Selbstversuche

Selbstversuch: Treppenlauf zum Kleinheppacher Kopf

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Die dritte der vier Etappen hinauf auf den Kleinheppacher Kopf ist die größte Herausforderung © ZVW/Thomas Wagner
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Zu Beginn sind die Stufen zwar tief, aber niedrig und technisch leicht zu bezwingen
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Je höher hinauf es geht, desto naturbelassener und unregelmäßiger sind die Stufen.
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Das Ziel: Der Kleinheppacher Kopf, prachtvoller Aussichtsplatz und Startrampe der „Köpfleshupfer“

Waiblingen.
Wer braucht schon den Fernsehturm auf Degerlochs Höhen? Die Korber jedenfalls nicht. Für die Remstal-Gartenschau hat sich die Gemeinde einen eigenen Aussichtsturm bauen lassen. Nicht ganz so hoch freilich, zudem quadratisch, aus Holz und ohne Aufzug. Eher ein Tiny Towerle also.

Doch der Architekt hat sich etwas einfallen lassen: Der Turm kann über zwei Treppen mit jeweils 52 Stufen bestiegen werden. Für Rechts- und Linkskurver. Das ist ebenso clever wie die Anordnung der Fenster an allen vier Seiten des Turmes. So bietet sich dem Besucher ein schöner Rundum-Blick. „Fern-Sehturm“ haben die Korber ihren Aussichtsturm getauft.

Wer sich an dessen Fuß auf eine der drehbaren Holzliegen mit 360-Grad-Panorama fläzt, der blickt unweigerlich hinauf auf den Kleinheppacher Kopf, einen der größten und schönsten Kinosäle im Kreis. Und der ist immer einen Besuch wert.

Der kürzeste und schnellste, allerdings auch schweißtreibendste Weg hinauf führt über die Weinbergtreppen. Also: für zwei Minuten rauf auf die Panoramaliege, in der Horizontallage das Blut gleichmäßig in sämtliche Körperteile fließen lassen. Raus in die Vertikale, die Beinmuskulatur ein bisschen andehnen, den Achillessehnen gut zusprechen – und rein in die erste von vier Treppen.

Die Kellertreppe zu Hause ist gefährlicher

Flach und tief sind die Betonstufen zunächst, schön gleichmäßig und angenehm zu laufen. Nur minimal muss ich die Knie anheben, die Stolpergefahr ist gleich null. Auch, weil der Wengerter das treppenfressende Unkraut sauber zurückgeschnitten hat. Die Kellertreppe zu Hause ist gefährlicher, steiler, die Stufen sind höher und kürzer. Außerdem riecht’s hier draußen in den Weinbergen wesentlich besser. Ein Genuss sozusagen.

Die Verlockung ist groß, es gleich auf der ersten Etappe ordentlich krachen zu lassen. Ich halte mich aber zurück, schließlich ist der Weg das Ziel. Und das ist noch nicht einmal in Sichtweite. Zudem ist die Treppe deutlich länger, als sie – von unten aus betrachtet – aussieht.

Der rund 30 Meter lange, nahezu flache Verbindungsweg zur zweiten Treppe kommt nicht ungelegen. Sie ist nur unwesentlich kürzer, dafür aber unverschämt steil. Und die vier – unterschenkelhohen – Gitterstufen über dem eindrucksvollen Abwasserrohr kosten reichlich Körner.

So haben wohl alle Weinbergtreppen ausgesehen

Die dritte Treppe hat wenig mit ihren Vorgängerinnen gemeinsam. Keine maschinell gefertigten Betonplatten, stattdessen Natursteine. Nein, kleine Felsen. Unterschiedlich hoch und tief, uneben, wacklig, moosbewachsen und deshalb an manchen Stellen hinterhältig glitschig. Aber irgendwie auch durchaus sympathisch. So haben wohl alle Weinbergtreppen ausgesehen vor der Flurbereinigung.

Trotzdem muss ich höllisch aufpassen, dass ich mich nicht auf die Nase lege und bauchwärts die Treppe zurückrutsche. Das kleinere Problem sind dabei die widerborstigen, sich ständig in den Schnürsenkeln verhakenden Kletten und die Dornen, die in den Unterschenkeln einen blutenden Gruß hinterlassen.

Größeren Anlass zur Sorge machen die zwickenden Achillessehnen, außerdem sind die Waden mittlerweile steinhart und scheinen zum Laktat-Auffanglager mutiert zu sein. Im Zeitlupentempo setze ich die letzten Schritte auf die Stufen – geschafft. Fast jedenfalls. Ich bin nämlich erst am unteren Startplatz der Gleitschirmflieger angekommen. Das war vom Tal aus nicht zu sehen.

Beim Übergang zur Schlussetappe habe ich die Windräder auf dem Goldboden im Blick – und bin mir nicht ganz sicher, ob sie sich drehen oder ob mir nur ein bisschen schummrig ist. Die finalen Schritte schmerzen, eine weitere Treppe wäre zweifelsfrei eine zu viel gewesen. Im Vergleich zu den bleischweren Beinen fühlt sich die Lunge erstaunlich funktionsfähig an. Schnappatmung habe ich jedenfalls nicht, auch wenn die Pulsuhr mir etwas anderes weismachen will: 180 Schläge pro Minute. Soweit ich mich erinnern kann, darf ich diese Drehzahl gar nicht erreichen. Höchstens 220 minus Lebensalter, lautet die Regel. Die vergesse ich aber gleich. Das biografische Alter soll ja nicht immer identisch sein mit dem biologischen.

980 Meter Strecke und 145 Höhenmeter

Bis zum Gipfel sind’s insgesamt 695 Stufen. Die habe ich übrigens erst auf dem Rückweg gezählt. Rechnen und zugleich Höhenmeter vernichten, das hätte mich zweifelsfrei überfordert. 980 Meter Strecke und 145 Höhenmeter zeigt das GPS-Gerät an, knapp acht Minuten war ich unterwegs. Das war nicht gerade ein gemsengleicher Auftritt, aber immerhin habe ich das Ziel im aufrechten Gang erreicht.

Der Ausblick ist gigantisch von hier oben aufs Remstal, auf den Stuttgarter Kessel, den Schurwald und hinüber zu den Kaiserbergen. Über mir schrauben sich derweil die Gleitschirmflieger wie überdimensionale, bunte Adler majestätisch in den königsblauen Himmel.

Womöglich ist ja tatsächlich etwas dran am Satz, der auf der Hinweistafel am Startpunkt zu lesen ist: „Paragliding’s like Sex. If you enjoy Sex, you will love paragliding!“


Treppenlauf

695 Stufen, 980 Meter Strecke und 145 Höhenmeter sind’s vom Aussichtsturm in den Kleinheppacher Weinbergen bis auf den Kleinheppacher Kopf. Das ist freilich ein Klacks im Vergleich zu den Treppenläufen, die weltweit ausgetragen werden.

Unterschieden werden Läufe in Hochhäusern oder Türmen von jenen im freien Gelände. Die meisten Indoor-Stufen müssen im Millennium Tower in Wien bezwungen werden (2529 bei drei Aufstiegen), 1390 Stufen sind es im Rottweiler Thyssen-Krupp-Testturm.

Der längste Treppenlauf im Freien findet seit 2005 in Radebeul statt: Beim sächsischen „Mt.-Everest-Treppenmarathon“ sind auf einem Rundkurs in den Weinbergen bei 100 Runden insgesamt 39 700 Stufen auf- und abwärts mit einem Gesamtanstieg von 8848 Metern zurückzulegen. Der entspricht der Höhe des Mount Everest.

Waiblingen.
Wer braucht schon den Fernsehturm auf Degerlochs Höhen? Die Korber jedenfalls nicht. Für die Remstal-Gartenschau hat sich die Gemeinde einen eigenen Aussichtsturm bauen lassen. Nicht ganz so hoch freilich, zudem quadratisch, aus Holz und ohne Aufzug. Eher ein Tiny Towerle also.

Doch der Architekt hat sich etwas einfallen lassen: Der Turm kann über zwei Treppen mit jeweils 52 Stufen bestiegen werden. Für Rechts- und Linkskurver. Das ist ebenso clever

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