus Müller geht komplett anders an die Dinge heran. Er spricht auf Nachfrage dieser Zeitung von Gestaltungsaufgaben, von Chancen und Konzepten, welche die Politik entwickeln könne und müsse. Am Anfang steht die Frage, wie die Gesellschaft in Zukunft zusammenleben will, und daraus entwickeln sich dann erst die Wohnkonzepte. Markus Müller hebt Ministerin Razavis These, wonach Dichte Nähe schafft, positiv hervor: „Das ist das wichtigste Argument für Quartierswohnkonzepte“, sagt Markus Müller, und das bedeutet: weg von Wohnklötzen, in welchen man die Menschen voneinander separiert, hin zu klar umrissenen Quartieren, in welchen man sich kennt, es Raum für Begegnungen gibt, man sich vieles teilt, sich hilft, austauscht. „Wir müssen eine neue Haltung zur Fürsorge füreinander finden, zur Achtsamkeit“, sagt Markus Müller – und das nicht nur, weil das Zusammenleben dann schöner wird. Eine alternde Gesellschaft wie die deutsche kann sich was anderes gar nicht leisten.

Stimmt gar nicht, dass es so viele Verhinderer gibt

Was Müller nicht so mag, das ist, wenn Bürger/-innen als Leute diskreditiert werden, die nur gern alles verhindern wollen, was ihnen zu nah auf die Pelle rückt. Das stimmt so nicht, sagt Müller. Bürger/-innen wollen nur eben ihren Nahbereich nicht mit irgendwas Hässlichem vollgepflastert haben, was man durchaus verstehen kann. Wer hingegen mit einer nachvollziehbaren Programmatik in den Wohnungsbau startet, „kann dafür auch Akzeptanz bekommen“.

Nachbarschaften, die den Namen verdienen

Jetzt kommt die Internationale Bauausstellung 2027 Stadtregion Stuttgart ins Spiel: „Wie wollen wir leben?“ steht als Leitfrage über allem, und die IBA ’27 wird Ausstellungsorte präsentieren, in welchen Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit zu vielschichtigen, zukunftsfähigen Nachbarschaften verschmelzen. Der Rems-Murr-Kreis ist vielfach vertreten. Das Zukunftsprojekt Hangweide in Kernen ist erst kürzlich in die Projektgemeinschaft IBA ’27 aufgenommen worden. Zwischen Rommelshausen und Stetten entsteht in den kommenden Jahren ein urbanes Dorf, in welchem rund 1000 Menschen leben werden. Vorhaben in Winnenden, Fellbach und Backnang gehören bereits zur Projektgemeinschaft, weitere können folgen.

Unternehmen rollen diversen Fachkräften den roten Teppich aus. Wer potenziellen Arbeitskräften zu einer Wohnung verhelfen kann, hat ein zusätzliches As im Ärmel: Der Wohnraummangel gilt längst als Hemmschuh für die Wirtschaft. Gutes Personal lockt man schwer in die Region, sofern die Menschen keine Wohnung finden oder die Miete ihr halbes Einkommen auffrisst.

Als die schlichte Folge eines „Wohlstandsdproblems“ hat Architektenkammerpräsident Markus Müller die Wohnungsnot speziell in

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