Rems-Murr-Kreis

Zu viel Mobilfunk-Strahlung im Rems-Murr-Kreistag? ÖDP-Kreisrat Thomas Bezler tritt zurück

Kreistag Haushalt
Im Kreistag sind Tablet und Smartphone an der Tagesordnung. Die Papierberge an Sitzungsunterlagen sind Vergangenheit. © Gabriel Habermann

Dem Heilpraktiker Thomas Bezler ist Strahlung seit jeher suspekt. Schon seit 2006 führt er in seiner Heimatgemeinde Kernen einen vergeblichen Kampf gegen neue Mobilfunkmasten. Als ÖDP-Kreisrat reichte er seinen Rücktritt ein. Ihm sei die Strahlenbelastung im Kreistag zu groß geworden.

Das Gremium hat sich 2019 von den staubigen Papierbergen verabschiedet und auf elektronische Sitzungsunterlagen umgestellt. „Leider hat sich nun gezeigt, dass selbst nach über einem Jahr nach Einführung der Tablets die Mehrheit der Kreisrätinnen und Kreisräte noch immer nicht nur ihre Handys, sondern auch die Tablets während den Sitzungen rege online nutzen“, begründet Bezler auf seiner Homepage den Rücktritt. „Ich habe Messwerte ermittelt, die jenseits dessen sind, was ich meinem Körper in einem Ehrenamt antun möchte.“

Ein Kreisrat kann nach der Landkreisordnung „aus einem wichtigen Grund“ aus dem Gremium ausscheiden. Die Kreisverwaltung legte den § 12 „Ablehnung ehrenamtlicher Tätigkeit“ großzügig aus. Bezler habe „unter anderem mögliche berufliche und mögliche gesundheitliche Gründe“ genannt, „so dass in analoger Anwendung von § 12 Abs. 1. Nr. 6 LKrO ein wichtiger Grund für das Ausscheiden aus dem Kreistag vorliegt“. Dieser Satz führt als wichtigen Grund auf, wenn jemand „anhaltend krank ist“.

Über den Rücktritt muss der Kreistag formell abstimmen. Was am Montag bei der Sitzung in Winterbach zwar mehrheitlich erfolgte – aber keineswegs einstimmig, wie in solchen Fällen üblich. Vor allem aus den Reihen der CDU-Fraktion votierten viele Kreisräte gegen Bezlers Ausscheiden.

Was die Strahlenbelastung anbetrifft, vergleicht Thomas Bezler, 53, den Sitzungsort mit „einem gut besuchten Internetcafé“. Es sei ihm nach wie vor ein Anliegen, „die anwesenden Personen in den Sitzungen - darunter befinden sich auch ältere, vorerkrankte, zeugungsfähige, schwangere Menschen - vor Schädigungen zu bewahren“. Deshalb freue er sich, dass die Zählgemeinschaft Die Linke/ÖDP vor einigen Wochen einen Entwurf einer „freiwilligen Selbstverpflichtung zur Strahlenreduktion“ bei Landrat Richard Sigel eingereicht habe. „Wer weiß, vielleicht sind die Voraussetzungen bei den nächsten Kommunalwahlen in vier Jahren gegeben, so dass auch gesundheitsbewusste und strahlungssensible Personen sich für ein Kreisratsmandat bewerben können.“

Bezler kritisiert, dass an einer für den Kreistag im März 2021 geplanten „Fachklausur digitale Infrastruktur“ als Referenten nur Digitalisierungs-Befürworter eingeladen sind, als da wären Telekom, TÜV Süd und das Bundesamt für Strahlenschutz. Er könne nur hoffen, dass die Kreisrätinnen und Kreisräte sich massiv dafür einsetzen, „dass mobilfunkkritische Referenten, welche von den mobilfunkkritischen Bürgerinitiativen anerkannt werden, gleichwertig gehört werden.“ Aber nach seiner Erfahrung habe sich bisher so gut wie keine Kreisrätin und kein Kreisrat mit Mobilfunkkritik beschäftigt.

"Die Strahlenbelastung ist dramatisch gestiegen"

Tatsache für Bezler ist, „dass die Strahlenbelastung in vielen Lebensbereichen dramatisch gestiegen ist und ich mir stets gut überlege, wo ich mich aufhalten möchte.“ Der gelernte Kfz-Mechaniker und Diplom-Gewerbelehrer hat vor 25 Jahren auf Gesundheit umgesattelt und sich 2001 als Heilpraktiker selbstständig gemacht. Sein Credo lautet: „Naturheilkunde und weitere hilfreiche Methoden und Substanzen können nach meiner Erfahrung bei den meisten Menschen die Regulationsfähigkeit des Organismus wieder verbessern und so eine Gesundung und ein Gesundbleiben in vielen Fällen ermöglichen.“

Bezler ist seit 2014 für die ÖDP Mitglied im Kreistag. Er blicke „dankbar auf eine durchaus aktive Kreisratstätigkeit zurück“, heißt es in seinem Rücktrittsschreiben. Allerdings moniert er als Negativbeispiel die ablehnende Bürgerbeteiligung am Beispiel Mobilfunk: „Besonders betroffen machten mich entwürdigende Rückmeldungen beziehungsweise das völlige Ignorieren der Fraktionen auf wahrlich ehrenwerte Bemühungen von Bürgerinitiativen aus dem Rems-Murr-Kreis, bei denen unter anderem Ärzte ihre Bedenken aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht den Kreisrätinnen und Kreisräten zukommen ließen.“ Viel zu oft werde von Seiten der Politik der Digitalisierungsbegriff als Totschlagargument missbraucht, wenn es um Eingriffe in die Natur und die Gesundheit gehe. „Glaubt man den Mantras, so gibt es für uns und unsere Kinder keine Zukunft, wenn wir die Digitalisierung verschlafen.“

Insbesondere die Corona-Politik zeige deutlich, wohin digitales Denken führe: „Ja oder nein, an oder aus, 1 oder 0“. Die Natur - und somit auch der Mensch - sei aber kein digitaler Computer, „sondern ein hochkomplexes biologisches System, das sich mit Regulationsmechanismen anpassen kann, vorausgesetzt die Rahmenbedingungen wie gesunde Ernährung, gesunde Umwelt, ausreichende Erholung und seelisches Wohlbefinden sind gegeben“.

Durch die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung sei der Eindruck entstanden, dass ohne Digitalisierung in Schulen und in den Kinderzimmern die Bildung jederzeit auf Eis gelegt werden kann und deswegen dringend der Mobilfunk und ein 5G-Netz weiter aufgebaut werden müssen. Entsprechend sei auch im Kreistag häufig argumentiert worden, „obwohl für eine ausreichende Internetversorgung 5G nicht notwendig ist, geschweige denn der dafür zusätzlich massiv ansteigende Strombedarf durch regenerative Energien nicht im Ansatz in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten gedeckt werden kann“.

Dem Heilpraktiker Thomas Bezler ist Strahlung seit jeher suspekt. Schon seit 2006 führt er in seiner Heimatgemeinde Kernen einen vergeblichen Kampf gegen neue Mobilfunkmasten. Als ÖDP-Kreisrat reichte er seinen Rücktritt ein. Ihm sei die Strahlenbelastung im Kreistag zu groß geworden.

Das Gremium hat sich 2019 von den staubigen Papierbergen verabschiedet und auf elektronische Sitzungsunterlagen umgestellt. „Leider hat sich nun gezeigt, dass selbst nach über einem Jahr nach Einführung

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