Rems-Murr-Kreis

Wohnungsnot im Rems-Murr-Kreis: Wo wird Moni leben?

Wohnungssuche: Frau P. von der Ehrlacher Höhe in der Kreativwerkstatt Karla Kreativ, Backnang, 24.08.2021.
Moni und ihre zwei „Schätzchen“ suchen ein neues Zuhause. Moni ist in großer Not, ihre droht die Obdachlosigkeit. © Benjamin Beytekin

„Diese zwei Schätzchen müssen mit“, sagt sie. „Unbedingt.“ Sie hält ein Foto hoch: Die Schätzchen sind Katzen. Sie heißen Timna und Tamir. Sie selbst heißt Moni. Seit über neun Jahren hat sie ihre zwei Katzen. Sie seien, sagt Moni, stubenrein und hundefreundlich. Sie sind ihr ganzes Glück. Sie will die Tiere niemals ins Tierheim geben.

Moni ist 60 Jahre alt und wohnt in Winnenden. Noch. Zum 30. September muss sie aus ihrer Wohnung raus. Eigenbedarf. Es wird geräumt. Moni sagt, dass sie am 30. Mai 2020 die Kündigung bekommen hat. Dann war eine Gerichtsverhandlung. Und jetzt ist Schluss. Moni ist in großer Not. Aber, sagt sie, sie spricht nicht nur für sich. Sie sei nicht allein mit dieser Not.

Erlacher Höhe: Wohnen für Obdachlose aus dem Rems-Murr-Kreis

Die Erlacher Höhe, von deren Fachleuten auch Moni unterstützt wird, sorgt in Großerlach mit 80 Plätzen dafür, dass Wohnungslose nicht unter die Brücke ziehen müssen. In Backnang hat das Sozialunternehmen ein Haus mit Zimmern für elf Frauen, die ganz akut ohne Wohnung dastehen, und ein Haus mit Zimmern für elf Männer. Freie Plätze? Fehlanzeige.

Moni sucht und sucht. Bislang vergeblich. Das Problem: Moni hat nicht nur zwei Katzen, sondern auch sehr wenig Geld. Aber ein klitzekleines bisschen zu viel, als dass sie die diversen Hilfen von Ämtern oder vom Jobcenter bekommen könnte.

Moni will nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. Es ist für sie entwürdigend. Seit sie keine Wohnung findet, seit ihr von Seiten der Stadt Fotos von der Obdachlosenunterkunft gezeigt wurden, die ihr blüht, fühlt sie sich „wertlos“. In Bezug auf ihre psychische Befindlichkeit, aber auch ganz materialistisch, festgemacht an der klingenden Münze.

Die meisten Mietangebote, sagt Moni, stehen inzwischen im Internet. Die einschlägigen Portale fragen alles ab, was geht: Bonität, Schulden, Gehalt. Und wenn dann offenliegt, dass Moni von einer Berufsunfähigkeitsrente lebt, ist schon Schluss. Dabei ist das nicht ihr Versagen. Dabei hat sie viele Jahre einen höchst ehrenwerten Beruf ausgeübt, war Krankenpflegehelferin im Klinikum Schloss Winnenden. Ist nach wie vor ungekündigt – nur eben zurzeit krank.

Sozialer Wohnraum? Die Situation in den Städten

In Winnenden, der Stadt, in der Moni wohnt, gibt es aktuell rund 50 Sozialwohnungen in verschiedenen Größen. Dieses Jahr werden noch 30 neue fertig. Sie sind gedacht für Menschen wie Moni und werden nur jenen vermietet, die einen Wohnberechtigungsschein beantragt und bekommen haben. Für Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt kaum unterkommen können. Doch für Moni ist kein Platz. Sie stehe, sagt sie, auf Platz 95 der Warteliste. In den alten Sozialwohnungen gibt’s fast keinen Wechsel. Die neuen Sozialwohnungen würde sich Moni wohl nicht leisten können. Es gibt auch noch Wohnungen, die der Stadt gehören, die wirklich günstig sind, einfache Wohnungen in alten Häusern. Aber ganz egal, wo: Monis zwei Katzen, ihr „einziges Leben“ um sie herum, ihr Grund, morgens aufzustehen, sind das K.-o.-Kriterium. Nach wirklich schlechten Erfahrungen, heißt es von Seiten der Stadt, sind keine Haustiere mehr zugelassen.

Moni würde auch woanders hinziehen. Ein Radius von 15 Kilometern rund um Winnenden wäre völlig in Ordnung. Schorndorf zum Beispiel: In Schorndorf stehen 162 Haushalte mit insgesamt 425 Menschen auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. 200 „öffentlich geförderte Mietwohnungen“ gibt es. Keine davon ist frei. Zehn „Wohnungsnotfälle“ auf der Warteliste sind besonders dringlich. Im Durchschnitt stehen die Suchenden seit zehn Monaten auf der Warteliste. Das könne aber „je nach Größe der benötigten Wohnung und Dringlichkeit sehr viel länger dauern“. Wie lange? Das weiß man nie genau, doch ein Blick auf die Vermittlungen lässt ahnen, wie’s aussieht: 20 Wohnungsvermittlungen im Jahr 2020, bislang sieben in 2021.

In Waiblingen gibt es derzeit 119 Sozialmietwohnungen. Wobei 40 von diesen gerade noch gebaut werden. Auf dem ehemaligen Krankenhausareal. Doch auch wenn dort noch die Handwerker schaffen: Frei ist schon jetzt nichts mehr.

Dagegen ist in Weinstadt in Bezug auf Sozialwohnungen die Zeit der Wunder: Ende Juli war ein älteres Haus frei. Drei Wohnungen sollen frei werden. 211 eigene und angemietete Sozialwohnungen hat die Stadt insgesamt, außerdem noch das Belegungsrecht bei 56 vergleichbaren Wohnungen. Diese Zahlen betrachtet, ist die Quote dessen, was zurzeit vermittelt werden kann, natürlich auch wieder sehr überschaubar.

Die Caritas und das Projekt Türöffner: Im Rems-Murr-Kreis schwierig

Ellen Eichhorn-Wenz arbeitet bei der Caritas. Ihr Projekt, das längst zu einer festen Institution und zur einzigen Hoffnung für viele Wohnungssuchende geworden ist, heißt „Türöffner“. Ellen Eichhorn-Wenz mietet im Namen der Caritas Wohnungen an und gibt sie dann weiter an Menschen, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine Chance haben. Die Vermieter haben dadurch die Sicherheit, die eine Organisation wie die Caritas bieten kann, die Mieter bekommen dank des guten Namens der Caritas ein Dach über den Kopf. 46 Wohnungen hat „Türöffner“ inzwischen angemietet, 140 Menschen untergebracht. Die meisten dieser Wohnungen liegen allerdings im Landkreis Ludwigsburg. Zwar hatte Ellen Eichhorn-Wenz in den letzten zwei Jahren 50 Wohnungsangebote im Rems-Murr-Kreis. Aber nur acht Anmietungen. Der Grund: Der Landkreis legt Mietobergrenzen fest. Über dieser Summe dürfen die Mieten nicht liegen, wenn das Jobcenter die Kosten für Menschen übernimmt, die sich das Wohnen selbst nicht leisten können. In Winnenden zum Beispiel liegt diese Obergrenze für eine Person bei 633,42 Euro Warmmiete. Ellen Eichhorn-Wenz weiß aus vielen Verhandlungen: Diese Mietobergrenzen sind, in Anbetracht der ortsüblichen Mieten, viel zu niedrig angesetzt und dadurch für Vermieter nicht attraktiv.

Moni bekommt kein Geld vom Jobcenter und kann daher die Mietobergrenze nicht bedienen

Moni wäre theoretisch nicht an die Mietobergrenze gebunden, da sie ja kein Geld vom Jobcenter bezieht. Praktisch gesehen aber kann sie nicht einmal diese bedienen: Mehr als 550 Euro warm darf ihre neue Wohnung nicht kosten. „Ich muss noch von irgendwas leben.“ Bei den Türöffnern hat Moni angefragt – erfolglos.

Moni stellt sich inzwischen mit selbst geschriebenen Plakaten auf die Winnender Marktstraße. „Dringend bezahlbare Wohnung gesucht“, steht da drauf. Oder: „Es kann jeden treffen, auch Sie!“ Manchmal wirft jemand ein Geldstück ins Kässle, das auch dabeisteht.

„Diese zwei Schätzchen müssen mit“, sagt sie. „Unbedingt.“ Sie hält ein Foto hoch: Die Schätzchen sind Katzen. Sie heißen Timna und Tamir. Sie selbst heißt Moni. Seit über neun Jahren hat sie ihre zwei Katzen. Sie seien, sagt Moni, stubenrein und hundefreundlich. Sie sind ihr ganzes Glück. Sie will die Tiere niemals ins Tierheim geben.

Moni ist 60 Jahre alt und wohnt in Winnenden. Noch. Zum 30. September muss sie aus ihrer Wohnung raus. Eigenbedarf. Es wird geräumt. Moni sagt, dass

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